Rezension des Albums "Turkis" von Bjarke Falgren
Bjarke Falgren
Turkis
Erscheinungstermin: 26.06.2026
Label: Zack’s MUSIC, 2026
Manche Wege entstehen erst, wenn der erste Ton erklingt
Nicht jede Komposition beginnt mit einem festen Plan. Manche entsteht erst im Moment des Spielens, wenn Intuition, Erfahrung und Aufmerksamkeit den Weg vorgeben. Genau dieser Haltung folgt Bjarke Falgren auf seinem neuen Album Turkis.
Der dänische Geiger und Komponist verzichtet bewusst darauf, seine Musik auf ein klares Ziel hin zu steuern. Stattdessen vertraut er dem Prozess. Melodien entwickeln sich organisch, Tempi verändern sich beinahe unmerklich, und selbst die Stille erhält einen gleichberechtigten Platz im musikalischen Geschehen. So entsteht eine Musik, die weniger von Kontrolle als von Offenheit lebt.
Der Titel Turkis steht sinnbildlich für diesen Ansatz. Die Farbe beschreibt für Falgren einen Horizont ohne feste Grenzen – einen Ort, an dem Bewegung selbstverständlich wirkt und neue Wege jederzeit möglich sind. Dieses Bild spiegelt sich in allen Kompositionen wider. Nichts wirkt erzwungen, vielmehr entfaltet sich die Musik mit einer bemerkenswerten Natürlichkeit.
Im Mittelpunkt steht Falgrens unverwechselbares Geigenspiel. Sein nahezu dreihundert Jahre altes Instrument besitzt einen warmen, lebendigen Klang, doch entscheidend ist vor allem seine Art zu phrasieren. Jeder Ton scheint aus dem vorherigen hervorzuwachsen, jeder Bogenstrich folgt einem natürlichen Atem. Virtuosität ist dabei niemals Selbstzweck. Viel wichtiger sind Klangfarbe, Dynamik und die feinen Übergänge zwischen Spannung und Ruhe.
Musikalisch bewegt sich Turkis frei zwischen Jazz, skandinavischer Folktradition und improvisierter Musik. Diese Einflüsse treten jedoch nicht als stilistische Zitate in Erscheinung. Sie verschmelzen zu einer persönlichen musikalischen Sprache, die sich jeder eindeutigen Zuordnung entzieht. Gerade diese Offenheit verleiht dem Album seine besondere Identität.
Besonders beeindruckend ist das Gespür für Raum. Falgren nutzt Pausen und leise Passagen nicht als Unterbrechung, sondern als aktiven Bestandteil seiner Erzählweise. Dadurch entsteht eine Musik, die den Zuhörer nicht mit permanenten Höhepunkten beeindrucken möchte, sondern ihn behutsam in ihren Klangraum hineinzieht.
Turkis verlangt Aufmerksamkeit, belohnt diese jedoch mit einer außergewöhnlichen Nähe zum musikalischen Geschehen. Die Kompositionen entfalten sich ohne Eile und laden dazu ein, sich auf ihre feinen Nuancen einzulassen. Gerade darin liegt ihre größte Stärke.
Mit Turkis präsentiert Bjarke Falgren ein ebenso persönliches wie poetisches Album. Es verbindet improvisatorische Freiheit, melodische Sensibilität und eine außergewöhnliche Klangästhetik zu einer Musik, die nicht vorgibt, wohin sie führen wird – sondern den Mut besitzt, den Weg erst beim Spielen zu entdecken.
(Jacek Brun, 23.07.2026)
Besetzung
Bjarke Falgren - Violin
Heine Hansen - Piano
Morten Lundsby - Double Bass
Eliel Williams Lazo Linares - Congas
Anders Holm Jensen - Drums
Jakob Riis Holm - Guitar
Titelliste
- Embrace
- Il Posto del Padre
- Cigarillos por Favor
- Viola
- Tiden Står Stille Her
- Rossignol
- Rosa's Forår
- Low Five
- Vinden Vänder
- Hora Azul
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