Rezension des Albums "Pure Land" von Daniel Hernandez
Daniel Hernandez
Pure Land
Erscheinungstermin: 28.09.2026
Label: Unit Records, 2026
Eine Insel aus achtundachtzig Tasten
Auf einer imaginären Insel steht ein Klavier. Rundherum unbekanntes Terrain, fremde Landschaften, vielleicht ein Horizont, dessen Ende nicht zu erkennen ist. Dieses Bild eignet sich erstaunlich gut für Daniel Hernandezs „Pure Land”. Denn das Album wirkt wie eine Reise durch einen Raum, der erst während des Spielens Gestalt annimmt.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten betrachtet Hernandez das Klavier als Erweiterung seiner selbst. Diese enge Beziehung zum Instrument ist auf Pure Land unmittelbar spürbar. Zwischen Musiker und Klavier scheint kaum noch eine Distanz zu existieren. Gedanken werden zu Bewegungen, Bewegungen zu Klängen – und aus ihnen entstehen Geschichten.
Dabei spielt die Improvisation eine zentrale Rolle. Dennoch wäre es zu kurz gegriffen, das Album lediglich als Sammlung frei improvisierter Stücke zu verstehen. Hinter der Musik steht eine klare künstlerische Vorstellung. Hernandez besitzt ein Gespür dafür, wohin sich eine Erzählung entwickeln kann, ohne ihren Verlauf vollständig festzulegen. Freiheit bedeutet hier nicht Beliebigkeit.
Gerade daraus gewinnt Pure Land seine Spannung. Manche Passagen wirken reduziert und nach innen gekehrt, andere entwickeln eine deutlich stärkere Dynamik. Melodische Fragmente tauchen auf, verändern sich oder verschwinden wieder. Harmonien öffnen neue Räume, während Pausen ebenso selbstverständlich zur Dramaturgie gehören wie die gespielten Töne.
Hernandez lässt sich von der Welt der Science-Fiction inspirieren. Tatsächlich besitzt das Album etwas Filmisches, ohne wie ein imaginärer Soundtrack zu klingen. Die Musik erzeugt keine konkreten Bilder, sondern schafft die Voraussetzungen dafür, dass diese im Kopf des Hörers entstehen können. Landschaften bleiben unbestimmt, Entfernungen verändern sich und Vertrautes kann plötzlich fremd erscheinen.
Das funktioniert, weil Hernandez nichts beweisen muss. Seine Virtuosität ist vorhanden, steht aber nicht im Zentrum. Viel wichtiger sind Konsequenz und Konzentration. Jeder musikalische Gedanke scheint Teil einer größeren Erzählung zu sein. So entwickelt sich über das gesamte Album hinweg eine bemerkenswerte Kontinuität.
Auf Pure Land begegnen wir deshalb einem reifen Künstler, der sehr genau weiß, was er möchte – und ebenso genau weiß, was er nicht spielen muss.
Die imaginäre Insel bleibt am Ende unkartiert. Doch nachdem die letzten Töne verklungen sind, hat man das Gefühl, selbst einmal dort gewesen zu sein.
(Jacek Brun, 07.09.2026)
Besetzung
Daniel Hernandez – piano
Titelliste
- Pure Land
- Southern Winds
- Long Is the Wait
- Clouds
- Chorale For the Unknown
- Mi Isla
- All Directions At Once
- Nardis
- Interlude: Lost Thoughts
- Komorebi
- Solar
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