Ein Gespräch mit Hans Lüdemann über sein neues Album "Porgy`s Dream"

Ein Foto von Hans Lüdemann und Reiner Winterschladen
Hans Lüdemann und Reiner Winterschladen, Foto: Roger Hanschel

Der Pianist und Komponist Hans Lüdemann bewegt sich in unterschiedlichen musikalischen Welten. Er geht seinen eigenen Weg auf der Suche nach zeitgenössischen Ausdrucksformen und kennt dabei keine Grenzen. Seine Wurzeln in der europäischen Tradition und Moderne sowie im Jazz verbinden sich mit afrikanischen Einflüssen.

Hier spricht er über sich und sein neues Album "Porgy's Dream", das er im Duo mit dem Trompeter Reiner Winterschladen aufgenommen hat. Die beiden Musiker haben ein intuitives Verständnis füreinander entwickelt, bei dem es "keine Fragen mehr gibt" (Winterschladen). Von der ersten Sekunde an tauchen sie ein in einen intensiven Dialog voller knisternder Spannung zwischen Zärtlichkeit und furioser Virtuosität. Sie schaffen große Bögen, in denen es nur einen musikalischen Fluss gibt, aus dem sich Themen und Improvisationen wie zufällig ergeben.

jazz-fun.de:
Hans, Du bist einer der gefragtesten Pianisten. Erzähle uns, wie alles begann.

Hans Lüdemann:
Ich habe früh angefangen - mit sechs Jahren und dabei von Anfang an improvisiert und mir eigene Songs ausgedacht. Ein Jahr später bekam ich klassischen Klavierunterricht und ab diesem Zeitpunkt hat sich beides parallel entwickelt: die klassische Ausbildung und dazu die eigene musikalische Welt, in der ich mich autodidaktisch in Blues, Jazz und meine eigenen Ideen und Songs vertieft habe. Musik zu machen und Klavier zu spielen war meine große Leidenschaft und ist es geblieben.

jazz-fun.de:
Wer hat Deine Ausbildung und musikalische Entwicklung am meisten geprägt?

Hans Lüdemann:
Es gab viele wichtige Lehrer und Vorbilder - am Anfang meine klassischen Klavier- und Orgellehrerinnen, später die ersten Jazzworkshops bei Jasper van't Hof und George Gruntz, dann der private Unterricht bei Joachim Kühn in Hamburg, dessen einziger Schüler ich war. In Köln waren sowohl das Studium als auch die Jazzszene wichtig, in Banff Begegnungen mit Muhal Richard Abrams, Dave Holland, Steve Coleman, Anthony Davis und Toru Takemitsu. Entscheidend für die Entwicklung dann die Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit Musikern der deutschen und internationalen Szene: Albert Mangelsdorff, Heinz Sauer, Manfred Schoof, Joachim Kühn, Eberhard Weber, Jan Garbarek, Mark Feldman, Marc Ducret und - last but not least - die Zusammenarbeit und Freundschaft mit meinem früheren Vorbild Paul Bley. Eine große Bereicherung bedeutet das Studium afrikanischer Musik und ab 1999 die Zusammenarbeit mit afrikanischen Musikern, darunter Aly Keita, Tata Dindin, Toumani Diabaté, Chiwoniso und Ballaké Sissoko.

jazz-fun.de:
Welche Musiker haben Dich am meisten inspiriert?

Hans Lüdemann:
Die gerade erwähnten Musiker, aber auch viele der Musiker meiner Generation, mit denen ich zusammen studiert und angefangen habe - z.B. Achim Kaufmann und Simon Nabatov, Andreas Willers, Gebhard Ullmann und Roger Hanschel - später auch meine Studenten und immer die Musiker*innen in meinen Bands und Projekten, die ich sehr sorgfältig ausgewählt habe.

Natürlich spielen auch zeitgenössische und historische Vorbilder eine große Rolle - im Jazz etwa Monk, Ellington, James P. Johnson, Bud Powell, Keith Jarrett, Mc Coy Tyner - aus dem klassischen Bereich die Pianisten Arturo Benedetti Michelangeli, Svjatoslav Richter, Andras Schiff, Pierre-Laurent Aimard (mit dem ich auch zusammengearbeitet habe) und viele große Komponisten von Bach über Schönberg, Strawinsky, Haba, Eisler und Ligeti bis zu Peter Eötvös, Georg Friedrich Haas und Vito Zuraj. In den letzten Jahren habe mich aber auch neue musikalische Partner inspiriert: Sol Gabetta, Patricia Kopachinskaja, Han Bennink, Gerald Cleaver, Pierre Favre, Bobby Zankel, Gianluigi Trovesi, Rita Marcotulli, Luciano Biondini, Kalle Kalima, Sofia Jernberg...

jazz-fun.de:
Welche Projekte waren für Dich persönlich bisher am wichtigsten und erfolgreichsten?

Hans Lüdemann:
Meine aktuellen Bands TRIO IVOIRE und TRANSEUROPEEXPRESS (T.E.E.) - beide arbeiten langfristig seit 25 bzw. 10 Jahren! Mit dem T.E.E. habe ich 2023 zwei neue Alben veröffentlicht, eine Komposition daraus wurde für den "Deutschen Jazzpreis 2024" nominiert.

2021/22 habe ich den Rompreis für Komposition der Villa Massimo erhalten und konnte die Produktion "on the edges 3" in Rom realisieren. Basis des T.E.E. ist das Trio ROOMS mit Sebastien Boisseau und Dejan Terzic.

2009/10 und 2015/16 wurde ich als Gastprofessor an das Swarthmore College in Philadelphia/USA berufen. Für die CD Box "die kunst des trios" habe ich 2013 den "ECHO Jazz" erhalten. Als Solopianist bin in Europa, Nordamerika, Afrika und 2018 in China auf Tour gegangen und habe ein Repertoire mikrotonaler Klaviermusik entwickelt.

Bereits in den 80er und 90er Jahren hatte ich mit „FutuRISM“ eine Traumband realisiert (mit Hayden Chisholm, Reiner Winterschladen, Mark Feldman, Marc Ducret) und die Grossprojekte „NANA-Orchester“ und „Verloren ins weite Blau“, beides Kompositionsaufträge des WDR.

jazz-fun.de:
Dein neues Album "Porgy’s Dream" ist dem bekanntesten Werk von George Gershwin gewidmet. Wie bist Du auf die Idee gekommen und wie ist das Konzept entstanden?

Hans Lüdemann:
Ich habe 2019 einen Kompositionsauftrag der Oper Köln für ein Musiktheaterstück erhalten. Die Arbeit daran hat meine Aufmerksamkeit auf historische Vorbilder gelenkt und ich habe angefangen, die Partitur von "Porgy und Bess" zu studieren und dabei auch Stücke daraus am Klavier gespielt. Vorher kannte ich vor allem die instrumentale Fassung von Gil Evans und Miles Davis. Mir fiel dabei ein, dass Reiner Winterschladen, mit dem ich seit langer Zeit im Duo zusammengearbeitet habe, in der Gil Evans-Version des Stückes der NDR Bigband den Solopart gespielt hatte. Ich habe mir vorgestellt, dass eine Hommage an „Porgy & Bess“ gerade in der intimen Besetzung Trompete - Klavier besonders reizvoll wäre und Reiner gefiel die Idee. So haben wir dann begonnen, von dieser Basis ausgehend, gemeinsam ein Repertoire zu entwickeln und einen eigenen Zugang zu der Musik von Gershwin zu finden, dabei aber auch Bezug auf die Gil Evans-Version zu nehmen.

jazz-fun.de:
Was inspiriert Dich an der Musik von George Gershwin am meisten?

Hans Lüdemann:
Sie sind melodisch sehr stark und prägnant. Faszinierend ist auch die atmosphärische Intensität. Sie wird umso deutlicher, je mehr man sie im Kontext der Oper und der in ihr erzählten Geschichten und Schicksale begreift. Zu der rein musikalischen Ebene kommt eine sehr einfühlsame menschliche Ebene, die sich mit dem musikalischen Ausdruck verbindet. Dahinter steht eine weitere Dimension, die über das musikalische Werk hinausweist: Auch wenn es in Bezug auf „Porgy & Bess“ historische Widersprüche gibt - Gershwin’s Vorgabe, alle Rollen der Oper mit schwarzen Sängerinnen und Sängern zu besetzen, war in der damaligen Zeit sicher ein wichtiges und ungewöhnliches Zeichen.

jazz-fun.de:
Ein Duo mit Reiner Winterschladen bringt viel Intimität...

Hans Lüdemann:
Daran liegt der besondere Reiz des Albums. Zu der atmosphärischen Intensität kommen eine persönliche Ebene und ein musikalischer Dialog. Reiner nutzt dabei viele Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments, die über die normale Tonerzeugung hinausgehen und viele Feinheiten und Zwischentöne einbeziehen. Um diese Intimität zu errreichen, haben wir bewusst auf Virtuosität verzichtet und eine ruhige Grundstimmung gesucht.

jazz-fun.de:
Welchen Stellenwert hat die Improvisation auf dem Album?

Hans Lüdemann:
Einen sehr großen. Es gibt auf dem Album Gershwin - Passagen, die als solche klar erkennbar sind, aber improvisatorisch kommentiert und weiterentwickelt werden. In anderen Fällen sind diese Elemente in einen musikalischen Fluss eingebettet und werden von ihrem formalen Rahmen befreit - das bedeutet, dass die Improvisation den Ablauf bestimmt und weniger die komponierten Elemente. Das Titelstück „Porgy’s dream“ und weitere Titel sind schliesslich frei improvisierte Duos, die jeweils von einem Gershwin - Titel inspiriert sind und diesen als Ausgangspunkt nehmen.

jazz-fun.de:
Wie sieht die Entwicklung der kreativen Musik im Vergleich zu den Kompositionen vor einem Jahrhundert aus?

Hans Lüdemann:
Die Musik Gershwins aus dieser Zeit ist harmonisch und melodisch der Musik von Maurice Ravel verwandt. Kreative Musik hat seither vielerlei weitere Möglichkeiten und Räume eröffnet, bis hin zur musikalischen Abstraktion und bis ins Geräuschhafte. Die Integration afroamerikanischer Rhythmik und Melodik in die Konzertmusik war damals neu und hat sich seither ebenfalls weiterentwickelt, auch hin zu größerer rhythmischer Komplexität.

Alle diese Möglichkeiten stehen uns heute zur Verfügung und bedeuten, dass man heute mit dem musikalischen Material anders umgeht als damals. Ausserdem haben elektronische Musik und die elektronischen und digitalen Bearbeitungsmöglichkeiten einen großen Einfluss auf alle Aspekte der heutigen Musik und den Umgang mit ihr. Gerade deshalb kann es auch interessant sein, sich mit alten musikalischen Quellen auseinanderzusetzen. Man begegnet ihnen aus einer veränderten Perspektive.

jazz-fun.de:
Wann und wo kann man Dich live hören?

Hans Lüdemann:
Im Duo planen wir Konzerte ab dem Herbst - für Oktober stehen bisher zwei Termine in Köln (13.10. im LOFT) und Bremen (16.10., Mensa 13) fest. Im Sommer gibt es ein Duokonzert mit dem Gitarristen Kalle Kalima in Bergisch Gladbach (14.7. Villa Zanders), ausserdem einige Aktivitäten im Ausland - in Istanbul im Juni/Juli und für eine Konzertreise im August. Das TRIO IVOIRE wird dann möglicherweise in der Ukraine auf Tour gehen - allerdings müssen dafür noch einige Fragen geklärt werden. Diesen Herbst und nächstes Frühjahr gibt es auch wieder ein Projekt in den USA.

jazz-fun.de:
Und hier noch ein paar ganz private Fragen:
Welche Musik hörst Du „privat"?

Hans Lüdemann:
Viel Aktuelles, sowohl Jazz als auch Klassik und neue Musik und mehr - alles, was „gut“ und interessant ist, gerne auch live. Ich bleibe gerne auf dem Laufenden. Letzte Woche habe ich mehrere Aufführungen beim „Acht Brücken-Festival“ in Köln gesehen mit Musik von Enno Poppe, davor war ich bei der „Jazzahead“ in Bremen bei einem sehr schönen Konzert des Duos Valentin Ceccaldi & Leila Martial. Ich verfolge die Arbeit meiner Kolleginnen und Kollegen im Jazzbereich, auch die der jüngeren Generation. Ich nutze Streaming- Portale, das Radio oder stöbere in meiner Vinyl- und CD-Sammlung und höre mir alte und neue Scheiben an. Das geht von Freddie King und Frank Zappa bis zu Mozart-Opern und den Gurre-Liedern. In dieser Woche war ich bei der GEMA - Versammlung in Berlin, wo Joy Denalane und Max Herre aufgetreten sind. Es ist gut, das mal zu hören, aber es war für mich persönlich weniger interessante Musik - für meinen Geschmack zu konventionell. Spannender war der Abend danach mit einem eigenen Kurzauftritt im Club LARK im Duo mit Aly Keita als Teil eines bunten Programms mit Songwritern und weiteren, teils ganz jungen Künstler*Innen aus Pop, Jazz und Klassik/neuer Musik.

jazz-fun.de:
Pizza oder Pasta? Vielleicht etwas ganz anderes?

Hans Lüdemann:
Indisch vegetarisch - Yoghurt Kofta Curry gehört zu meinen persönlichen Lieblingsrezepten, die ich gerne selber zubereite.

jazz-fun.de:
Was ist für Dich die schönste Aussicht?

Hans Lüdemann:
Der Blick von meinem Hausberg, dem „Lüderich“ in Hoffnungsthal über die Kölner Bucht auf Köln, bis in die Eifel und ins Siebengebirge, im Süden bis Bonn und im Norden bis nach Düsseldorf.

Der Blick über den Bosporus in Istanbul von Tarabya nach Beykoz - von Europa nach Asien.

Der Blick über den Villa Ada Park in Rom.

jazz-fun.de:
Was machst Du an einem Sonntag, wenn Du nicht musizierst?

Hans Lüdemann:
Freunde und Familie treffen und unbedingt ins Freie zum Joggen oder mit meinem Ruderboot auf einen Fluss oder See, um sich zu bewegen und einige Kilometer lang Luft und Licht zu tanken.

jazz-fun.de:
Dein Lieblingsgetränk?

Hans Lüdemann:
Café Americano

Text: jazz-fun.de
Foto: Roger Hanschel

Hans Lüdemanns Internetseite
www.hansluedemann.de/

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