Rezension des Albums "Schattenspiele" von Gebhard Ullmann

Gebhard Ullmann - Schattenspiele - Album cover
Gebhard Ullmann - Schattenspiele

Gebhard Ullmann
Schattenspiele

Erscheinungstermin: 18.09.2026
Label: Fineline, 2026

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Was erst im Schatten sichtbar wird

jazz-fun`s recap:

Manche Musik erschließt sich in wenigen Minuten. Andere verlangt, dass man bei ihr bleibt. Gebhard Ullmann gehört seit Jahrzehnten zu jenen Musikern, die ihren Hörern diese zweite Form der Aufmerksamkeit abverlangen. Auch Schattenspiele gibt seine Geheimnisse nicht sofort preis. Man muss zuhören, warten, sich auf die Musik einlassen – und vielleicht zunächst aufhören, alles verstehen zu wollen.

Die Kompositionen des Albums sind über einen längeren Zeitraum entstanden. Sie dokumentieren damit keinen einzelnen Moment, sondern einen künstlerischen Prozess, in dem musikalische Gedanken durch Aufführungen, Reflexion und die Zusammenarbeit mit anderen immer wieder verändert wurden. Bei Ullmann scheint eine Komposition ohnehin selten etwas endgültig Abgeschlossenes zu sein. Sie bleibt ein Raum, in dem weitere Entwicklungen möglich sind.

Entsprechend fließend werden auf Schattenspiele die Grenzen zwischen Komposition und Improvisation, Struktur und Spontaneität. Festgelegtes Material kann Ausgangspunkt einer freien Entwicklung werden, während improvisierte Passagen plötzlich eine Klarheit besitzen, als wären sie längst Teil der Partitur gewesen.

Stilistisch lässt sich das kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Die Musik bewegt sich durch unterschiedliche Stimmungen, Verdichtungen und offene Räume. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuhören. Unter der Oberfläche tauchen melodische Linien auf, manchmal sofort erkennbar, manchmal nur angedeutet. Sie verschwinden wieder, verändern ihre Gestalt oder werden von anderen Stimmen weitergedacht.

Vielleicht muss man diese Musik deshalb zunächst fühlen, bevor man sie analysiert. Ihre Qualität liegt nicht allein in der intellektuellen Konstruktion. Sie entsteht ebenso aus Klang, Spannung, Reaktion und jener besonderen Kommunikation zwischen Musikern, die im Moment des Spielens Entscheidungen treffen.

Dass große Teile im Berliner Bonello Studio nahezu live eingespielt wurden, ist dabei wesentlich. Die Aufnahme bewahrt jene unmittelbare Energie, die entsteht, wenn ein Ensemble nicht auf nachträgliche Perfektion vertraut, sondern auf gemeinsames Hören und Reagieren.

Ullmann macht es sich selbst nicht leicht – und seinen Hörern ebenfalls nicht. Genau darin liegt seit Langem eine Qualität seiner Arbeit. Er unterschätzt das Publikum nicht. Er vertraut darauf, dass wir bereit sind, einer musikalischen Idee zu folgen, auch wenn wir noch nicht wissen, wohin sie führt.

Schattenspiele braucht deshalb Zeit. Doch mit jedem weiteren Hören verschieben sich Licht und Schatten, und plötzlich wird etwas sichtbar, das vorher verborgen geblieben ist.

Vielleicht ist diese Musik gerade deshalb so faszinierend: Man wird mit ihr niemals ganz fertig.

(Jacek Brun, 18.09.2026)

Besetzung

Track 1-4 LUX:NM
Rike Huy -Trumpet
Ruth Velten - Alto Saxophone
Florian Juncker - Trombone
Silke Lange - Accordion
Zoé Cartier – Violoncello
Vitalii Kyianytsia – Piano
Adam Weismann - Vibraphone, Bass Drum
Gebhard Ullmann - Bass Clarinet

Track 6-10 Adumá Saxophonquartett
Irina Yudaeva - Soprano Saxophone
Christian Schilf - Alto Saxophone
Yunxi Cheng - Tenor Saxophone
Kathrin von Kieseritzky - Baritone Saxophone

Track 5 & 11
Gebhard Ullmann - Bass Clarinet

Titelliste

  1. I. Schattenspiele 1/2
  2. II. Dunkle Schattierungen teilweise überlagert von rötlichen Pastelltönen
  3. III. Schattenspiele 3
  4. IV. Schattenspiele 4
  5. Für Bassklarinette Alleine
  6. Hell und Bunt (Fünf Farben für Saxophonquartett)
  7. I. Scale 9.3 - Hell
  8. II. Bunt
  9. III. Himmel No. 5
  10. IV. D. Turquois
  11. V. Scale 9.3 - Finale
  12. Gospel (Für Bassklarinette Solo)

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