Rezension des Albums "Trio Solo" von Gisela Horat
Gisela Horat
Trio Solo
Erscheinungstermin: 25.09.2026
Label: Unit Records, 2026
Wenn die Zeit beim Hören verschwindet
Es gibt Alben, deren Länge man bemerkt. Und es gibt solche, bei denen irgendwann nicht mehr wichtig ist, wann sie begonnen haben und wann sie enden. Trio Solo von Gisela Horat gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Die Schweizer Pianistin und Komponistin beschreibt ihre Musik als eine sehr persönliche Form der Auseinandersetzung mit dem Leben – mit Freude, Widerständen, Erinnerungen und Gefühlen. Gleichzeitig soll sie Schönheit enthalten und Raum für Ruhe, Innenschau und Reflexion schaffen. Genau diese Haltung prägt das gesamte Album.
Horat verbindet Stücke für Klaviertrio mit solistischen Passagen und schafft daraus eine ungewöhnlich geschlossene Erzählung. Simon Iten am Kontrabass und Samuel Büttiker am Schlagzeug sind dabei weit mehr als Begleiter. Sie reagieren, öffnen Räume, verdichten einzelne Momente und tragen entscheidend dazu bei, dass die Musik ständig in Bewegung bleibt, ohne ihre innere Ruhe zu verlieren.
Charakteristisch ist das klare Klangbild. Horat vertraut meistens auf den natürlichen Ton des Klaviers, setzt jedoch gelegentlich Präparationen ein, um Farben zu verändern oder bestimmte Stellen hervorzuheben. Diese Eingriffe wirken nie dekorativ. Sie tauchen auf, verschieben für einen Augenblick die Wahrnehmung und verschwinden wieder in der größeren musikalischen Bewegung.
Überhaupt lebt Trio Solo von solchen kleinen Veränderungen. Kurze komponierte Melodien bilden häufig den Ausgangspunkt, aus dem spontane Improvisationen wachsen. Die Grenze zwischen beidem wird zunehmend unwichtig. Was vorbereitet und was im Augenblick entstanden ist, lässt sich oft kaum unterscheiden – und genau darin liegt der Reiz.
Die Musik entwickelt sich wie eine lange, intime Erzählung. Es gibt melodische Passagen, stille Momente, emotionale Steigerungen und frei fließende Improvisationen. Nichts wirkt forciert. Auch dort, wo die Intensität zunimmt, behält Horat eine bemerkenswerte Klarheit.
Vielleicht erklärt das auch, warum die Länge des Albums nie zur Belastung wird. Man hört nicht eine Folge einzelner Stücke, sondern folgt einem musikalischen Gedankenstrom. Die Zeit verliert dabei nach und nach ihre Bedeutung.
Trio Solo entzieht sich einer eindeutigen stilistischen Einordnung. Jazz, Improvisation, kompositorische Strukturen und freie Klanggestaltung existieren nebeneinander, ohne dass eines davon die Musik vollständig beschreibt.
Man kann versuchen, diese Musik zu erklären.
Viel sinnvoller ist es, ihr zuzuhören – und sich darin für eine Weile zu verlieren.
(Jacek Brun, 28.09.2026)
Besetzung
Gisela Horat – piano & composition
Simon Iten – double bass
Samuel Büttiker – drums
Titelliste
- Leben (Trio)
- Ein Schicksalsschlag (Trio)
- Verloren (Trio)
- Angst (Trio)
- Blick in die Welt (Trio)
- Der kleine Gnom (Trio)
- Im Stress (Trio)
- Einfach müde (Trio)
- Innere Unruhe (Solo)
- Zerstreutheit (Solo)
- Mutter (Solo)
- Leben (Solo)
- An meine Schwester Denken (Solo)
- Angst (Solo)
- Spielerei (Solo)
- Dem Tode nahe (Solo)
- Leben! (Solo)
- Vergessen (Solo)
- Abschied (Solo)
Unterstützen Sie unabhängigen Jazzjournalismus
Wenn Ihnen unsere Arbeit gefällt, können Sie Teil der jazz-fun.de Community werden.
jazz-fun`s recap:
Einen Kommentar schreiben