Carsten Lindholm – Klangräume zwischen nordischer Lyrik und rhythmischer Freiheit

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Carsten Lindholm, Foto: Helmut Dobratz

Biographie

Der dänische Schlagzeuger, Komponist und musikalische Kurator Carsten Lindholm gehört zu jenen europäischen Jazzmusikern, für die das Zusammenspiel weniger von Hierarchien als von Kommunikation geprägt ist. Seine Musik verbindet die lyrische Offenheit des skandinavischen Jazz mit melodischer Klarheit, rhythmischer Raffinesse und einer ausgeprägten Kultur des Zuhörens. Dabei versteht Lindholm das Schlagzeug nicht allein als rhythmisches Fundament, sondern als Instrument, das Dynamik, Atmosphäre und Richtung einer Musik entscheidend mitgestaltet.

Lindholm wuchs in Kerteminde auf der dänischen Insel Fünen in einer musikalischen Familie auf. Sein Vater spielte Klavier, sein Großvater Violine in einem Sinfonieorchester. Sein eigenes Instrument fand er eher spielerisch: Als Kind trommelte er im heimischen Keller auf Dosen und anderen Gegenständen, bis seine Mutter auf eine Anzeige des örtlichen Schulorchesters aufmerksam wurde, das nach jungen Schlagzeugern suchte. Lindholm bestand das Vorspiel und erhielt anschließend Unterricht in klassischer Snare-Drum-Technik und am Schlagzeug.

Eine wichtige frühe Begegnung war der Unterricht bei dem Schlagzeuger Ulf Scott. Dieser eröffnete ihm neue musikalische Perspektiven und bestärkte ihn schließlich darin, 1991 nach Kopenhagen zu ziehen. Dort setzte Lindholm seine Ausbildung fort. Am privaten Konservatorium D.A.R.K. studierte er bei Carsten Dahl, der ihm insbesondere die Verbindung zwischen rhythmischem und harmonischem Denken vermittelte. Dahl empfahl ihm später, bei Ed Thigpen zu studieren. Der legendäre Schlagzeuger, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Oscar Peterson, Ella Fitzgerald und Ben Webster, wurde für mehrere Jahre zu einem wichtigen Lehrer Lindholms.

Vom Jazzstandard zur eigenen Sprache

In seinen ersten Jahren in Kopenhagen arbeitete Lindholm vor allem als Sideman und spielte intensiv das klassische Jazzrepertoire. Dabei beschäftigte er sich mit der Geschichte des Jazz ebenso wie mit Funk, klassischer Musik und indischer Musik. Schlagzeuger wie Art Blakey und Elvin Jones gehörten zu seinen frühen Bezugspunkten. Später wurden Musiker wie Paul Motian, Jack DeJohnette, Jon Christensen, Peter Erskine, Manu Katché und Brian Blade wichtige Inspirationsquellen.

Eine entscheidende Erweiterung seines musikalischen Horizonts erfolgte 1996 während eines Sommerkurses bei Lars Danielsson. Zunehmend rückten die spezifischen Klangvorstellungen des europäischen und insbesondere skandinavischen Jazz in den Mittelpunkt. Esbjörn Svensson, Jan Garbarek und Danielsson stehen dabei für eine Haltung, die Lindholm bis heute beschäftigt: Jazz nicht ausschließlich aus der amerikanischen Tradition heraus zu denken, sondern die eigene kulturelle Herkunft in eine zeitgenössische improvisierte Musik einzubeziehen.

Auch die Yellowjackets, Michel Camilo, Pat Metheny und später Musiker wie Russell Ferrante und Vince Mendoza hinterließen Spuren in seinem musikalischen Denken. Hinzu kommt eine intensive Beschäftigung mit der südindischen Rhythmussprache Konnakol. Aus diesen unterschiedlichen Einflüssen entwickelte Lindholm eine eigene Ästhetik, in der komplexe rhythmische Strukturen nicht zum Selbstzweck werden, sondern stets dem musikalischen Ausdruck dienen.

Der Weg zum Komponisten

Viele Jahre konzentrierte sich Lindholm vor allem auf seine Arbeit als Schlagzeuger. Erst ein persönlicher Einschnitt führte ihn verstärkt zum Komponieren. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 2006 suchte er nach einer eigenen musikalischen Ausdrucksform und begann zunächst am Computer mit elektronischer Musik zu experimentieren. Daraus entwickelte sich zunehmend sein Interesse an Komposition und Produktion.

Als Komponist bevorzugt Lindholm offene Strukturen. Seine Stücke geben den beteiligten Musikerinnen und Musikern Raum, eigene Entscheidungen zu treffen und die Musik im Moment weiterzuentwickeln. Improvisation, Interaktion und gemeinsames Erzählen bilden entsprechend zentrale Elemente seiner Arbeit.

Im Laufe seiner Karriere arbeitete Lindholm unter anderem mit Erik Truffaz, John Beasley, Reggie Washington, Eivind Aarset, Christopher Dell und Jan Gunnar Hoff. Konzertreisen und Projekte führten ihn auf Festivals und in Jazzclubs in Dänemark, Norwegen, Schweden, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden.

Das Trio als musikalischer Dialog

Eine besondere Bedeutung besitzt für Lindholm die Trioformation. Die reduzierte Besetzung eröffnet ihm jene Freiräume, die für sein musikalisches Denken wesentlich sind: Jeder Musiker trägt Verantwortung für Form, Dynamik und Entwicklung, während zugleich genügend Platz für spontane Veränderungen bleibt.

Eine langjährige Verbindung besteht mit dem norwegischen Pianisten Jan Gunnar Hoff. Gemeinsam mit dem niederländischen Bassisten Jasper Somsen bildet Lindholm das Hoff Somsen Lindholm Trio. Die Formation entstand aus einer zunächst zufälligen Begegnung: Somsen sprang bei einem Konzert in Bayreuth für Reggie Washington ein. Die musikalische Chemie zwischen den drei Musikern führte zur Gründung eines gemeinsamen Trios.

Nach dem Album Northwest setzte die Formation ihre Zusammenarbeit mit Human Vibe fort, das 2026 bei Challenge Records erschien. Eigene Kompositionen, kollektive Gestaltung und eine melodisch geprägte europäische Jazzsprache stehen im Zentrum des Ensembles.

Daneben arbeitet Lindholm im Aeby Markusson Lindholm Trio mit dem Schweizer Pianisten Stefan Aeby und dem schwedischen Bassisten Thomas Markusson. Hier treffen zeitgenössischer europäischer Jazz, improvisatorische Offenheit und weitläufige Klanglandschaften aufeinander.

Eine weitere Seite seiner Arbeit zeigt sein dänisches Trio mit Pianist Mathias Grove und Bassist Klavs Hovman. Anders als in klassischen Leader-Konstellationen bringen alle drei Musiker eigene Kompositionen ein und entwickeln daraus ein gemeinsames Repertoire.

Die Ensembles werden gelegentlich um Gäste erweitert, darunter die dänische Multiinstrumentalistin und Perkussionistin Annika Askman sowie die norwegisch-nepalesische Perkussionistin und Komponistin Sanskriti Shrestha.

Musik als europäisches Netzwerk

Lindholm versteht seine Projekte zugleich als Plattformen für längerfristige künstlerische Beziehungen. Musiker unterschiedlicher Generationen und Nationalitäten sollen nicht nur für einzelne Produktionen zusammenkommen, sondern gemeinsame musikalische Sprachen entwickeln können.

Darin zeigt sich auch sein Verständnis von europäischem Jazz. Für Lindholm besitzt dieser längst eine eigenständige Identität. Musiker können aus ihren jeweiligen kulturellen Traditionen schöpfen und sie in die improvisierte Musik einbringen, ohne die amerikanischen Ursprünge des Jazz auszublenden.

Seine eigene Arbeit steht exemplarisch für diesen Ansatz. Skandinavische Melodik, amerikanische Jazztradition, südindische Rhythmik und Erfahrungen aus jahrzehntelanger Ensemblearbeit treffen aufeinander, ohne zu einem stilistischen Patchwork zu werden. Im Mittelpunkt bleibt vielmehr das, was Lindholm bereits für die Aufgabe eines Schlagzeugers als wesentlich bezeichnet: Timing ist die Grundlage – entscheidend aber sind Ausdruck, Kommunikation und die Fähigkeit, einer Musik gemeinsam Gestalt zu geben.

Diskographie

  • Human Vibe – Challenge Records, 2024
  • Northwest – Challenge Records, 2024
  • Daylight Savings – Gateway Music, 2022
  • Indispiration – JazznArts, 2017
  • Tribute – Gateway, 2011

Links

Carsten Lindholm Internetseite:
https://carstenlindholm.dk/

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