Rezension des Albums "I’ll make you coffee while you still sleep" von Jacob Wick

Jacob Wick - I’ll make you coffee while you still sleep - Album cover
Jacob Wick - I’ll make you coffee while you still sleep

Jacob Wick
I’ll make you coffee while you still sleep

Erscheinungstermin: 18.09.2026
Label: Ropeadope Sur, 2026

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Die großen Dinge in den kleinen Gesten

jazz-fun`s recap:

Liebe zeigt sich nicht immer in großen Worten. Manchmal besteht sie darin, morgens leise Kaffee zu kochen, während der andere noch schläft. Schon der Titel von Jacob Wicks I’ll Make You Coffee While You Still Sleep beschreibt eine solche beiläufige Geste – und enthält damit eigentlich den Gedanken des gesamten Albums.

Der in den USA geborene und heute in Mexiko lebende Trompeter, Komponist und Improvisator richtet den Blick auf jene stillen Momente, aus denen Beziehungen bestehen. Im Zentrum stehen Erfahrungen queerer Partnerschaften, doch Wick erzählt davon so persönlich und zugleich offen, dass daraus etwas Universelles entsteht: Musik über Nähe, Fürsorge, Erinnerung, Verletzlichkeit und die manchmal unscheinbaren Augenblicke, in denen Verbundenheit sichtbar wird.

Gemeinsam mit seinem langjährigen Quartett aus Federico Sánchez an der Gitarre, Alonso López Valdés am Bass und Gibrán Andrade am Schlagzeug verbindet Wick eigene Kompositionen mit fantasievollen Neubetrachtungen von Standards. Geschlossene Formen und offene Improvisationen gehen ineinander über. Melodien tauchen auf, verändern sich, verschwinden wieder, rhythmische Strukturen verschieben sich, und immer wieder übernimmt das gesamte Ensemble gemeinsam die Erzählung.

Dieses nichtlineare Vorgehen passt wunderbar zum Thema. Erinnerungen verlaufen schließlich ebenfalls nicht chronologisch. Ein Klang kann plötzlich einen Moment zurückholen, eine melodische Wendung eine Stimmung verändern, eine Improvisation etwas ausdrücken, das sich mit Worten kaum festhalten lässt.

Wicks Trompete besitzt dabei eine lyrische Direktheit, die nie nach demonstrativer Virtuosität sucht. Er lässt den Tönen Raum und vertraut darauf, dass eine Phrase nicht kompliziert sein muss, um etwas zu erzählen. Gleichzeitig setzt er seine Stimme ein – eine vergleichsweise neue Ausdrucksform für ihn –, wodurch die ohnehin intime Atmosphäre des Albums noch persönlicher wird.

Die Musik bleibt im Jazz verwurzelt, muss sich dort aber nicht vollständig einrichten. Elemente amerikanischer Songtradition stehen neben experimentellen kompositorischen Gedanken und kollektiver Improvisation. Gerade diese Offenheit lässt das Quartett so lebendig wirken. Die Musiker begleiten einander nicht einfach; sie reagieren, greifen Gedanken auf, verändern sie und geben sie weiter.

So entsteht ein Album, dessen Schönheit weniger in spektakulären Höhepunkten als in der Aufmerksamkeit für Details liegt. Ein kurzer Dialog zwischen Trompete und Gitarre, eine Verschiebung im Rhythmus, eine scheinbar beiläufige Melodie können plötzlich zum emotionalen Zentrum eines Stückes werden.

I’ll Make You Coffee While You Still Sleep erzählt deshalb letztlich von Verbindung. Nicht von Liebe als idealisiertem Zustand, sondern von etwas, das jeden Tag neu in kleinen Gesten, Gesprächen und gemeinsamen Augenblicken entsteht.

Vielleicht sind es genau diese Momente, die irgendwann unsere wichtigsten Erinnerungen werden.

Und manchmal beginnt alles einfach mit einer Tasse Kaffee.

(Jacek Brun, 26.09.2026)

Besetzung

Jacob Wick - trumpet & voice
Federico Sánchez - guitar
Alonso López Valdés - bass
Gibrán Andrade - drums

Titelliste

  1. Every day I stand on the balcony and hope you walk by
  2. New Jersey Turnpike 3am cold coffee stale milk
  3. Fate should have made you a gentleman's ____
  4. Sentado en la barra con un nazi y Ramón
  5. Ya
  6. My Way
  7. Paso y vamos juntos caminando de la mano
  8. Un día nos vamos a morir
  9. Every Time We Say Goodbye

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