Interview mit Romain Leleu

von Cosmo Scharmer

Romain Leleu
Romain Leleu, Foto: Jean Baptiste Millot

Cosmo Scharmer:
Das Konzert Nr. 1 ist eine anspruchsvolle Herausforderung für das Piano. Dagegen erhält die Trompete nur einen kurzen eigenen Teil in diesem Stück. Was war Ihre Motivation, an diesem Konzert teilzunehmen?

Romain Leleu:
In der Tat, der Teil für die Trompete ist vielleicht weniger interessant als der Klavieranteil. Aber glauben Sie mir, ich habe dieses Stück mehrfach gespielt und die Wirkung war jedes Mal die gleiche...es ist einfach spektakulär für das Publikum. Sicherlich hat Schostakowitsch ein Klavierkonzert mit einem zusätzlichen Trompetenanteil geschrieben. Aber der Teil für die Trompete ist durchaus delikat und es ist schwierig, so lange bis zum Einsatz zu warten.
Die Motivation für die Teilnahmen an dem Konzert begründet sich darauf, dass ich den Dirigenten Howard Griffiths sehr schätze. So konnte ich im letzten Jahr mit seinem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt (BSOF) das Trompetenkonzert von Nepomuk Hummel aufnehmen. Und ich liebe es, in Deutschland zu spielen, wo ich einige Projekte realisieren will.

Cosmo Scharmer: Die Suite für Varieté Orchester ist bekannt als Jazz Suite Nr. 2. Aber es enthält keine Jazzelemente. Dies kann nur vermutet werden; was könnte die Intention von Schostakowitsch gewesen sein, dieses Stück so zu benennen?

Romain Leleu: Ich denke, dass es die Verwendung von Saxofonen im Orchester ist. Für mich ist es populäre Musik, die für das Publikum einfach zu hören und zu verstehen ist, für die Musiker aber schwierig zu spielen. Diese Musik unterscheidet sich sehr von seinen anderen Werken wie den Sinfonien, es sind andere Farben, andere Stimmungen.

Cosmo Scharmer: Sie haben mit Convergences ein Ensemble gegründet, das kein traditionelles Streichquartett ist, sondern mit dem Kontrabass über eine zusätzliche Stimme verfügt.

Romain Leleu: Convergences ist mein ganz persönliches Projekt, dass ich 2009, als ich den Victoires de la Musique Classique (das französische Pendant zum Echo) gewann, gründete. Zu dieser Zeit begann ich meine Karriere als Solist und ich wollte einfach mal andere Musik machen, als die Musik der Orchesterkonzerte; die Gelegenheit bot sich sehr oft, mit großartigen Orchestern zu spielen.

Cosmo Scharmer: Die Musik enthält einige klassische Elemente, aber auch einen individuellen Sound. Wie hat sich das Ensemble und die Musik entwickelt?

Romain Leleu: In diesem Projekt beabsichtigen wir, eine andere Musik, einen anderen Stil zu präsentieren. Dies war unsere Entscheidung.
Dabei gebührt unserem Arrangeur besonderen Dank, da kein Repertoire existierte. Das Streichquintett ist die kleinste Formation, um einen orchestralen Klang zu erzeugen. Die Arbeit im Ensemble bewegt sich ständig zwischen den Klängen eines Orchesters und denen von Kammermusik.

Cosmo Scharmer: Warum verwenden sie den Kontrabass in Ihrem Ensemble?

Romain Leleu: Dies ist der Grund, weshalb ich in einem Sextett spiele und nicht mit einem Quartett. Der Kontrabass gibt uns den Sound, den wir brauchen, um das volle musikalische Spektrum auszuschöpfen. So kann es wie ein Kammerensemble, ein Streichorchester oder ein Streichquintett klingen.

Wir können alles spielen. Jeder Musiker prägt die Musik durch seinen eigenen Anteil. Deshalb ist es wichtig für mich, dass wir ohne einen Dirigenten musizieren. Es ist wie in einem Labor, in dem wir verschiedene Stücke, Arrangements oder eigene Kompositionen testen können. Wir nehmen uns einfach die Zeit, eine Menge Sachen auszuprobieren. In diesem Sinn können wir alles spielen: Klassik, Bossa Nova, Jazz, Filmmusik und zeitgenössische Musik. Ich liebe es, das ganze Repertoire auszuschöpfen.

Cosmo Scharmer: Auf der CD sind einige Elemente aus der lateinamerikanischen Musik  - aus Brasilen oder dem Tango Nuevo - zu hören. Was fasziniert Sie an dieser Musik?

Romain Leleu: Ich liebe die Musik Lateinamerikas, von Piazzolla über viele andere zu Carlos Jobim. Der Tango Nuevo ist jedoch kein klassischer Tanz, dies ist zeitgenössische Musik. Wir können das musikalische Erbe des Tango in die „Neue Musik“ überführen, es mit den Anforderungen dieser Musik versehen, es mit neuen Klangfarben verbinden. Dies ist das Faszinierende daran!

Cosmo Scharmer: Die Musik von Astor Piazzolla korrespondiert sehr gut mit der Stilistik und der Intonation der klassischen Musik. Die Trompetenstimme ergänzt oder vervollständigt die führende Klangfarbe des Bandoneons in einer exzellenten Art und Weise. Wie ist dies möglich?

Romain Leleu: Richtig, Piazzolla war ein klassischer Musiker. Er studierte in Paris bei Nadia Boulanger und als er zurückkehrte nach Lateinamerika, traf er den Entschluss, seinen eigenen und einzigartigen Stil zu entwickeln. Sicher, er war ein klassischer Musiker, aber mit etwas ganz Neuem in der Musik und in seiner Art zu spielen. Um die führende Stimme des Bandoneons zu ergänzen, kann ich nicht einfach imitieren, aber es ist hilfreich, verschiedene Schalldämpfer zu verwenden, also mit der gestopften Trompete zu arbeiten.

Bevor ich mich entschließe, die Musik zu übertragen, höre ich mir viele verschiedene Versionen an. Für mich ist die Trompete wie eine menschliche Stimme. So können wir alles machen und unseren Sound entwickeln. Die Stimme ist das erste Vorbild, das erste Probieren mit dem die Schwingungen und der volle Klang erzeugt werden. Die Stimme ist unser wichtigstes Instrument für jeden Menschen.

Cosmo Scharmer: Die Trompete hat eine große Tradition im Jazz. Zum Beispiel haben Musiker wie Miles Davis oder Wynton Marsalis auch klassische Stücke gespielt. Sie haben die Grenzen des Genres von dem Blickwinkel des Jazz überwunden. Sind Sie einer der ersten, der die Grenzen vom klassischen Blickwinkel aus überwindet?

Romain Leleu: Natürlich haben wir verschiedene Musikstile, aber Musik bleibt Musik. Mir gefällt es nicht, Schubladen für die einzelnen Stile aufzumachen. Ich versuche eine „Brücke“ zwischen Klassik und Jazz zu bauen. Aber ich bin ein klassischer Musiker mit einer klassischen Ausbildung. Mir gefällt es, Haydn, Hummel, Bach, aber auch Jobim, Piazzolla, Morricone, und Michael Jackson zu spielen!
Möglicherweise bin ich an der Grenze der Klassik angelangt. Ich weiß es nicht. Ich versuche einfach, Musik zu machen, Freude daran zu haben und dies mit meiner Begeisterung weiterzugeben – das ist das Wichtigste in meinem musikalischen Leben!

Über Romain Leleu

Romain Leleu (geb. 1983) trat mit 15 Jahren in das Pariser Conservatorium ein und setzte sein Studium in Deutschland an der Musikhochschule in Karlsruhe bei Reinhard Friedrich fort. Heute gilt er als einer der interessantesten jungen Trompetern. Sein Repertoire reicht von Barockmusik über Neue Musik bis hin zu Jazz (mit seinem Ensemble Convergence). Gerade neu erschienen ist die CD VOCALISES mit Thierry Escaich bei APARTE, mit Einspielungen von Händel, Purcell, Satie, Bernstein bis zu Édith Piaf.

Der junge Solist scheint auf der Bühne mit seinem Instrument verwoben zu sein, mit ihm eins zu werden. Sein Spiel ist strahlend und klar; es kann das Fanfarenhafte des Instruments betonen; zugleich vermag Leleu filigran, fein schattierend die Zartheit der Trompete, deren melancholisches Temperament hervorzustreichen. Was ihn noch von anderen Puristen unterscheidet: Leleu hat keine Berührungsängste mit den verschiedenen Genres. Im Gegenteil, er möchte mit seinem Insturment ein möglichs breites Publikum erreichen und das Trompetenrepertoire aktiv erweitern. So spielt er mit derselben Leichtigkeit sowohl zeitgenössische Musik und Jazz als auch die alten Klassik-Meister und arbeitet an vielen Werktranskriptionen mit. Als Widmungsträger hat Romain Leleu neue Werke von Komponisten wie Martin Mataton (Trame XII für Trompete und Orchester), Philippe Hersant (Volkslieder für Solotrompete), Karol Beffa (Konzert für Trompete und Orchester, U-Bahn für Trompete und Klavier), Jean-Baptiste Robin ( Récits Héroïques für Trompete und Orgel), Vincent Peirani (Random Obsession für Trompete und Streicher) uraufgeführt.

Sein Herzensprojekt heißt Convergences: ein einmaliges Ensemble in der Musiklandschaft, das die Trompete mit einem Streichquintett zusammenbringt. Auf der erfolgreichen CD „Inspirations“ präsentieren diese Ausnahmemusiker, die den besten Orchestern Frankreichs angehören, eine sehr eigene, originelle Auswahl von Stücken (von Gabriel Fauré bis Kurt Weill).

Text: Cosmo Scharmer

Einen Kommentar schreiben

Zurück