Maria Baptist in Interview über das neue Album "Resonance"

von Cosmo Scharmer

Maria Baptist
Maria Baptist, Foto: Anna Stark

Maria Baptist raubt dem unerhörten Welten des Kosmos deren Klänge und Frequenzen, erweckt sie zu fantastischer Musik, schenkt sie den Hörern. Dies alles mit dem Zauber und der Magie ihres persönlichen Klanguniversums. Einfacher gesagt: großes Piano, das nicht die Kategorien von Klassik, Neuer Musik oder Jazz benötigt. Die Musik von "Resonance" spricht für sich.

Cosmo Scharmer
Soeben ist die neue Solo-CD Resonance erschienen, die in New York City aufgenommen wurde. Wie kam es dazu?

Maria Baptist
Das Studio in Brooklyn, in dem ich meine neue CD aufgenommen habe, kannte ich bereits. Dies ist das weltberühmte Systems Two. Ich habe dort auch mein Soloalbum Self Porträt aufgenommen und war sehr zufrieden mit der Atmosphäre, dem Raum, dem Sound, mit dem Flügel, sowie mit dem Team vor Ort. Und New York ist meine zweite Heimat, wo ich lange ständig gelebt habe. Regelmäßig bin ich drüben, und ich hatte einfach große Lust, wieder in New York ein neues Soloalbum aufzunehmen.

Diesmal ist es so gewesen, dass ich bei der Vorbereitung fürs Studio anders vorgegangen bin. Nur mit sehr wenigen Skizzen bin ich ins Tonstudio gegangen. Anders als früher, als ich wesentlich mehr Sachen auskomponiert hatte, wollte ich bei Resonance meine große Leidenschaft und Affinität zur Meditation in der Musik in den Fokus bringen. Beides wollte ich noch stärker miteinander verbinden. Deswegen war nur mein kleines Büchlein mit wenigen Skizzen dabei. Im Studio habe ich dann das ganze Material einmal komplett am Stück aufgenommen. Nach einer kurzen Pause hab´ich nochmal die Ideen in die Tasten fließen lassen. Eigentlich habe ich Resonance wie ein Live-Album aufgenommen.

Cosmo Scharmer
Dies zu tun, ist sicherlich ein großes Wagnis. Welche Rolle kommt dabei der Meditation zu?

Maria Baptist
Durch jahrelanges Meditieren habe ich gelernt, mich in einen guten Zustand zu bringen, also meine Hirnwellen in die sogenannte Alphazone runterzufahren. Es gilt, in eine Stille zu kommen, sich innerlich zu leeren und dann aus dieser Leere heraus, frisch inspiriert zu kreieren. Natürlich kommt mir dies bei der Musik - unabhängig von der CD-Produktion - hervorragend zugute.

Als Künstlerin ist es mir sehr wichtig, mir immer wieder neue Herausforderungen zu stellen und neue Herangehensweisen stets auszuprobieren. Deshalb war dieses vermeintliche Wagnis genau das Richtige für mich, weil ich darauf große Lust hatte und schauen wollte, wie es mir damit ergeht.

Cosmo Scharmer
Dies betrifft den Kerncharakter der Jazzimprovisation im Unterschied zur klassischen Musik, zu komponierten Stücken. Dieses Spannungsverhältnis, dies ist das, was Jazz wohl ausmacht. Kann man dies lernen durch Erfahrung, durch Meditation, durch den Moment des Augenblicks? Wie können Themen, Kompositionen, Ideen mit freier Improvisation verbunden werden?

Maria Baptist
Ich denke, dass bestimmte Techniken, wie das Runterfahren des Gehirns in eine Alphazone, hilfreich sind. Durch Training bin ich in der Lage, diesen Zustand quasi sofort abzurufen. Da muss ich gar nicht mehr darüber nachdenken. Dies ist auch grundsätzlich ein State, ein Zustand, aus dem ich am stärksten kreativ schaffen kann. Dies mache ich beim Komponieren genauso. Ich komme in diesen freien Fluss, kann schöpferisch die Musik aus mir herausströmen lassen, ohne dass mich mein Gehirn ablenkt mit irgendwelchen rumschwirrenden Alltagsgedanken.

Was die besondere Herausforderung bei Resonance war, dass ich nur 2 Stunden Studiozeit hatte und gucken musste, dass ich zu einem sehr zufriedenstellenden Ergebnis komme, da kein langer Vorlauf möglich war. Ich konnte mich nicht 2 Stunden einspielen, auf den Raum einschwingen und dann erst aufnehmen. Dann wäre die Zeit schon um gewesen. Aber es ist als Künstler wichtig in diesen Zustand zu kommen, in diesen meditativen Fluss, den ich grundsätzlich brauche und der für eine gute Improvisation sehr essentiell ist.

Cosmo Scharmer
Ich denke, alles was soeben gesagt wurde, ist hörbar auf der CD. Es gibt die Metapher des Fließens oder die des Fliegens. Es gibt noch andere Metaphern, die beim Hören der CD in den Sinn kommen: Zauber und Magie. Wie ist dieser Zauber in der Musik dem klanglichen Universum zu entreißen?

Maria Baptist
Ich glaube, das Geheimnis liegt wirklich darin, sich nicht „disturben“, sich nicht stören zu lassen, sich nicht ablenken zu lassen, sondern in dem Moment aus dem Moment zu schöpfen. Für mich ist dies das oberste Gebot, wirklich in dem Augenblick zu sein und aus diesem heraus die Töne fließen zu lassen. Es gilt, den Raum zu spüren, einzutauchen in die Klangwelt und ohne irgendeine Unterbrechung – es mag sein, man Geräusche hört, die nicht hier hingehören -, sich nicht rausbringen zu lassen aus dem Fließen. Das ist letzten Endes das, was den dauerhaften Fluss wirklich ausmacht. Für den Zuhörer oder die Zuhörerin ist dies dann auch erlebbar ist, wenn sie die CD anhören.

Cosmo Scharmer
Der Hörer kann demzufolge bei den nächsten Live-Konzerten davon ausgehen, dass das Konzert vermutlich ähnlich wie auf der CD sein wird, aber vermutlich doch anders?

Maria Baptist
Ja, dies ist natürlich das Wundervolle am Jazz, an der Kunst der Improvisation, dass selbst, wenn ich ein kleines Motiv hundertmal spiele, es niemals identisch sein wird wie beim Mal davor oder wie beim nächsten Mal. Dies ist für mich persönlich auch der Spaß, die Herausforderung und das Besondere am Jazz oder am kreativschaffenden Raum, dass ich mir immer wieder eine neue kleine Variante suche und aus dem Fluss heraus in eine andere Richtung lenke. Die Energie des Abends, wenn ich im Live-Konzert sitze, das Publikum ist jedes Mal ein anderes; da sind so viele Faktoren, die natürlich auch reinspielen.
Ich mach´ mich im Konzert ja nicht zu, sondern ich öffne mich. Ich spüre die Atmosphäre und den Raum. Es gibt unzählige Möglichkeiten, aus einem Motiv etwas zu schöpfen, zu nehmen, dies vielleicht ganz woanders anzubringen.

Ich mache es oft, dass ich im Konzert Stücke und Titel miteinander verbinde oder verschiedene Ideen kombiniere. Auf diesen musikalischen Reisen entstehen dann ganz eigene kleine Kosmen und Universen. Von daher kann ich versprechen: Meine Musik wird jedes Mal anders sein.

Cosmo Scharmer
Das war und ist wohl das Faszinierende am Jazz, dass die Musikerin Maria Baptist eben nicht klassische Konzertpianistin, sondern Jazzpianistin geworden ist, auch wenn sie beide Genres spielen kann.

Maria Baptist
Ja, so ist es.

Cosmo Scharmer
Es ist mittlerweile fast vertraut geworden, dass Frauen im Jazz präsent sind – in der Klassik schon länger. Aber im Jazz ist dies noch nicht lange Zeit selbstverständlich. Vor dem Hintergrund, dass Du nicht „nur“ Solopianistin bist, ein Trio und ein Quartett hast, sondern auch eine Big Band leitest, kommt Carla Bley in den Sinn. Sind Jazzmusikerinnen wie Carla Bley weibliche Vorbilder?

Maria Baptist
Es gab in der gesamten Jazzgeschichte wirklich herausragende Persönlichkeiten von Frauen, die ihren ganz individuellen Weg gegangen sind. Das waren für mich immer Inspirationsquellen, das waren Vorbilder. Historisch gesehen werden es immer mehr Frauen, die mit Selbstverständnis ihren Beruf ausüben, ihre Arbeit machen und dies ist auch eine tolle künstlerisch Bereicherung, da es größere Vielfältigkeit schafft. Gerade die Frauen, die schon vor 30, 40 oder 50 Jahren aktiv waren, haben wirklich Marks, Markierungen gesetzt für nachfolgende Generationen. Wenn man heute als junges Mädchen ein Instrument lernt, dann gibt es gegenwärtig eine Vielzahl an wundervollen Vorbildern und Inspirationsquellen, auf die Mädchen und Frauen aufbauen können, um ihre eigenen Wege zu finden.

Cosmo Scharmer
Wie verhält es sich mit den Großen im Jazz? Am Piano von Keith Jarrett kommt man vermutlich nicht vorbei? Diese Giganten prägen und faszinieren immer noch Musiker wie Hörer.

Maria Baptist
Ganz klar! Natürlich machen dies auch die älteren Pianisten wie Bill Evans, der unglaubliche Pianist, der wiederum Vorreiter für die nachfolgenden Musiker wie Herbie Hancock, Chic Chorea und Keith Jarrett war. Auch McCoy Tyner, den ich liebe, gehört dazu. Gerade ist ja das verschollene Album Both Directions At Once des John-Coltrane-Quartetts herausgekommen. Fantastisch!

Klar, es gibt auch n´Menge jüngerer Pianisten und Pianistinnen, die herausragend sind. Aber eine Carla Bley, die ist gerade 80 geworden, ist immer noch wahnsinnig innovativ. Wunderbar! Auch die großartige Maria Schneider will ich dazu zählen, bei der ich in New York studiert habe. Dies hatte einen großen Einfluss auf mich, besonders was Orchestrierung, die Leitung einer Band und Arrangieren anbelangt.

Cosmo Scharmer
Dies ist im Jazz sicherlich ähnlich wie in der Klassik, da kommt niemand an Bach vorbei. Als Jazzmusiker vielleicht auch nicht. Die Musik großer Jazzklassiker wie Miles Davis und John Coltrane gilt als zu Recht zeitlos?

Maria Baptist
Natürlich! Ja, und dies ist nach wie vor. Auch wenn die Aufnahmen 50, 60 oder 70 Jahre alt sind, diese sind so zeitlos und haben einen so unglaublich frischen Sound. Das ist mehr als herausragend, wenn man das von Schallplatten und CDs sagen kann.

Cosmo Scharmer
New York gilt als eine oder gar als die Jazz-Metropole schlechthin. Berlin will sich auch mit diesem Titel schmücken. Was ist da dran? Wie siehst Du als auch Berlinerin die Sache?

Maria Baptist
Man hört überall, dass sich Berlin mittlerweile zur europäischen Jazz-Hauptstadt entwickelt hat. Dies ist natürlich ein großes Kompliment. Auch ich finde, dass die Stadt mittlerweile diesem Anspruch gerecht wird, denn wir haben eine äußerst lebendige Jazz-Szene in Berlin. Was wir vor allen Dingen hier haben, sind wunderbare Orte, wo Jazz gespielt, richtig gelebt wird. Von den kleinsten Wohnzimmern bis hin zu den coolen etablierten Jazzclubs, gibt es eine große Vielzahl an Spielstätten, die in der ganzen Stadt auf die verschiedenen Stadtbezirke verteilt sind. Das ist super interessant. Wenn ich jetzt in Berlin Mitte ein Konzert habe und am nächsten Abend in Neukölln spiele, dann ist dies überhaupt keine Konkurrenz untereinander, weil es jeweils ein ganz anders Publikum gibt, das dort hingeht. Wir bemerken über die Jahre hinweg irrsinnig viele Touristen in Berlin. Es werden auch stetig immer mehr, was natürlich ein wichtiger Aspekt ist, da diese Touristen für viel Publikum in den Konzerten sorgen.

Da hat New York, historisch gesehen, einen gewaltigen Vorlauf. Dort sind immer unheimlich viele Touristen in den Konzerten. Es gibt auch viele Clubs, die gelegentlich schließen, um anderswo wieder aufzumachen. Diese Lebendigkeit, die New York hat, ist künstlerisch gesehen, mit keiner anderen Stadt in der Welt zu vergleichen. Aber, wie ich schon sagte, Berlin hat richtig Gas gegeben. Hier ziehen auch viele Musiker aus der ganzen Welt her, weil sie von der kreativen Szene in der Stadt gehört haben. Dies betrifft nicht nur den Jazz, sondern die verschiedenen Kunstbereiche. Berlin ist eine lebendige, sehr inspirierende Stadt, und ist deshalb ein Ort, wo man als Künstler sehr gerne lebt.

Cosmo Scharmer
Zahlreiche Clubs zu finden, in denen viel Live-Jazz zu hören ist, dies ist natürlich großartig für alle Besucher. Ein Live-Konzert ist immer was Einmaliges. Dies ist der große Unterschied zur CD und anderen analogen oder digitalen Medien.

Kommen wir auf weitere Projekte zu sprechen. Neben der CD Resonance als gewaltige Solo-Piano-Einspielung gibt es noch Trio und Quartett, aber auch die Big Band. Dies ist nicht selbstverständlich, dass man so viele Musikerpersönlichkeiten kontinuierlich zusammentrommeln kann. Neben der Komposition sind die Stücke zu arrangieren, es gilt zu üben etc. etc. Ist bezüglich der Big Band etwas in nächster Zukunft zu erwarten?

Maria Baptist
Auf jeden Fall. Ich habe monatlich eine Konzertreihe mit meinem Jazz-Orchester im Club Schlot bereits im 4. Jahr. Die Reihe hat sich richtig etabliert und mein Jazz-Orchester ist ein fester Bestandteil von meinem Berlin geworden. Die Big Band hat sich super entwickelt, sie ist wirklich ein homogener Klangkörper geworden, der echt krass zusammengewachsen ist. Darauf bin ich auch richtig stolz.

CD-Release "Resonance" - Tourdaten

16.09.2018 Berlin, Pianosalon Christophori, CD-Release Resonance
18.09.2018 Berlin, Kunstfabrik Schlot, CD-Release Resonance
19.09.2018 Kiel, Kulturforum, CD-Release Resonance
20.09.2018 Lübeck, CVJM, CD-Release Resonance
23.09.2018 Neupetershain, Gut Geisendorf, CD-Release Resonance
10.10.2018 München, Unterfahrt, CD-Release Resonance
11.10.2018 Frankfurt, Jazzkeller, CD-Release Resonance
12.10.2018 Erfurt, Rathaussaal, CD-Release Resonance
13.10.2018 Regensburg, Piano Metz, CD-Release Resonance
14.10.2018 Burscheid, Badehaus, CD-Release Resonance
20.10.2018 Nancy (FR), Jazz Pulsations, CD-Release Resonance
18.11.2018 Waidmannslust, Kirche, CD-Release Piano Solo

Text: Cosmo Scharmer

Einen Kommentar schreiben

Zurück