4 Wheel Drive - 20 Jahre Jazz Nights - Landgren, Wollny, Danielsson, Haffner - Berlin, Philharmonie

17.04.2019

Konzert:

Herbert-von-Karajan-Str. 1
10785 Berlin

4 Wheel Drive
4 Wheel Drive - Landgren, Wollny, Danielsson, Haffner, Foto: Stephen Freiheit

Nils Landgren - trombone & vocals
Michael Wollny - piano
Lars Danielsson - bass & cello
Wolfgang Haffner - drums

Man soll die Feste ja bekanntlich feiern wie sie fallen. In Hamburg gab und gibt es hierzu nun innerhalb eines halben Jahres gleich doppelt die Gelegenheit. Im Herbst dieses Jahres gingen die 30. Karsten Jahnke JazzNights über die Bühne, und wenn im Frühjahr 2019 deren 31. Auflage folgt, gibt es die Reihe seit 20 Jahren. Schon klar, dass es hierfür eines mindestens mittleren Paukenschlages bedarf, und der fällt jetzt sogar unerwartet mächtig aus. Denn die kommenden JazzNights werden von einer Band bestritten, an deren Zustandekommen vielleicht nicht einmal der Optimist Jahnke selbst geglaubt hätte.

Doch es kam anders als gedacht, und im April wird Nils Landgren seine neue Band 4 Wheel Drive an elf Abenden den bundesdeutschen Jazzfans vorstellen. Neben dem schwedischen Posaunisten und Sänger gehören ihr der Pianist Michael Wollny, der Bassist und Cellist Lars Danielsson sowie der Drummer Wolfgang Haffner an. Früher hätte man sich angesichts solcher Namen einfach mal kurz überschlagen und kurz und schrill "Supergroup!" in die Luft geschrien. Nun gut, die Zeiten sind ein bisschen ruhiger geworden, eine gewisse Nervosität indes sollte die Jazz-Gemeinde angesichts dieses beinahe unglaublichen Line-Ups doch beschleichen.

Und das zurecht. "Das ist ein sensationelles Album!", sagt Karsten Jahnke, er habe sich das Werk lieber gleich drei Mal hintereinander angehört, "damit ich sicher sein kann, dass es nicht erstmal begeistert und dann beim nächsten Hören doch verliert. So ein Album müsste sich meiner Meinung nach sogar heute noch gut verkaufen." Das will in diesen Zeiten ja doch Einiges heißen, zumal es der Wahrheit sehr entspricht.
Im Grunde handelt es sich hier um die neue Platte von Nils Landgren, der irgendwie die gute Idee hatte, es mit dieser Superbesetzung zu versuchen. Jetzt ist es zwar keine typische Landgren-Platte mehr, dafür aber ein umso interessanteres Projekt. Denn so wie bereits seit Jahren mit seiner "Funk Unit" und etlichen weiteren Projekten hält der beinahe unwirklich sympathische Schwede all den Puristen des Jazzlagers wieder einmal den Spiegel vors Gesicht. Nein, kein solider Groove, keine herrliche Melodie spricht dagegen, trotzdem gediegenem Jazz zu lauschen. Oder ihn im Tanze zu begleiten. Ein Song wie "If You Love Somebody Set Them Free" könnte natürlich auch zwischen Gloria Gaynor und George Clinton im Black Music Club laufen, "Lobito" und "FWD" wären prächtige Rotweinbegleiter im Jazzkeller, "Polygon" dürfte die Liebhaber des Esbjörn Svensson Trios erfreuen: Es geht woanders ähnlich weiter, ein echter Grund zum Feiern!

Und wenn Nils Landgren "Another Day In Paradise" singt, dann klingt seine Stimme tatsächlich ein bisschen so wie die von Phil Collins, nur dass seine Begleiter halt nicht so sehr dem Kitsch verpflichtet sind wie Phils Band anno dunnemals. Der Sänger Landgren, anfangs für seine leicht unerwarteten Vokalisen nicht eben mit Lorbeerkränzen behängt, hat mittlerweile zu einem fast unnachahmlichen Stil gefunden und fühlt sich mit dem Mikrofon in der Hand auch hörbar wohl. Was den ACT JazzNights sehr zugute kommt.

Und nun also: Einziger Headliner der 31. Karsten Jahnke JazzNights. Grund genug, deren Geschichte kurz zu rekapitulieren. Was einen auf einen verschlungenen Pfad durch die güldene Königsklasse eines Genres führt, welches oft schon totgesagt wurde und trotzdem immer wieder auferstanden ist. Es geht vorbei an Namen wie Cassandra Wilson, Joshua Redman, Diana Krall, Herbie Hancock, Brad Mehldau, Charlie Haden, Sonny Rollins, Chick Corea, Dee Dee Bridgewater, Gary Burton, Pat Metheny und Jacky Terrasson und reicht bis zu Koriphäen wie Al Jarreau, Manu Katché, Joe Sample, Michael Wollny, Iiro Rantala, Youn Sun Nah und Nik Bärtsch's Ronin. Die Crème de la Crèmer des internationalen Jazz, sie gab sich hier das Staffelholz in die Hand. Anfangs spielten meistens zwei Bands pro Abend, später war es oft nurmehr eine, weil, wie Karsten Jahnke sagt, "die Namen oft so stark waren, dass sie es allein bis zu wenigstens knapp ausverkauft schaffen konnten."

Über eine einzige Sache allerdings sei selbst er als Pragmatiker ein wenig traurig: "Eigentlich sollte so eine Reihe für sich selbst stehen und immer als Reihe auch die Zuschauer ins Haus holen. Die sollten da blind hingehen, was aber nicht der Fall zu sein scheint." Aber wenigstens gibt es ein Geländer, an dem er sich selbstbewusst festhalten kann: "Immerhin haben wir mit diesen Namen fast durchgehend verhindert, Geld zu verlieren, und das ist im Genre Jazz durchaus eine Leistung."

Sie darf auf ihre Fortsetzung hoffen. Denn obwohl Karsten Jahnkes Traum, Sonny Rollins mit seiner All Star Band mal in die JazzNights zu locken, sich nicht mehr wird umsetzen lassen, könnte es, wie der Impresario hofft, "mit Wayne Shorter ja noch klappen." Vorher aber kann Nils Landgren mit 4 Wheel Drive schonmal neue Akzente setzen. Und damit die Karsten Jahnke JazzNights mit eben jenem Treibstoff versorgen, der ihnen ihre außerordentliche Stellung in einem wahrhaft schwierigen Genre seit zwei Dekaden garantiert.

Ticketservice: 040 413 22 60 // 01806 62 62 80 (Festnetz: 0,20€/Anruf, Mobilfunk: max. 0,60€/Anruf)
Online: kj.de
tickets@kj.de

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