Die Schatzkiste des Jazz

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Miles Davis

Miles Davis hat wie kein Zweiter die Jazzgeschichte verändert. Jetzt ist eine Box mit 70 CDs erschienen - eine einmalige Musik-Sammlung.

In den frühen 50er-Jahren kreierte Davis mit dem Arrangeur Gil Evans den Cool Jazz, ebenfalls in den 50ern war er ein wesentlicher Mitgestalter des Hardbop, in dem nicht über Akkorde, sondern über Tonskalen improvisiert wurde, Ende der 60er tauschte Miles die akustischen gegen elektrische Instrumente. Was Bob Dylan einige Jahre zuvor noch "Judas!"-Rufe intoleranter Folk-Fans eingebracht hatte, wurde von den Jazz-Anhängern nur als eine weitere Verwandlung des Chamäleons Miles Davis angesehen. Der "Prince of Darkness" wurde zum Electric Miles und Begründer des kommerziell erfolgreichen Jazzrock. Die Freiheiten des Free Jazz vollzog der Trompeter nicht mit - da war ihm 1960 der Saxofonist Ornette Coleman zuvorgekommen -, Davis öffnet sich der Rockmusik.

Diese drei Kilogramm schwere Box ist eine Schatzkiste. Man kann sich auf die Suche nach weniger bekannten Aufnahmen begeben; kann Musiker aufspüren, die mit Miles musiziert haben und später zu Superstars wurden: John Coltrane, Herbie Hancock, Wayne Shorter, John McLaughlin oder Keith Jarrett; man kann Vergleiche zwischen Miles' vibratolosem Ton der 50er-Jahre mit dem der 80er-Jahre anstellen; oder man gibt sich einfach nur dem unverwechselbaren Klang seiner Trompete hin.

Hineinzutauchen in dieses Werk heißt verschiedenen Stimmungen nachzuspüren: Für die traurigen Momente eignen sich "Someday My Prince Will Come" oder das berühmte "Sketches Of Spain" mit dem "Concierto de Aranjuez". Miles' gestopfte Trompete erzeugt einen verhangenen Sound, sein Ton drückt Einsamkeit, Trauer und Resignation aus. Es gibt die freien Phasen auf "Nefertiti" und "Sorcerer" mit aufregender Improvisationskunst. Aber es existiert auch der wütende Miles, der seine Trompete aufkreischen lässt, scharf wie eine Machete. Die Liveaufnahmen aus dem Fillmore East in New York vom August 1970 sind dafür ein Beispiel: Die Trompete erhebt sich über den brodelnden Rhythmus der Band, und Miles stößt kurze Phrasen hinaus.

Das Werk dieses unnahbaren Künstlers ist auch Ausdruck von Stolz. James Browns Song "Say It Loud, I'm Black And I'm Proud" von 1968 entsprach der Haltung von Davis. In ihm tobt eine immerwährende Wut über den alltäglichen Rassismus in den USA, der auch vor einem Superstar wie ihm nicht haltmacht. Er reagiert darauf mit arroganter Pose. Bei Konzerten spielt er meist mit dem Rücken zum Publikum, er stellt seinen Reichtum zur Schau: Wenn er mal einen seiner Ferraris an einer Leitplanke schreddert, wird der nächste geordert. Seine Augen versteckt er meist hinter einer dunklen Sonnenbrille. Auch mit seinen Musikern geht er oft respektlos um. Über den begnadeten John Coltrane schreibt er in seiner Autobiografie: "Wenn er auf der Bühne nicht einnickte, bohrte er in der Nase und aß manchmal die Popel." Doch Miles ist gleichzeitig auch ein Vorbild für viele Afroamerikaner, weil er sich nicht unterdrücken lässt. "Black is beautiful!" ist eines seiner Credos. Manchmal wehrt er sich sogar mit Fäusten - wie der von ihm bewunderte Boxer Jack Johnson, dem er 1970 ein Album widmet. "Ich mache, wozu ich Lust habe", ist sein Glaubenssatz.

Die Columbia-Box spart auch Krisen und Abstürze nicht aus. Zwischen 1975 und 1981 ist nichts von Davis zu hören. Drogen, Krankheiten und eine künstlerische Krise lassen ihn verstummen. Erst 1981 kehrt er mit "The Man With The Horn" zurück. Aber eine bedeutende Neuerung gelingt Davis bis zu seinem Tode 1991 nicht mehr. Er benutzt Schablonen aus seinem Werk, setzt sie neu zusammen und schafft damit immer noch hörenswerte Musik. Sein Trompetenton strahlt weiterhin, doch seine Bands haben nicht mehr die Klasse wie in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren.

Schnell ist man da wieder bei "Kind of Blue". Bei jenen unvergleichlichen Improvisationen, die einem das Herz aufgehen und vergessen lassen, was der 2008 gestorbene Kritiker Werner Burkhardt über Miles Davis geschrieben hat: "Wieder einmal hat der liebe Gott, wie schon bei Wagner und Karajan, in einem Anfall von Zerstreutheit, eine große Begabung an ein großes Arschloch vergeben." Miles Davis war mehr als eine große Begabung. Seine Kunst entstand aus tiefer Zerrissenheit und der Wut über Verachtung und Ausgrenzung, die er als Schwarzer erfahren musste. Es bedurfte erst eines afro-amerikanischen Präsidenten, bis dieser geniale Musiker vom politischen Establishment gewürdigt wurde.

Miles Davis: The Complete Columbia Album Collection. 70 CDs

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