Lorenz Kellhuber

Lorenz Kellhuber, Foto: Bastian Fischer
Lorenz Kellhuber, Foto: Bastian Fischer

Biographie

„Musik ist, wenn man diese losgelösten Momente hat“

Wenn Lorenz Kellhuber Musik macht, ist er verbunden mit allem. Dann übernimmt er Kontrolle – aber dadurch, dass er loslässt. Und ist ganz bei sich – und doch wieder nicht. Ein junger Jazz-Pianist, in dem sich Gegensätze anziehen und ganzheitlich ineinandergreifen.

Zunächst scheinen die Weichen für eine „klassische“ Laufbahn gestellt. Lorenz Kellhuber, der Sohn zweier Kirchenmusiker erhält mit fünf Jahren seinen ersten Klavierunterricht und wird mit elf Jahren als Jungstudent für Klavier und Geige an der Hochschule für katholische Kirchenmusik Regensburg aufgenommen. Die Gefährten seiner Freizeit sind allerdings Klassiker aus Pop- und Rockmusik. Er hört die Beatles, Jimi Hendrix, Queen, Deep Purple und Pink Floyd – und spielt Bach, Beethoven, Mozart und Schubert.

Lorenz Kellhuber wächst in einem kleinen Dorf in der Nähe von Regensburg auf. Was ihn und seine musikalische Auffassung prägen, ist gedankliche Weite und die Offenheit seiner Eltern, anderen Musikgenres und vor allem dem Jazz gegenüber. In diesem Jungen entfaltet sich mit zwölf Jahren tatsächlich der „Jazzer“. Count Basie und Oscar Peterson sind Schuld daran. Kellhuber beginnt zunächst, sich autodidaktisch Jazz-Kenntnisse zu erwerben. Bis ihn der Jazzpianist Rob Bargard unter seine Fittiche nimmt und ihm tiefe Einblicke in die Stilistik ermöglicht.

Als er am Jazz-Institut Berlin aufgenommen wird, zieht der 16-jährige Lorenz Kellhuber von der eher beschaulichen Heimat in die Metropole. Inmitten des Großstadtpulses formt, modelliert er voller Energie und Tatendrang seine Fähigkeiten. Ruhe bleibt ihm wichtig, und unabdingbar für seine Kreativität. Im Laufe der ersten Semester weckt ein weiterer berühmter Jazzkünstler seine Aufmerksamkeit: Keith Jarrett. Kellhuber ist gerade siebzehn Jahre alt und fasziniert von dem Klang des extravaganten Pianisten und Improvisationskünstlers. So sehr Jarrett ihm ein bedeutendes Vorbild ist, so sehr löst er sich irgendwann von derartigen Idolen, um seinen eigenen Weg zu gehen. Inspiration ja, doch blinder Nachahmer wird er nicht.

Nun ist Lorenz Kellhuber selbst großartiger Pianist und Improvisationskünstler. Dazu einfühlsamer Ensemblemusiker und raffinierter Komponist. Seine improvisierten Solokonzerte sind ein sprudelnder Quell musikalischer Ideen und Musikalität an sich: Farbenreiche Erfindung, große Klangwelten, zartes Vortasten, lyrische Regionen. Stringent und voller Facetten baut er seine Momentankompositionen. Jazzmusik angereichert mit verschiedensten Einflüssen, ohne auseinanderzufallen – zusammengehalten von der Person Kellhuber und seinen zehn Fingern auf der Klaviatur. Dieselben Fähigkeiten bringt er auch im Ensemble ein; das zeigt sich eindrücklich bei seinem Lorenz Kellhuber Trio. Da tritt er als Bandleader und Komponist auf und nimmt sich gleichzeitig zurück. Er gibt seinen kongenialen Partnern genügend Raum, sodass seine Werke die musikalische Energie jedes einzelnen atmen. Die Basis für die Freiheit bilden, wie bei den guten alten Jazzstandards, Leadsheets mit Melodie und Akkordfolge; mehr braucht es nicht.

Was bleibt, ist die musikalische Bandbreite, die Lorenz Kellhuber bündelt. Jazz, Blues, klassische und neue Musik, Rock und Pop. Dennoch ist er Jazzmusiker, der genau weiß, was er kann und was er will. Jungenhafter Charme trifft musikalische Reife. Kellhubers Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten scheint so tief, dass eigentlich nur noch das Richtige aus ihm herauskommen kann. Er will nicht beeindruckend sein und versucht erst gar nicht, seine Musik zu forcieren. Seine Kompositionen schreibt er schnell nieder, weil er die musikalischen Ideen bereits in sich trägt und sie schließlich zu Klang werden lässt. Verbindungen zu knüpfen und aufzulösen sind dabei die zentralen Motive: „Musik ist“, so Kellhuber, „wenn man schließlich diese losgelösten Momente hat“.

Fakten

  • Geboren 1990 in München als 2. Sohn zweier Kirchenmusiker
  • 1995: erster Klavierunterricht mit 5 Jahren an der Hochschule für katholische Kirchenmusik (HFKM) Regensburg bei Frau Brigitte Schmid
  • 1996: mit 6 Jahren Geigenunterricht bei Frau Anna David (HFKM)
  • 1998-2005: regelmäßige Teilnahme an Kammermusikkursen (u.a. Leipziger Streichquartett, Kölner Klaviertrio, Nachwuchsförderung Bayerischer Rundfunk) und Konzerte mit dem Klaviertrio Chalati
  • 2001: als 11 jähriger Aufnahme zum Jungstudent in Klavier und Geige an der HFKM (Unterricht in der bayerischen Frühförderklasse für Geige und Bratsche bei Prof. Conrad von der Goltz)
  • 2002: erste Banderfahrungen und Auftritte mit eigenen Formationen
  • 2003: fortan Klavierunterricht bei Prof. Franz Massinger in München
  • 2004: öffentliches Konzert mit Joseph Haydns Klavierkonzert in D-Dur
  • 2004-2006: nach autodidaktischen Kenntnissen im Jazz,
  • Unterricht bei Jazzpianist Rob Bargad (Nat Adderley Quintet)
  • 2006-2010: mit 16 Jahren Aufnahme am Jazz-Institut-Berlin/Bachelorstudium Hauptfach Jazzpiano,
  • Unterricht bei Hubert Nuss, Prof. Wolfgang Köhler, Prof. Kurt Rosenwinkel, Prof. John Hollenbeck, Prof. Greg Cohen…
  • 2008: New York Aufenthalt, Unterricht bei Aaron Goldberg, Fred Hersch, Ari Hoenig
  • 2008-2010: Stipendiat des Rotary Club Zitadelle Spandau
  • 2009: seither Stipendiat von Yehudi Menuhin Live Music Now Berlin e.V.
  • 2011: Gründung Lorenz Kellhuber Trio mit Arne Huber-Bass, Gabriel Hahn-Drums
  • 2012: Unterzeichnung eines Plattenvertrags mit Blackbird Music

Auszeichnungen

  • 2003 - Landeswettbewerb Jugend jazzt/Solo-1.Preis
  • 2004 - Bundeswettbewerb Jugend Musiziert/Trio Chalati – 2. Preis
  • 2006 - Kulturförderpreis Regierungsbezirk-Oberpfalz für das Klaviertrio Chalati
  • 2007 - Internationaler Pianosolowettbewerb Freiburg/ 2. Preis als jüngster Teilnehmer
  • 2009 - Spanien-Getxo-Jazzcompetition/ award für den besten Solisten als jüngster Teilnehmer & audience award for best group mit dem Tobias Meinhart Quartet
  • 2009 - Gewinner des Jazz&Blues Award Berlin mit dem Marie Seferian Quartet
  • 2009 - Startbahn-Jazz/1.Preis mit dem Tobias Meinhart Quartet
  • 2010 - Internationaler Biberacher Jazzpreis/ 3. Preis
  • 2012 - Spanien-Getxo-Jazzcompetition/1. Preis mit dem Tobias Meinhart Quintet

Discographie

Lorenz Kellhuber als Leader

Lorenz Kellhuber als Sideman

  • Marie Seferian Quartet/Liban (special guest: David Friedman) (Mons Records), 2010
  • Tobias Meinhart Quartet/Pursuit of happiness (DoublemoonRecords), 2011
  • Radar/In sight (feat. Johannes Enders) (Doublemoon Records), 2012
  • Tobias Meinhart Quintet/Getxo Jazz (Errabal Jazz), 2012

Links

Lorenz Kellhuber Internetseiten:
www.lorenzkellhuber.com
www.facebook.com/lorenzkellhuber

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Kommentar von Hans Griesbeck |

Habe gestern Abend das Kellhuber Trio im Regensburger Stadttheater gehört, es war beeindruckend, ein Highlight. Den Beitrag nach der Pause habe ich als kompositorische Kreation eines Lebens im Strom der Zeit nachempfunden. Jahre im gleichmäßigen Rythmus verlaufend, unterbrochen mit feinsten Empfindungen, versickernd zum Ende.