Rezension des Albums "Love Is the Whole Thing, We Are Only Pieces" von Matt Wilson’s Good Trouble
Matt Wilson’s Good Trouble
Love Is the Whole Thing, We Are Only Pieces
Erscheinungstermin: 18.09.2026
Label: Palmetto Records, 2026
Aus vielen Stimmen wird Nähe
„Love is the whole thing. We are only pieces.“ Mehr als 750 Jahre liegen zwischen diesen Worten des persischen Dichters Rumi und dem neuen Album von Matt Wilson. Und doch wirken sie kaum gealtert. Vielleicht gerade deshalb nicht, weil sie etwas beschreiben, das sich jeder Epoche entzieht: den Wunsch nach Verbindung.
Für den amerikanischen Schlagzeuger und Komponisten ist diese Idee seit Langem eng mit Musik verknüpft. Seit drei Jahrzehnten arbeitet Wilson mit einem stetig wachsenden Kreis von Musikerinnen und Musikern, Weggefährten und Freunden. Gemeinschaft ist bei ihm kein Begleitumstand einer Karriere, sondern Teil seines künstlerischen Selbstverständnisses. Love Is the Whole Thing, We Are Only Pieces macht diese Haltung nun ausdrücklich zum Thema.
Wilson wollte, wie er selbst sagt, ein Album über Liebe aufnehmen. Nicht romantische Liebe im engeren Sinn, sondern jene umfassendere Form von Nähe, die aus Freundschaft, Familie, Vertrauen und gemeinsam verbrachter Zeit entsteht. Seine Dankbarkeit für die Menschen um ihn herum ist dabei deutlich zu spüren, ohne dass die Musik in Sentimentalität kippt.
Im Zentrum steht Good Trouble mit der Altsaxofonistin Tia Fuller, Dawn Clement an Klavier und Gesang, Jeff Lederer an Tenorsaxofon und Klarinette sowie Ben Allison am Bass. Hinzu kommt die Altsaxofonistin Anisha Rush, die den Kreis nach zahlreichen gemeinsamen Live-Auftritten erweitert.
Diese Besetzung macht deutlich, worum es Wilson geht. Die individuellen Stimmen bleiben hörbar, sie werden nicht einer übergeordneten Ästhetik untergeordnet. Vielmehr entsteht die Musik aus ihren Unterschieden. Klangfarben überlagern sich, melodische Linien werden aufgenommen und weitergereicht, rhythmische Impulse provozieren Reaktionen. Wilson hält dieses Geflecht zusammen, ohne es kontrollieren zu wollen.
Sein Schlagzeugspiel steht dabei exemplarisch für die gesamte Haltung des Albums. Es treibt an, gibt Halt, öffnet Räume und schafft Verbindungen. Nie geht es darum, sich in den Vordergrund zu spielen. Viel wichtiger ist, was zwischen den Beteiligten entsteht.
Damit wird Love Is the Whole Thing, We Are Only Pieces zu einem Album über Zugehörigkeit. Über die Erkenntnis, dass ein einzelner Musiker, so unverwechselbar seine Stimme auch sein mag, immer Teil eines größeren Zusammenhangs bleibt.
Besonders deutlich wird das im Titelstück. Dort wird Rumis Gedanke von einem Chor aus Freunden und Familienmitgliedern getragen. Was leicht pathetisch wirken könnte, erhält durch diesen persönlichen Kontext eine andere Bedeutung. Die Worte werden nicht einfach zitiert – sie werden von genau jener Gemeinschaft ausgesprochen, von der das gesamte Album erzählt.
Matt Wilson versucht hier nicht, die Probleme der Gegenwart musikalisch aufzulösen. Er setzt ihnen etwas entgegen: Nähe, Humor, Vertrauen und die Freude daran, mit anderen etwas entstehen zu lassen. Darin die Kraft dieses Albums. Wir sind nur einzelne Teile. Aber manchmal genügt Musik, um hörbar zu machen, was sie miteinander verbindet.
(Jacek Brun, 26.09.2026)
Besetzung
Anisha Rush – Altsaxofon
Tia Fuller – Altsaxofon
Jeff Lederer – Tenorsaxofon, Klarinette
Dawn Clement – Klavier, Gesang
Ben Allison – Bass
Matt Wilson – Schlagzeug
Titelliste
- Wind Spirit
- Fuller Love (In Case You Missed It)
- I Won't Back Down
- Black Fire
- Joonam
- Anyone Who Had A Heart
- Welcome Table
- Green Al
- Festival
- Love Is The Whole Thing, We Are Only Pieces
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