Rezension des Albums "Future Dreams" von Micha Zumsteg
Micha Zumsteg
Future Dreams
Erscheinungstermin: 04.09.2026
Label: Unit Records, 2026
Musik hinter der nächsten Kurve
Kaum glaubt man zu wissen, wohin diese Musik führen könnte, verändert sie ihre Richtung. Ein neuer Klang erscheint, eine unerwartete harmonische Verschiebung öffnet einen anderen Raum, ein Instrument übernimmt plötzlich eine Funktion, die ihm eben noch nicht zugedacht schien. Auf Future Dreams macht Micha Zumsteg gerade diese Unvorhersehbarkeit zum Prinzip.
Seine Kompositionen bewegen sich zwischen zugänglicher, bisweilen geradezu idyllischer Schönheit und dunkleren, abstrakten Klangwelten. Doch diese Gegensätze werden nicht gegeneinander ausgespielt. Vielmehr scheinen sie ständig ineinander übergehen zu können. Eine fragile Passage kann sich verdichten, ein zunächst klarer harmonischer Zusammenhang durch Bitonalität ins Schwanken geraten, eine melodische Linie allmählich ihre vertrauten Konturen verlieren.
Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel des Quartetts. Vieles entsteht aus der Art, wie ein Instrument die anderen beeinflusst. Ein Ton, eine Klangfarbe oder ein rhythmischer Impuls genügt, um die musikalischen Kräfteverhältnisse neu zu ordnen. Der Bass kann plötzlich zum Ausgangspunkt einer Entwicklung werden, um den sich das Ensemble neu formiert. Das Schlagzeug verdichtet Klänge, aus denen sich die anderen Musiker gerade zurückgezogen haben. Saxofonlinien steigen suchend empor und begegnen den schwebenden Arpeggien der Gitarre.
So entsteht eine Musik, deren eigentliche Substanz weniger in fest umrissenen Formen als in Beziehungen liegt. Zumstegs kompositorische Vorgaben schaffen ein Terrain für Improvisationen, die sich ohne Eile entwickeln dürfen. Atonale und bitonale Strukturen dienen dabei nicht als intellektuelle Demonstration, sondern erweitern die Möglichkeiten: Sie öffnen Wege zu Klängen, die innerhalb vertrauter harmonischer Muster kaum entstehen würden.
Besonders faszinierend sind die Anfänge der einzelnen Stücke. Immer wieder muss sich das Ohr zunächst neu orientieren. Kaum etwas entspricht der Erwartung, die das vorherige Stück geweckt hat. Jeder Beginn scheint eine neue Frage zu stellen – und das Quartett sucht seine Antwort gemeinsam.
Dadurch bleibt Future Dreams über die gesamte Dauer spannend. Diese Musik überrascht nicht um der Überraschung willen. Sie bewahrt sich vielmehr die Freiheit, im nächsten Moment etwas anderes werden zu können.
Vielleicht sind Zukunftsträume genau das: Vorstellungen von etwas, dessen Form wir noch nicht kennen.
(Jacek Brun, 08.09.2026)
Besetzung
Micha Zumsteg – electric guitar, comp
Maurice Storrer – tenorsaxophone
Paul Studer – double bass
Aaron Leutenegger – drums
Titelliste
- Impro 1
- Future dreams
- Adur
- Filterkaffee
- Karl
- Interlude
- The sun is moving too
- Trauerweide
- Mykhorriza
- When arsenal is losing
Unterstützen Sie unabhängigen Jazzjournalismus
Wenn Ihnen unsere Arbeit gefällt, können Sie Teil der jazz-fun.de Community werden.
jazz-fun`s recap:
Einen Kommentar schreiben