European Jazz Publications feiert den Internationalen Frauentag 2024 mit der Vorstellung von 8 aufstrebenden weiblichen Jazzstars

Miriam Ast - Giant Steps 2024

Artist: Miriam Ast
Magazine: jazz-fun.de

Miriam Ast ist eine internationale Jazzsängerin, Bandleaderin und Dozentin an Musikhochschulen.

Sie veröffentlichte 2018 ihr Debütalbum "Secret Songs" mit dem gefeierten britischen Saxophonisten Stan Sulzmann und tourte im Anschluss mit dem Pianisten Victor Gutierrez durch Großbritannien und ihr Heimatland Deutschland. 2017 gewann sie den Best Vocalist Award und war im selben Jahr Halbfinalistin beim Shure Montreux Jazz Voice Wettbewerb. Von 2017 bis 2021 war sie Dozentin am Leeds Conservatoire in Nordengland und unterrichtet seit ihrer Rückkehr nach Deutschland Jazzgesang an den Musikhochschulen Freiburg und Würzburg.

Mit dem Jazzpianisten Daniel Prandl und dem Crossover-Cellisten Jörg Brinkmann hat sie ein neues, unkonventionelles Trio gegründet. Ihr neues Konzeptalbum besteht aus modernen Jazz-Arrangements von Volksliedern aus ganz Europa. In diesem Projekt schöpft sie aus ihren musikalischen und kulturellen Erfahrungen aus ihrer Zeit in Großbritannien und erkundet das reiche Erbe Europas mit ihrer eigenen, unverwechselbaren Stimme.

Miriam lebt jetzt in Stuttgart und etabliert sich langsam in der lokalen Musikszene.

jazz-fun.de:
Du bist in der deutschen und europäischen Jazzszene bereits eine feste Größe. Erzähl uns etwas über Dich, wie hat alles angefangen? Woher kommst du musikalisch, was hast du studiert?

Miriam Ast:
Meine Eltern sagen, ich habe gesungen, bevor ich sprechen konnte. Mein Vater, Musiklehrer und Organist in meiner Heimatstadt Speyer, hat mich durch sein Klavierspiel und Musizieren sehr geprägt. Ich sang mit 10 Jahren in seinem Gospelchor und als Teenagerin als Solistin vor großem Publikum. Gleichzeitig lernte ich Saxofon, was mich zum Jazz und Big Band Spiel führte. Ich war parallel als Saxofonistin in der Landesjugend Big Band Rheinland-Pfalz und als Jazz- und Gospelsängerin in verschiedenen Bandprojekten aktiv.

Ich habe schnell gemerkt, dass ich beim Singen die Gabe habe, Menschen besonders zu berühren. Die erfüllenden Momente auf der Bühne haben mich angespornt, mich musikalisch weiterzuentwickeln. Mit 18 Jahren wusste ich, dass ich Berufsmusikerin werden wollte und studierte nach dem Abitur „Jazz und Popularmusik“ mit den beiden Hauptfächern Jazzsaxofon und Gesang an der Hochschule für Musik in Mainz.

jazz-fun.de:
Welche Künstler und Musiker haben Dich am meisten beeinflusst?

Miriam Ast:
Zum Jazz bin ich durch Sängerinnen wie Diana Krall und Ella Fitzgerald gekommen. Auch klassische instrumentale Jazzalben wie John Coltranes Blue Train oder Miles Davis‘ Kind of Blue haben mich beeinflusst. Ich kann mich noch an den Moment erinnern, als ich zum ersten Mal Ella Fitzgeralds Scat Solo über How High the Moon gehört habe. Ich war sprachlos… das hat für mich die Latte fürs vokale Improvisieren sehr hochgelegt. Am Saxofon haben mich Musiker wie Dexter Gordon, Cannonball Adderly, Dick Oatts und Will Vinson inspiriert.

Die für mich prägendste Jazzsängerin- und Künstlerin ist die britische Jazzikone Norma Winstone. Ich hatte großes Glück, während meines Masters in London bei ihr Unterricht zu haben und sie in verschiedenen Ensembles live zu hören. Normas Musik ist authentisch, empfindsam und wagemutig: Ihre Texte erzählen Geschichten aus dem Leben und widmen sich komplexen Themen. Und sie setzt ihre Stimme mit hoher technischer Qualität und als instrumentale Farbe ein.
Trotz ihrer internationalen Bekanntheit wirkt sie auf mich immer sehr bescheiden. Jedes Mal, wenn ich sie live höre, fasziniert mich, mit welcher Selbstverständlichkeit sie mit ihren Mitmusiker:innen interagiert. Einige meiner Lieblingsaufnahmen von ihr sind das Album Like Song, Like Weather mit John Taylor und auch Music for Large & Small Ensembles der Kenny Wheeler Big Band.

Ihre Musik spricht mich so sehr an, weil ich wegen meines Saxofon-Hintergrunds immer nach Wegen suche, den technischen Anspruch des instrumentalen Jazz auf die Stimme zu übertragen und gleichzeitig mit dem Text weitere Emotionen zu vermitteln. Ich wünsche mir, dass viel mehr Bands und Komponisten die Klangfarben und Fähigkeiten von Sängerinnen und Sängern in ihren Kompositionen nutzen.

jazz-fun.de:
Wann hast Du Deine erste Band gegründet?

Miriam Ast:
Zur Schulzeit hatte ich mit Freunden und meinem Vater eine Jazzband, mit der wir auf Vernissagen und Feiern aufgetreten sind. In Mainz ging es dann richtig los: Mein Quartett mit Kommilitonen, The Ropesh mit Lorenzo Colocci, mit dem wir den Jungen Deutschen Jazzpreis Osnabrück gewannen, das Cathedral Projekt des Hessischen Jazzpreisträgers Vitold Rek mit Peter Reiter, Pianist der HR-Big Band. Und meine erste Reise in die Folklore als langjährige Feature Sängerin bei Klezmers Techter.

jazz-fun.de:
Du bist 2014 zum Masterstudium an die Royal Academy of Music gegangen. Wie hast du deine Zeit in England empfunden? Welche besonderen Erfahrungen und musikalischen Projekte hattest du dort?

Miriam Ast:
London war sehr reizvoll, mit all den Möglichkeiten, der großen Kulturszene und dem multikulturellen Flair. An der Royal Academy war ich umgeben von den talentiertesten Nachwuchsjazzmusikern des Landes. Einer meiner Kommilitonen war zum Beispiel Jacob Collier, der mittlerweile eine Weltkarriere hingelegt hat.

Die Zeit in England hat mich sehr gefordert, aber vor allem gefördert und weitergebracht. Ich kannte niemanden in London und musste mir all meine Kontakte erst durch den Master und die folgende Zeit aufbauen. Außerdem war ich die einzige Sängerin in meinem Jahrgang und habe die gleichen, technischen Übungen und Prüfungen wie meine instrumentalen Kommilitonen geleistet.

Mein Highlight waren die Konzerte auf den London Jazz Festivals, zum Beispiel von Avishai Cohen mit Mark Guiliana und Shai Maestro. Eindrucksvoll waren auch Master Classes und Ensembles an der Royal Academy mit John Taylor, Aaron Parks, Snarky Puppy, oder Ben Wendel.

jazz-fun.de:
Du hast nach dem Studium noch mehrere Jahre bis 2021 in London gelebt. Wie hat sich alles weiterentwickelt?

Miriam Ast:
Die Vielfalt der Londoner Jazzszene bot mir viele Möglichkeiten, sodass ich mich entschied, nach dem Master dort zu bleiben. Obwohl die erste Zeit herausfordernd war, ergaben sich Anfang 2017 tolle Chancen: Ich bekam eine feste Stelle als Hauptfachdozentin am Leeds Conservatoire (der Hochschule für Musik Leeds). Hier konnte ich auch den Jazzchor aufbauen, mit großartiger Unterstützung von Jamil Sheriff, dem Leiter der Jazzabteilung.

Neben meiner Arbeit als Dozentin war ich in mehreren Formationen und Projekten aktiv. Zum einen war ich Sängerin im London Vocal Project. Geleitet vom Jazzpianisten, Komponisten und Academy-Professor Pete Churchill setzten wir anspruchsvolle Chor-Projekte um. Pete hat das komplette Miles Ahead-Album von Miles Davis für Jazzchor adaptiert und gemeinsam mit dem weltbekannten amerikanischen Jazzsänger und Dichter Jon Hendricks die Lyrics dafür geschrieben. Es war ein ambitioniertes Projekt, bei dem wir im achtstimmigen Chor hochkomplexe Harmonik sangen. Im Frühjahr 2017 sangen wir die Weltpremiere in New York noch im Beisein des leider später im Jahr verstorbenen Jon Hendricks.

Mit dem spanischen Jazzpianisten Victor Gutierrez gewann ich im selben Jahr den Best Vocalist Prize beim Internationalen Jazzwettbewerb in Bukarest. Victor und ich hatten während des Masters Modern Jazz-Arrangements von Jazzstandards geschrieben, wie Alone Together oder ‘Round Midnight. Das Duo bot mir größte Freiheit, neue Techniken wie vokal-perkussive Elemente zu erforschen. Der Preis brachte uns Aufmerksamkeit in der Londoner Szene und dadurch weitere Konzerte, unter anderem bei London Jazz Festivals und im Ronnie Scott’s Jazz Club. 2018 veröffentlichten wir unser Debüt-Album Secret Songs bei Mons Records. Besonders unterstützt wurden wir in dieser Zeit von Nikki Iles, einer großartigen Pianistin und Arrangeurin, sowie dem fantastischen Pianisten Gwilym Simcock. Und der Saxofonist Stan Sulzmann war ein wichtiger Mentor, wir featuren ihn auch auf dem Album.

jazz-fun.de:
Warum hast du dich 2021 dazu entschieden, wieder nach Deutschland zurückzukehren?

Miriam Ast:
Das Leben in London war auch mit Entbehrungen und einer großen Schnelllebigkeit verbunden. Seit 2016 war die Stimmung in Großbritannien wegen des Brexit-Referendums aufgeladen, man spürte einen großen Graben zwischen Generationen und Bevölkerungsgruppen. Als Europäerin fühlte ich mich mit der Situation unwohl und merkte, wie Dinge schwieriger und bürokratischer wurden. Es war fast unmöglich, als Ausländerin an Stipendien oder Projektförderungen zu kommen. Ich bekam für meine Projekte viel mehr Unterstützung über Deutschland. In dieser Zeit habe ich die Kulturförderung, das Gesundheitssystem und die allgemeinen Lebensbedingungen in Deutschland umso mehr schätzen gelernt. Vor allem aber habe ich Familie und Freunde vermisst, die ich nur sehr unregelmäßig sehen konnte. Ich spielte daher schon länger mit dem Gedanken, zurückzuziehen. Die Corona-Pandemie war dann der Auslöser. Als das Reisen zwischen Großbritannien und Deutschland fast unmöglich wurde, fiel die Entscheidung.

jazz-fun.de:
2023 hast Du uns Dein nächstes Album "Tales & Tongues" vorgestellt. Wann wurde es konzipiert?

Miriam Ast:
Ich habe Tales & Tongues ab Anfang 2019 in London konzipiert. Die Idee von Volkslied-Jazz-Arrangements hatte ich schon länger, das Arrangement von Danny Boy schrieb ich bereits 2015. Bei einem gemeinsamen Konzert in Mannheim Ende 2018 lernte ich den Jazzpianisten Daniel Prandl kennen. Da er eine ähnliche Idee hatte, entschieden wir uns, trotz der Entfernung ein gemeinsames Projekt zu beginnen.

Das Konzept, Volkslieder aus ganz Europa zu bearbeiten, entstand aus dem Zwiespalt heraus, dass ich mich einerseits der internationalen Szene in London sehr verbunden fühlte, aber andererseits die starken nationalistischen Strömungen im Land als Ablehnung empfand. Das passte nicht dazu, wie sehr Großbritannien und London von der Vielfalt und dem Austausch profitierten. Mit dem Album wollte ich daher einen Kontrapunkt setzten und die Schönheit kultureller Vielfalt und Offenheit zeigen.

Auf dem Album präsentiere ich Lieder aus verschiedenen Teilen Europas: Großbritannien, Deutschland, Ungarn, Bulgarien, Schweden, Norwegen und Frankreich. Ich fragte Freunde, Kollegen und Studierende nach ihren Lieblings-Volksliedern aus ihren Heimatländern. Wenn mich eine Melodie ansprach, begann ich, diese für das Album zu arrangieren. Es war mir wichtig, in den jeweiligen Sprachen zu singen, um den Kern von Melodie und Sprachklang zu bewahren. Deshalb auch der Titel Tales & Tongues.

jazz-fun.de:
Wie entstehen Deine Kompositionen? Was inspiriert Dich beim Komponieren und Arrangieren Deiner Songs?

Miriam Ast:
Meine Kompositionen entstehen meistens am Klavier. Bei Tales & Tongues fiel mir oft, basierend auf der Stimmung des Texts oder der Melodie, ein Vamp oder Intro ein, das ich dann über die Strophen hinweg erweiterte. Ich entwickelte neue Melodieteile, Taktwechsel, Soloteile und Akkordfolgen. Dabei hielt ich mich an den erzählerischen Spannungsbogen, vor allem für die melodische und harmonische Bearbeitung. Intensive Improvisationsteile von Stimme, Cello und Klavier wechseln sich mit auskomponierten Strophen ab. Auch die Besetzung habe ich gezielt gewählt. Das Klavier bildet den harmonischen Kern, aber auch das Cello wirkt als Akkord-, Bass-, und Melodieinstrument.

Unsere Konzerte nehmen das Publikum auf eine Reise durch die Vielfalt der Kulturen mit: Wir schaffen einzigartige Stimmungen und Klangwelten und erzählen die Entstehungsgeschichten der Volkslieder. Dabei scheuen wir uns nicht vor ernsten Themen wie Tod, Krieg, oder Verlust. Wir verlangen dem Publikum mit unseren Interpretationen bei einem Konzertabend schon einiges ab.

jazz-fun.de:
Seit einem Jahr lebst du in Stuttgart. Wie gefällt es dir dort? Wie hast du dich in der Musikszene eingefunden?

Miriam Ast:
Nach einer Zwischenstation in Freiburg bin ich Ende 2022 nach Stuttgart gezogen, vor allem, weil die Stuttgarter Szene eine ideale Größe hat. Ich habe seither einige musikalische Kontakte in der Szene geknüpft und tolle Konzerte gespielt. Ich freue mich besonders, dass mein Tales & Tongues Trio als eine von drei Bands ausgewählt wurde, die Baden-Württemberger Jazzszene auf der Clubnight der internationalen Fachmesse jazzahead! in Bremen zu repräsentieren.

jazz-fun.de:
Was denkst Du über die Entwicklung der kreativen Musik aus der Perspektive der digitalen Medien? Wie stehst du dazu?

Miriam Ast:
Ich empfinde die Entwicklung als schwierig. Die Schnelllebigkeit des Musikmarkts und die fast kostenlose Verfügbarkeit von Musik über die Streaming-Dienste hat das einzelne Werk leider sehr entwertet. Als Künstler sitzen wir meistens mehrere Jahre an einem Album, im Fall von Tales & Tongues habe ich von 2019 bis 2023 daran gearbeitet. Es ist erschreckend, dass eine Albumproduktion finanziell keinen Mehrwert mehr hat, sondern eine große Investition bedeutet. Bei meinen beiden Alben habe ich den Großteil der Kosten mithilfe von Crowdfunding-Kampagnen getragen. Ohne die Unterstützung wären die Projekte nicht möglich gewesen.

Ich denke, die Einkommensquellen für Musiker haben sich durch die Entwicklungen am Musikmarkt völlig verschoben. Wir leben heutzutage nur noch von Konzerten und dem Unterrichten. Social-Media-Präsenz ist entscheidend geworden, um Interesse und Aufmerksamkeit zu halten. Ich finde das nicht immer leicht, aber habe gelernt, dass es zum Künstlerdasein dazugehört. Wenn es bedeutet, dass ich weiter als Künstlerin tätig sein kann, kann ich mich damit anfreunden.

jazz-fun.de:
Welche persönlichen Ziele möchtest Du erreichen?

Miriam Ast:
Ich hoffe, dass ich noch viele spannende musikalische Projekte mit inspirierenden Musikern starten kann. Vor allem möchte ich meine Kontakte in England weiter pflegen und neue internationale Bandprojekte erschließen. Mein Ideal als Künstlerin ist es, sowohl erfüllende Konzerte auf Festivals und in Clubs zu spielen als auch meinen Studierenden zu inspirieren und zu fördern. Das macht mich glücklich und schafft einen super Ausgleich.

jazz-fun.de:
Welche Musik hörst Du privat?

Miriam Ast:
Privat höre ich Jazz, vor allem melodischen Vocal- oder Instrumental-Jazz, aber auch gerne Groove Jazz und R&B, wie von Jacob Collier, Jamie Cullum oder Stevie Wonder. Manchmal höre ich auch Zen- oder Handpan-Musik, um nach einem langen Tag runterzukommen.

jazz-fun.de:
Was ist Dein Lieblingsgetränk?

Miriam Ast:
Kaffee

jazz-fun.de:
Was ist für Dich die schönste Aussicht

Miriam Ast:
Die Aussicht auf ein freies Wochenende, an dem ich mit meinem Mann in der Natur wandern gehe oder mit Freunden und Familie Gesellschaftsspiele spiele.

jazz-fun.de:
Was machst Du sonntags, oder wenn Du nicht spielst oder Musik machst?

Miriam Ast:
Da brunche ich sehr gerne ausgiebig, mache Pläne oder lese auch gerne mal ein Buch.

Foto von Miriam Ast
Miriam Ast, Foto: Aga Tomaszek

Interview von jazz-fun.de
Foto: Aga Tomaszek

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 7 und 9.