Nikolaus Dolp: „Man muss die Tür für Unvorhergesehenes offen lassen“

Nikolaus Dolp – Dread, Delight and Yowzah
Nikolaus Dolp – Dread, Delight and Yowzah

Von Jacek Brun

Nikolaus Dolp über sein Debüt als Bandleader, „Nikolaus Dolp - Dread, Delight and Yowzah“, musikalische Grenzen, Billy Cobham und einen Soundtrack für eine Welt am Kipppunkt.

Angst vor dem Kommenden, Freude am Augenblick und das Staunen über etwas völlig Unerwartetes: Diese drei emotionalen Zustände stehen hinter dem Titel „Dread, Delight and Yowzah“. Für Nikolaus Dolp spiegeln sie zugleich ein Lebensgefühl unserer Gegenwart – eine Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Empfindungen, die er auf seinem ersten Album als Bandleader musikalisch einzufangen versucht.

Dabei denkt der vor allem als Schlagzeuger bekannte Musiker weit über sein Instrument hinaus. Er komponiert und produziert, spielt Percussion, Keyboards und Synthbass und singt. Jazz, Funk, elektronische Klangwelten, orchestrale Passagen und die Energie des Jazz-Rock der 1970er-Jahre treffen aufeinander, ohne dass Dolp sich um eindeutige Genregrenzen sonderlich kümmert. Rund 20 Musikerinnen und Musiker sind an dem Album beteiligt.

Eine besondere Verbindung führt dabei zu Billy Cobham. Dolp erlebte ihn bereits als Zehnjähriger bei einem seiner ersten Jazzkonzerte, arbeitete später als Drumroadie und -techniker für ihn und lernte bei ihm. Nun ist die Schlagzeuglegende auf Dolps eigenem Album zu hören – ein „Full Circle“-Moment, wie er selbst sagt.

Im Interview mit jazz-fun.de spricht Nikolaus Dolp über seinen Weg zum Bandleader, die Entstehung von „Dread, Delight and Yowzah“, seine musikalischen Mitstreiter, die Faszination für die erste Generation des Jazz-Rock und darüber, warum instrumentale Musik manchmal dort etwas ausdrücken kann, wo Sprache nicht mehr ausreicht.

jazz-fun.de:
Nikolaus, nach vielen Jahren als prägende rhythmische Stimme in unterschiedlichen Projekten trittst du mit Dread, Delight and Yowzah erstmals unter eigenem Namen als Bandleader hervor. Warum war gerade jetzt der richtige Zeitpunkt dafür – und was konntest du mit diesem Album ausdrücken, wofür es zuvor noch keinen Raum gab?

Nikolaus Dolp:
Irgendwie war es einfach nicht anders möglich. Es ist so, dass meine kompositorischen Ideen – die eigentlich seit meiner Kindheit immer da waren – immer mehr geworden sind und ich diese Ideen nicht mehr genug in bestehende Projekte einfließen lassen konnte, weil es einfach zu viele Stücke waren, die entstanden sind. Ich habe ja eigentlich immer für die Bands, bei denen ich getrommelt habe, auch komponiert. Meist kamen dann 1-2 Nummern ins Programm, aber mein Computer zuhause wurde einfach immer voller mit eigenen Ideen. Speziell die Corona Zeit und eine Schulter Operation haben dem ganzen Schreiben noch einen Boost gegeben, weil ich einfach mehr Zeit dafür hatte!
Zudem habe ich in den letzten 10 Jahren sehr intensiv mit Shake Stew gearbeitet, wir waren fast in der ganzen Welt unterwegs, und ich habe dabei wahnsinnig viel gelernt und erfahren. Ich habe eine Familie gegründet und wurde letztes Jahr 40, da dachte ich mir: So, jetzt bist du eigentlich alt genug für ein eigenes Album!

Ich fand dann mit meiner Band, dem Produzenten Pablo Herrasti und dem Label Unit Records super unterstützende Verbündete, und ich fühlte mich für diesen Schritt, der ja auch ziemlich viel Mut von einem abverlangt, sehr bereit. Dabei hilft natürlich auch, dass ich bisher schon an 20 Produktionen beteiligt war und von vielen tollen Musiker:innen in den letzten 20 Jahren lernen durfte!

jazz-fun.de:
„Dread“, „Delight“ und „Yowzah“ stehen für Angst vor dem Kommenden, Freude am Augenblick und Staunen über das Unerwartete. Wie bist du auf diese drei emotionalen Pole gekommen, und inwiefern spiegeln sie auch deine Wahrnehmung unserer Gegenwart wider?

Nikolaus Dolp:
Ich bin auf diese drei emotionalen Pole gestoßen, weil ich persönlich unsere Zeit so empfinde. Jeder hat irgendwie Zukunftsängste, gleichzeitig können wir eigentlich im Hier und Jetzt in der Regel noch relativ unbeschwert leben. Das ist schon ein Gefühl der Gleichzeitigkeit. Was die Musik und musikalische Einflüsse betrifft, bin ich schon auch so, mir geben ziemlich verschiedene Sachen ziemlich viel. Ein Journalist schrieb mal, ich sei ein sehr ambiguitätstoleranter Musiker. Ich denke, vermutlich ist diese Gleichzeitigkeit an emotionalen Verfasstheiten einfach das, was man Leben nennt. Es ist schön, aber manchmal auch eine Herausforderung. Diese Zustände wollte ich auf Dread, Delight and Yowzah! musikalisch irgendwie einfangen.

jazz-fun.de:
Du bist vor allem als Schlagzeuger bekannt, auf dem Album spielst du aber auch Percussion, Keyboards und Synthbass, singst, komponierst und produzierst. Hat sich durch die Arbeit an diesem Projekt dein eigenes Verständnis davon verändert, was für ein Musiker du eigentlich bist?

Nikolaus Dolp:
Ich spiele bei einem anderen Projekt (Krbavac/Salesny/Dolp) auch Schlagzeug und Klavier. Wenn man auf einem Instrument etwas beitragen kann, was der Musik dient, dann denke ich, ist es zweitrangig, wie gut man dieses Instrument eigentlich beherrscht. Es hat mir im Studio extrem viel Spaß gemacht, die verschiedenen Instrumente zu spielen und verschiedene Soundquellen auszuprobieren! Ich habe mich nie nur als reiner Schlagzeuger gesehen und bin dahingehend auch relativ respektlos, was das Spielen von anderen Instrumenten oder dem Singen angeht. Vorgelebt haben mir das auch andere Jazz-Musiker:innen, die neben ihrem Hauptinstrument auch andere Instrumente gespielt haben, auch wenn sie vielleicht nicht so meisterhaft darin waren. Und in Österreich finde ich es zum Beispiel super, wie mein Schlagzeugerkollege Lukas König u.a. bei der Pop Band Bilderbuch Synth spielt.

jazz-fun.de:
Rhythmische Energie ist auf dem Album allgegenwärtig, trotzdem wirkt die Musik keineswegs aus der Perspektive eines Schlagzeugers komponiert. Denkst du beim Schreiben zunächst in Rhythmen und Grooves – oder können Klangfarbe, Harmonie, Melodie oder sogar ein bestimmtes Bild genauso gut der Ausgangspunkt sein?

Nikolaus Dolp:
Das freut mich zu hören! Ich muss gestehen, dass auf dem Album die wenigsten Songs vom Groove her komponiert wurden. Nur bei „Onward And Upward“ ist das so. Dieser Groove ist mir während eines Soundchecks mit Shake Stew eingefallen, und der Rest des Songs hat darauf aufgebaut. Meistens sind es Melodien oder Basslines, die mir einfallen, der Rest kommt später.

Bei „An Der Lan Strasse“ hatte ich ein konkretes Bild der „An Der Lan Strasse“ im Innsbrucker Olympischen Dorf vor Augen. Als Schüler habe ich dort an der Ecke auf meine Mutter gewartet, die mich dort nach der Schule mit dem Auto abholte. Ich habe dort also relativ viel Zeit verbracht und so manch’ eine Szene erlebt, zwischen Autofahrern, Autofahrern und Fußgängern, Schülern untereinander..
Ich habe diesen Song in zwei Teilen am Keyboard/Computer improvisiert – zuerst die Bassline und Form, danach die Melodie darüber. Am Ende habe ich das Improvisierte transkribiert. Währenddessen hatte ich, warum auch immer, diesen sehr konkreten Ort an der An Der Lan Strasse vor Augen – um nicht zu sagen, ich war gefühlt dort!

Mit den Streichern wollte ich eine etwas chaotische „Gegenwelt“ schaffen, die sich linear fortentwickelt und immer wieder mit dem Quartett ineinander- und auseinanderwabert.
Die Melodie gegen Ende des Stückes (Moog Synthesizer, Trompete und Streicher spielen es Unisono) klingt für mich wie ein schimpfender Autofahrer. Ich hatte damals definitiv auch viel Blödsinn im Kopf, und das ein oder andere Mal wurde ich auch zu Recht gewiesen.

Beim Song „Uh Ja Meidling“ geht es auch um einen konkreten Ort: Eines schönen Frühlingstags bin ich durch die Meidlinger Hauptstraße in Wien spaziert, mir ist diese Melodie/Bassline eingefallen und ich dachte mir: Uh ja, Meidling!

Diese Bilder oder Orte sind eher Inspiration, sie triggern Melodien in mir und diese Stücke sind dadurch für mich immer mit diesen Bildern verbunden.

jazz-fun.de:
Das Kernquartett mit Richard Koch, Stephanie Weninger und Raphael Preuschl besitzt sehr starke individuelle Stimmen. Was war dir bei der Zusammenstellung dieser Band wichtig, und wie viel Freiheit gibst du den drei Musiker:innen innerhalb deiner Kompositionen?

Nikolaus Dolp:
Als ich die Songs für das Album ausgewählt hatte, habe ich schon relativ konkret an genau diese Menschen gedacht. Richard wohnt in Deutschland, Raphael in Frankreich…früher hätte mich das davon abgehalten, sie zu fragen. Aber ich habe sie einfach in meinem Kopf gehört, wie sie das spielen, und es war wunderbar. Ich finde, Richard interpretiert Themen einfach so unglaublich. Wenn man sich Richard Koch’s Alben des „Richard Koch Quartetts“ anhört, weiß man vermutlich, was ich meine. Es ist eine ganz individuelle Art, Themen zu interpretieren, humorvoll, clownesk und trotzdem ganz ernst. Sein Solo auf „Bright View“ ist eines meiner Highlights der Platte.

Raphael Preuschl kenne ich schon lange, aber so richtig zusammengespielt haben wir nicht. Erst bei einer Session mit Krbavac/Salesny/Dolp für unser Album haben wir gemeinsam gespielt. Er liebt freie Improvisation genauso wie die Funk Band Brothers Johnson und ist für mich, was Groove angeht, daher ein reines Glück. Ich höre mir manchmal das Album an und höre nur auf Raphie, weil es so gut ist, wie er spielt.
Stephanie Weninger kenne ich von ihrer Zusammenarbeit mit Yvonne Moriel … sie spielt unglaublich gut Klavier und Keyboards. Ihr Solo auf „An Der Landstrasse“ (im Outro) finde ich grandios. Es macht einfach große Freude, mit ihnen allen Musik zu machen, und ich bin dankbar, dass sie mir auf diese Reise gefolgt sind und mich supporten.

Was die Freiheit betrifft, bei den nächsten Alben möchte ich auf alle Fälle noch mehr frei bzw. offen lassen und mit ihnen noch mehr gemeinsam erkunden.

Nikolaus Dolp – Dread, Delight and Yowzah
Nikolaus Dolp – Dread, Delight and Yowzah

jazz-fun.de:
Rund 20 Musiker:innen sind an Dread, Delight and Yowzah beteiligt – vom Quartett über Stimmen und Elektronik bis zu Streichern und Harfe. Wie behält man bei einer solchen Fülle die musikalische Klarheit? Woher weißt du beim Arrangieren, wann eine weitere Klangfarbe etwas Wesentliches hinzufügt – und wann weniger mehr wäre?

Nikolaus Dolp:
Das war tatsächlich eine Herausforderung. Ich bin sehr froh, dass ich da Pablo Herrasti an meiner Seite hatte, der mir unendlich viele Stunden Feedback gab. Er hatte das Projekt recht gut im Überblick, und es ist verdammt wertvoll, jemanden an seiner Seite zu haben, der einem ehrlich Feedback gibt. Danke, Pablo!

Beim Komponieren wollte ich einfach alles unterbringen, was mir wichtig ist, gern orchestral denkend. Ich denke, es klingt trotzdem transparent, auch wenn teilweise ziemlich viel passiert!

jazz-fun.de:
Jazz, Funk, die elektrische Energie der 1970er-Jahre, orchestrale Passagen und elektronische Klangwelten begegnen sich auf dem Album, ohne dass die Musik wie eine Collage wirkt. Wie wichtig ist dir überhaupt noch die Idee von Genres, wenn du komponierst?

Nikolaus Dolp:
Auch das freut mich zu hören! Ich denke einfach sehr eklektisch und auch wenn es vermutlich manchmal leichter zu vermarkten wäre, wenn die ganze Sache eindeutiger wäre, habe ich mich dafür entschieden, relativ kompromisslos alle Einflüsse zuzulassen, die mir wichtig sind. Ich denke, Genres sind zur Zeit gerade insgesamt nicht so wichtig, was ich super finde.

jazz-fun.de:
Mit Billy Cobham ist nicht nur eine Schlagzeuglegende auf dem Album zu hören, sondern auch ein Musiker, bei dem du selbst Unterricht genommen und für den du auf Tour gearbeitet hast. Wie hat sich eure Beziehung über die Jahre verändert – und wie fühlte es sich an, ihn nun als Gast für deine eigene Musik einzuladen?

Nikolaus Dolp:
Als Musiker ist das natürlich für mich ein absolutes Highlight. Aber es ist auch sonst ein ziemlich cooler, sogenannter „Full Circle“ Moment für mich.
Eines meiner ersten Jazzkonzerte besuchte ich als 10-Jähriger in einem Club in Innsbruck, der Utopia hieß. Es spielte die Billy Cobham Band. Mein Vater hat mir eine CD gekauft, als ich Schlagzeug spielen anfing, eine Compilation der „wichtigsten“ Jazzdrummer. Da war natürlich Billy Cobham auch drauf. Meine Mama und Onkel, die mit mir beim Konzert waren, mussten mit mir zur Pause zwar nachhause gehen, da mir vom Zigaretten-plus-Rauch schlecht wurde, aber es war natürlich ein meine Welt bewegendes Ereignis!

Ein paar Jahre später, als das Internet aufkam, war ich recht aktiv in Billy Cobham’s Fanforum und eines Tages schrieb er mir eine Mail, er fände interessant, was ich zu sagen hätte, und ob ich nicht mal als Drumroadie/Tech mitfahren will. Das war natürlich unglaublich, da mit dabei zu sein, und ich habe wahnsinnig viel gelernt. Wir redeten viel über Musik, aber fast noch mehr war mein v.a. damals politisches Interesse Thema.

Während der Produktion des Songs Incipit überlegte ich, wer hier am zweiten Schlagzeug spielen könnte. Die Idee war, dass sich Trompete, Bass und zwei Schlagzeuge immer wieder abwechseln.
Nach einiger Zeit des Ringens mit mir selbst, schickte ich Billy Cobham die Demos mit der Frage, ob er sich vorstellen könnte, mitzuwirken. Billy ist ja nicht nur einer der einflussreichsten Schlagzeuger der Drum Geschichte, sondern auch einer der großen Jazz-Rock Komponisten. Seine Songs „Stratus“ und „Red Baron“ sind Klassiker und wurden u.a. von Prince und Jeff Beck gespielt. Da hatte ich natürlich schon Respekt davor, ihm das zu schicken. Ich lernte Billy nämlich auch als sehr wohlwollenden und ernsthaften, aber in Sachen Musik auch „strengen“ Lehrmeister kennen, daher war ich dann schon nervös, wie er auf meine Anfrage reagieren würde.

Seine Antwort ließ nicht lange auf sich warten und machte mich sehr stolz: Er fand die Musik faszinierend und wollte gern dabei sein! Nach längerer Post-Production hört man auf „Incipit“ nun Billy Cobham hauptsächlich an den Brushes und mich mit Sticks und an den Percussion.

Beim anderen Track mit Billy, EUROPA, verbindet sich der Klang der Kirchenglocken meines Heimatortes Natters in Tirol mit einer sich wiederholenden Melodie, gespielt vom wunderbaren Streichquartett. Dass der mittlerweile 82-jährige Billy Cobham seine meisterhafte Improvisation zu dieser Musik beigesteuert hat, ist für mich wirklich ein wahr gewordener Traum!

Billy hat mich vor ein paar Tagen angerufen und uns zum Album gratuliert. Das fand ich ur-nett. Ich bin einfach nur dankbar, das Glück zu haben, dass einer der einflussreichsten Drummer überhaupt mich sozusagen unter seine Fittiche genommen hat, und auch stolz darauf, dass er meine Musik schätzt!

jazz-fun.de:
Gerade die Zusammenarbeit mit Billy Cobham könnte leicht als Verbeugung vor der Fusiongeschichte verstanden werden. Das Album klingt jedoch keineswegs nostalgisch. Wie gehst du mit musikalischer Tradition um, ohne dass sie zur Last oder zum stilistischen Rückblick wird?

Nikolaus Dolp:
Um ehrlich zu sein, mache ich mir da gar nicht so viele Gedanken darüber. Ich finde und fand es immer am tollsten, wenn Musiker:innen zumindest versucht haben, etwas Eigenständiges zu kreieren. Gerade da waren die Drummer der 1970er Jahre schon super offen, das hat mich immer sehr beeindruckt. Die ersten Jazz-Fusion Drummer, also so Leute wie Tony Williams, Billy Cobham, Alphonse Mouzon, Lenny White oder auch Jack DeJohnette, waren wilde Eklektiker, die auch gern mal gesungen haben oder Keyboards gespielt haben…das hatte was Punkiges, das hat mir immer wahnsinnig gut gefallen, neben deren Schlagzeugspiel. Dahingehend ist Dread, Delight and Yowzah! für mich konzeptionell schon eine Hommage an die erste Generation der Jazz-Rock Musiker.

jazz-fun.de:
Die Musik besitzt stellenweise etwas ausgesprochen Filmisches: Szenen entstehen, verdichten sich, brechen auseinander und führen plötzlich an einen völlig anderen Ort. Spielt visuelles oder narratives Denken beim Komponieren für dich eine Rolle? Gibt es so etwas wie eine Geschichte hinter dem gesamten Album?

Nikolaus Dolp:
Ich wollte mit dem gesamten Album die verschiedenen Zustände unserer heutigen Zeit, so wie ich sie wahrnehme, darstellen.
Bei EUROPA dachte ich an die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unseres Kontinents. Für mich steht das Stück für die Möglichkeiten und die Hoffnung, die uns trotz aller Herausforderungen weiterhin offenstehen.
Faszinierend fand ich, dass Severin Koller – der auch das super Artwork und Design des Albums gemacht hat – sofort nach dem ersten Mal Hören gefragt hat, ob er EUROPA für seinen Film „Dustopia“ verwenden kann (https://vimeo.com/1221003669). Der Film behandelt im weitesten Sinne den Burning Man, aber der Film entfaltet sich auch als elementare Reise durch Stürme, Zerstörung, Erneuerung und Loslassen.

Obwohl Severin gar nicht wusste, was meine Grundstimmung zum Stück EUROPA war, ist er intuitiv sofort auf ihn angesprungen ist. Ich finde, die Intention von EUROPA und Dustopia sind sehr ähnlich – ein wunderschönes Zeugnis dafür, wie toll Stimmungen und Emotionen durch Musik und Kunst allgemein – oft ohne Worte – transportiert werden kann!

Die kleine Trilogie „Zombified“ hat auch eine Geschichte: Im ersten Teil (The Seed) wird jemand langsam zum Zombie (was man auch im übertragenen Sinn sehen kann – z. B. durch Propaganda), dann gibt es den Widerstand (The Call), und am Ende eventuell ein Vergessen der Zeit, als man noch kein Zombie war (The Grand Arrival). Kann es sein, dass man gehirngewaschen glücklich lebt?
Ich denke und hoffe nicht! Pablo und ich haben unserem inneren P-Funk / George Clinton freien Lauf gelassen und wirklich etwas ziemlich Verrücktes daraus gemacht. Zombie-Retro-Computerspiel-Funk, vielleicht? Mit einem Haufen Vintage-Keyboards, Keyboard-Percussion-Sounds, Linn-Drum, Computer und Stimmen, die rückwärts laufen …

jazz-fun.de:
Im Pressetext wird Dread, Delight and Yowzah als „Soundtrack für eine Welt am Kipppunkt“ bezeichnet. Kann instrumentale Musik für dich gesellschaftlich oder sogar politisch sein, ohne eine konkrete Botschaft formulieren zu müssen?

Nikolaus Dolp:
Ich denke, instrumentale Musik ist unschärfer, was die Botschaft betrifft, kann dafür aber mitunter sogar tiefergehender sein, was das Transportieren von Emotionen und Stimmungen betrifft. So bissl nach dem Motto: Da, wo die Sprache nicht mehr ausreicht, können Klänge etwas Wesentliches vermitteln. Zugleich ist instrumentale Musik weniger geprägt von einer Botschaft als Musik mit Text, das finde ich durchaus auch sehr schön, weil es mehr eigenen Interpretationsspielraum für die Hörer:innen zulässt.

jazz-fun.de:
Am Ende steht „Yowzah“ – dieses spontane Staunen über etwas, das man nicht vorhersehen konnte. Wie viel Unvorhersehbares brauchst du selbst in der Musik? Und wann hattest du während der Entstehung dieses Albums deinen größten persönlichen „Yowzah“-Moment?

Nikolaus Dolp:
Es kommt schon sehr darauf an, welche Musik man spielt, grundsätzlich finde ich es aber wichtig, immer die Tür für Unvorhergesehenes offen zu lassen. Improvisation gehört für mich als Jazzmusiker natürlich zu meinem Selbstverständnis dazu. Für mich war eigentlich die ganze Zeit, der gesamte Prozess des Albums, irgendwie ein großes Yowzah! – bis hin zu diesem Interview hier! Ich freue mich auch über jedes physische Album, das ich verschicken darf – da spürt man dann haptisch richtig, wie man die Musik weitergibt, und es ist schön und überraschend zu sehen, wo die Musik überall hinkommt.

Man kann zwar viel planen, aber wie die Sachen sich dann in der Realität ergeben, das weiß man davor halt einfach nicht. Ich kann es nur empfehlen: Stoßt eine Kugel an, plant, bleibt offen und staunt darüber, was durchs Anstoßen der Kugel alles passiert!

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

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Über den Autor

Jacek Brun ist Gründer und Herausgeber von jazz-fun.de sowie seit vielen Jahren als Journalist, Fotograf und Jazzförderer aktiv. Sein Netzwerk reicht von Künstlern und Festivals bis zu Medienpartnern in ganz Europa.

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