Nils Wülker - GO

Nils Wülker - GO

Nils Wülker
GO

Erscheinungstermin: 11.09.2020
Label: Warner, 2020

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Nils Wülker — trumpet, flugelhorn, piano, keyboards, synthesizers, bass synth), programming
Albin Janoska — synthesizers, bass synth, vocoder
Maik Schott — modular synthesizers, synthesizers
Arne Jansen — guitars
Simon Gattringer — drums
Oli Rubow — drums

Der Titel bedeutet „Gehen“ oder auch „Los!“ und ist damit wie maßgeschneidert auf einen Musiker, einen Menschen wie Nils Wülker – immer in Bewegung, neugierig und vorwärtsdenkend, den Kopf voller musikalischer Ideen, ein Mann, der mit der Familie von Hamburg nach München zieht, weil er dort den Bergen näher ist, einer, der vor gut einem Jahr zum ersten Mal Vater geworden ist und nahezu parallel sein spannendstes Album schreibt, produziert, aufnimmt. Alles auf Go.

„GO“ ist Nils Wülkers Exkursion in die elegante Elektronik und komplettiert eine über mindestens fünf Jahre erlebte Album-Trilogie, für die uns der mindestens so charismatische wie visionäre Trompeter/Songwriter mit „UP“ in den Pop und mit „ON“ zum Hip Hop verführt hat. Sein zehntes Studioalbum ist zwar mit all den analogen Synthesizern, dem Arpeggiator, den organischen Loops und Beats „maximal nicht live“, wie der „große Melodiker“ (Die Zeit) sagt, besticht dafür im Kontrast mit einigen seiner bislang schönsten und emotionalsten Songs – und dem direktesten und dynamischsten Trompetenspiel jenseits seiner Live-Alben und Konzerte. Produziert mit Ralf Christian Mayer, bekannt von Arbeiten mit Clueso oder Fanta 4, und komplett selbst komponiert, zeigen die zehn Stücke von „GO“ die bisher extremste und energischste Seite des vielfach preisgekrönten Musikers – eingespielt mit Mitgliedern seiner beliebten Live-Band, dazu dem Wiener Keyboarder Albin Janoska, dem Sound-Experten hinter SOHN, und dem amerikanischen Trompeter Theo Croker im alles andere als sterilen Corona-Distanz-Duo „Highline“.

„Für diese Produktion war es gut, direkt davor das Live-Album gemacht zu haben, so widersprüchlich das auch klingt“, meint Nils Wülker und erklärt gleich, was „GO“ seinem 2019 erschienenen Live-Album „Decade“ verdankt. „Ich habe jetzt „live-mäßiger“ im Studio gearbeitet, konnte mehr Dynamik über das Trompetenspiel einbringen, dieses menschliche Element über die Trompete mitnehmen. Zudem hat es mich in meiner Art und Weise zu Arbeiten gefestigt. Vielleicht habe ich mir auch deshalb zwar mit den Sounds Hilfe geholt, aber die Songs wieder alle komplett selbst geschrieben, ohne Co-Writings, wie auf den letzten beiden Alben.“ Ein weiterer nicht gerade offensichtlicher Aspekt im Entstehungsprozess von „GO“ war das Programm „The Art of the Duo“, mit dem Nils Wülker Ende 2019 mit seinem langjährigen Gitarren-Partner Arne Jansen auf Tour ging. Genau wie bei dieser enthusiastisch aufgenommenen Konzertreihe ist die Trompete hier nicht nur Melodie- und Solo-Instrument, sondern übernimmt andere Funktionen – zu Flächen geloopt, gefiltert, rhythmisch zerhackt oder verfremdet.

Auch wenn “GO“ seine Anfänge in einer Zeit hatte, in der höchstens Virologen bei Corona nicht an eine mexikanische Biermarke dachten, passt es optimal in die jetzige Lage. „Ich habe versucht, die Situation anzunehmen, wie sie ist und sie kreativ zu nutzen“, sagt Nils Wülker und verweist auf diverse „Isolation-Buster-Aktionen“ auf dem Album. „Den Gedanken, für mich auszuloten, was ich nur mit meinem Nicht-Harmonie-Instrument an Klanglandschaften generieren kann, hatte ich zwar schon vor Corona, besonders nach der Duo-Tour, bei der wir uns ja auch oft mit eigenen Loops begleitet haben, aber jetzt hat es eben perfekt gepasst.“ Das wird offensichtlich in der oben schon erwähnten Zusammenarbeit mit Theo Croker, wobei beide Musiker bei den Aufnahmen „allein, nicht einsam“ waren, wie es Nils Wülker nennt, weil zwar jeder in seinem Studio saß, sie aber trotzdem auf Distanz gemeinsam kreativ sein und sich austauschen konnten.

„In einer anderen Situation wäre ich wahrscheinlich gar nicht darauf gekommen, Theo Croker zu kontaktieren“, meint Nils Wülker. „Aber als ich bei Instagram einen Post sah, in dem er mehrfach „use these times“ schrieb und riet, mehr zu üben, positiv zu bleiben, seine Kraft zu finden, habe ich ihn einfach spontan angeschrieben.“ So wurde aus „Highline“ ein ebenso inspiriertes wie inspirierendes Trompeten-Duo, bei dem Theo Croker offen und Nils Wülker mit Dämpfer spielt – über einen pumpend pulsierenden Elektro-Groove, bei dem ein Teil der Begleitung aus einer rhythmisch zerhackten und geloopten Trompeten-Fläche besteht.

Auch die cineastische Ballade “The Frame” beginnt mit so einer zur Klanglandschaft mutierten Trompete, bevor sie sich in allerlei wobernden, knarzenden, rufenden Synthis und der herrlichen Trompete ergeht. Im dramatischen “The You Of Now” kommt die Bassline ausnahmsweise vom Klavier, die Einleitung zu “Seat 47” spielt eine düster-dreckige Synthi-Bass-Line, eine mögliche Reminiszenz an Eighties-Funk-Stars wie D-Train oder George Duke. Front and center, sozusagen im Auge des elektronischen Sturms, strahlen immer wieder diese eindringlichen Melodien, für die Nils Wülker als Musiker und Komponist bekannt und beliebt ist – sie schweben souverän über weite Flächen, dazu der Drum-Sound als Fundament mal knackig live, dann wieder direkt programmiert. “Blow Up” nennt der 42-jährige das auffälligste und extremste Beispiel für einen elektronischen Alleingang: 29 Trompeten-Spuren inklusive einer aus Mundstück-Ploppen gebastelten Kick Drum und einem Backbeat aus Ventil-Geklacker – alles an “Blow Up” ist Trompete, allein im Home Studio entstanden, die technischen Möglichkeiten in der Isolation so kreativ wie möglich genutzt – Kinderbetreuung tagsüber, Albumproduktion nachts.

“GO” ist in jeder Hinsicht Fortschritt, ein neues, aufregend anderes Schaffenskapitel, ein Triumph. Das neue Album baut auf der bisherigen Karriere des Nils Wülker auf: neun, vielfach preisgekrönten und chart-verwöhnten Studio- und eineinhalb Live-Produktionen, der Arbeit mit so unterschiedlichen Musikern wie Craig Armstrong, Omara Portundo, Dominic Miller, Mocky, Peter Vetesse, Samy Deluxe, Marteria, Max Mutzke und vielen mehr. Immer in Bewegung, immer auf „GO“, präsentiert Nils Wülker seinen musikalischen Kosmos auch in seiner Radiosendung „Offbeat“ bei 917XFM. Zudem ist der frisch gebackene Vater passionierter Bergsteiger und „Fachübungsleiter für Hochtouren" beim Deutschen Alpenverein. Es geht aufwärts und voran – GO.

  1. Distorting Time
  2. Hidden Intentions
  3. The You Of Now
  4. Hybrid
  5. Seat 47
  6. Highline (feat. Theo Croker)
  7. The Frame
  8. Blow Up
  9. Perlage
  10. Faced With A Choice, Do Both

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Kommentar von Ctraltu |

Wir spüren ja was er will, aber aus meiner Sicht ist es das schwächste Wülker Album. Warum nutzen Jazzer, sonst sehr experimentierfreudig nur die Presets der synthies? Klingt zudem wie Juno oder Yamaha, also sehr 80er. Der schöne Ton ist da, aber es klingt teilweise wie zum Playback brav musiziert. Wahrscheinlich klingt Musik so, wenn der Markt mitmischt. Wülkers Publikum ist Rotweinjazz auf der Terrasse. Da fehlt dann Mal trotzdem ein herzhafter Käse, einen in die Fresse. Mein Bluetooth Kopfhörer hatte beim ersten Hören Aussetzer, es hatte trotzdem irgendwie gepasst. Schade
Die anderen Alben finde ich übrigens gelungen. Vielleicht war meine Erwartung einfach falsch an dieses GO. Hört selbst.

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