NODE – Das Jazzfest: Aufbruchsstimmung in Schwerin
Eine Festival-Premiere in Schwerin
18. und 19. September 2026
von Sarah Seidel
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Bei der Premiere von NODE – Das Jazzfest im Wichernsal in Schwerin war dieser Anfangs-Zauber zu spüren. Ein zweitägiges Festival für den zeitgenössischen Jazz, organisiert vom Jazzkollektiv MV, einer neu gegründeten Jazzmusiker-Vereinigung in Mecklenburg-Vorpommern. Im Vorfeld des Festivals hatten sich der Pianist Constantin Krahmer und der Saxofonist Christoph Möckel zusammengetan, dazu kamen der Gitarrist Dirk Töpper, der Bassist Henning Schiewer, die Flötistin Friederike Wendorf, die Schlagzeuger Leon Saleh und Johann Gottschling sowie Anna Bernlochner, Projektleiterin an der Hochschule für Musik und Theater Rostock.
NODE – Das Jazzfest: Laut den Organisatoren »ein neuer Treffpunkt für zeitgenössischen Jazz in Mecklenburg-Vorpommern – offen, vielfältig und voller kreativer Begegnungen«. Der Begriff NODE stammt aus der digitalen Netzwerktechnik und bezeichnet Knotenpunkte, an denen Informationen zusammenlaufen und ausgetauscht werden. Das junge Jazzkollektiv MV hat sich vorgenommen, alle Akteure zusammenbringen: die Musikerinnen und Musiker, die Veranstalter und die Kulturschaffenden in MV.
Ein erwartungsvolles Festival-Publikum fand seinen Weg in den Wichernsaal, der bis zu 260 Zuhörer fasst. Aufbruchstimmung lag in der Luft. Christoph Möckel moderierte souverän und locker durch beide Abende, am Freitag präsentierte er als erstes das Landesjugendjazzorchester mit Gastsolistin Tini Thomsen. Ein guter Zug, die Jungen ganz an den Anfang zu setzen, dort wo man sehen kann: Es gibt sie, die Nachwuchsjazzer in MV, sie sind die Zukunft. Und so schlug sich die Band mit viel Spiellaune und dem großartigen Pianisten Mischa Schumann aus Hamburg durch ein Programm mit Stücken von Tini Thomsen und weiteren Komponisten. Tini Thomsen selbst zeigte sich als inspirierte, kraftvolle Solistin am Bariton- und Tenorsaxofon. Der Abend hatte gut angefangen.
Nach längerer Umbaupause dann der Saxofonist Wanja Slavin mit seinem Projekt »Libelle«. Vertrackte und dennoch ordentlich groovende Rhythmen, die auch an Hermeto Pascoal erinnerten, griffige Melodien und viel Dynamik gab’s in dieser Band mit dem Pianisten und Posaunisten Johannes Lauer, dem Gitarristen Arne Braun, der Bassistin Lucy Liebe und dem Schlagzeuger Maximilian Stadtfeldt. Ein hochenergetisches musikalisches Setting, in das sich die Sängerin Zuza Jasinska perfekt einfügte. Mit ihrer Stimme und ihren Songs sorgte sie für Jubel. Hochgefühle nach zwei Bands.
Mit dem dritten Projekt dann ein atmosphärischer Wechsel. Modernes Tanztheater mit drei Tänzerinnen und drei Mitgliedern des Jazzkollektivs MV. Friederike Wendorf spielte expressive Flötentöne, dazu kamen sparsame Gitarrensounds von Dirk Töpper und Schlagzeug-Akzente von Johann Gottschling. Hier wurden wortlos Geschichten erzählt, die jeder Zuschauer anders wiedergeben würde, abhängig von der eigenen Verfasstheit. Ein intensives Improvisations-Theater, das volle Konzentration erforderte. Keine leichte Kost zum Ausklang eines langen Festivalabends.
Am frühen Samstagmittag fand zunächst das angekündigte Vernetzungstreffen mit unterschiedlichen Akteuren aus Mecklenburg-Vorpommern statt. Nicht nur die Mitglieder des Jazzkollektivs MV kamen, sondern auch Joachim Böskens, Direktor des NDR-Landesfunkhauses MV und aus dem Leitungsteam der Festspiele MV Toni Berndt. Dessen Impulsvortrag ging in eine anschließende Diskussion der 24 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Vernetzungstreffen über. Ein spannendes Gespräch über den Status Quo des Jazz in MV, über Probleme und Ziele. Der Silberstreif am Horizont? Die Bildung einer LAG Jazz MV.
Am Samstagabend dann Teil zwei des Festivals im Wichernsaal. Dieses Mal vier Bands, kürzere Sets und kürzere Umbauzeiten. Eher eine Innenschau, die Atmosphäre ganz anders als noch am Vortag. Mit dem Saxofonisten Caspar Rutsch und dem Gitarristen Liam Möller aus Schwerin eröffnete wieder ein junges Team den Abend. Beide studieren noch – Rutsch in Hamburg, Möller in Köln. In ihrer Duo-Performance mit eigenen Stücken und meditativem Klang schwang unterschwellig die Suche nach der eigenen musikalischen Identität mit. Zwei vielversprechende Musiker am Anfang ihrer Karriere.
Den zweiten Part des Abends bestritten drei Kollektivmitglieder plus Gastsolistin. Dabei waren Pianist Constantin Krahmer, Schlagzeuger Leon Saleh und Saxofonist Christoph Möckel, der seine Moderatorenrolle einmal kurz auf die Bühne und mitten ins Bandgeschehen verlegte. Zu ihnen gesellte sich die Bassistin Lisa Wulff aus Hamburg. Das Quartett spielte ein Set mit überwiegend ihren Kompositionen. Hier war große Lebendigkeit und Spielfreude zu erleben, Lisa Wulffs warmer Bass-Sound stand souverän in der Mitte dieses Ensembles. Constantin Krahmer ließ viel Raum, seine Piano-Akkorde setzte er sparsam ein und genau auf den Punkt. Leon Saleh holte am Schlagzeug überbordend kreativ aus, Christoph Möckel erinnerte am Tenor und Sopransaxofon sowohl an Wayne Shorter als auch an Dave Liebman. Sollten diese vier Musiker wieder einmal auf der Bühne zusammentreffen, wäre das ein großer Gewinn.
Die Bassistin Ruth Goller war aus London angereist, um im Duo mit dem irischen Bratschisten Ultan O’Brien eine Mischung aus Noise, elektronisch erzeugten Soundschichtungen, Sirenengesang und irischem Folk zu präsentieren. Etliche Pedale lagen vor ihr auf dem Boden. Ein durch die sich wiederholende elektronische Clustererzeugung etwas statischer Auftritt, der sich hinzog.
Danach noch einmal Elektronik: dieses Mal bedient vom dänischen Gitarristen und ECM-Künstler Jakob Bro. Sein Konzert geriet zum ruhigen Schlusspunkt dieses Festivals. Vorweg gab er zu, dass er Solo-Konzerte äußerst selten spiele und sie eigentlich fürchte. Die Herausforderung hatte er dennoch angenommen und lud nun seine Hörer dazu ein, sich so zu fühlen, als wären sie bei ihm Zuhause. Er machte also das, was er normalerweise auch in seinem Wohnzimmer mit der Gitarre und der Elektronik macht. Passend dazu hatte er sich die Schuhe ausgezogen und sie unter den Tisch mit den Klangreglern gestellt. Jakob Bro setzte seinem langen, ruhigen und minimalistischen Fluss auf der Gitarre auf Knopfdruck immer mal wieder kürzere Störelemente entgegen. Das war Schönklang, aber reizvoll und düster durchbrochen. Auch Jakob Bro arbeitet mit Soundschichten, mit Loops, mit feinen melodischen Motiven und klanglichen Veränderungen, alles auf das Äußerste reduziert.
Die Festival-Premiere in Schwerin ging nach zwei bereichernden Konzertabenden zu Ende. Damit und auch mit dem Vernetzungstreffen hat sich das Jazzkollektiv MV ein gemeinsames Ziel für die Zukunft des Jazz in dem Bundesland gesetzt: eine größere Sichtbarkeit für alle Akteure des Jazz in MV. Fast schon schicksalhaft, dass nur einen Tag nach dem Festival die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern stattfanden. Was damit entschieden wird, könnte sich zukünftig auch auf die Pläne des Jazzkollektivs MV auswirken.
Über die Autorin
Sarah Seidel lebt in Hamburg und arbeitet seit über zwanzig Jahren als Rundfunkjournalistin mit Schwerpunkt Jazz. Für jazz-fun.de führt sie Interviews, schreibt Rezensionen und berichtet über Künstlerinnen, Künstler und Entwicklungen der internationalen Jazzszene.
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