Michel Petrucciani

Michel Petrucciani, Foto: Melancholyblues
Michel Petrucciani, Foto: Melancholyblues

Biographie

Michel Petrucciani (* 28. Dezember 1962 in Orange, Vaucluse; † 6. Januar 1999 in New York) war ein französischer Jazzpianist mit sizilianischen Wurzeln.

Michel Petrucciani wurde am 28. Dezember 1962 im südfranzösischen Orange in eine Familie begeisterter musikalischer Laien hineingeboren. Seine Familie war besessen von den Klassikern des Modern Jazz. Mit der Musik von Wes Montgomery, Miles Davis, Django Reinhardt, Art Tatum wuchs Petrucciani auf. Als er drei Jahre alt war, konnte er die meisten ihrer Melodien nachsingen. Das Schicksal hatte es zunächst nicht gut mit ihm gemeint: Petrucciani war mit Osteogenesis imperfecta geboren worden. Was umgangssprachlich als Glasknochenkrankheit bezeichnet wird, ist ein genetischer Defekt der bewirkt, dass die Knochen bereits beim geringsten Druck brechen (nach Petruccianis Geburt war jeder Knochen in seinem Leib gebrochen). Er wurde nie größer als einen Meter und litt sein ganzes Leben lang unter fürchterlichen Schmerzen. Als wollte es diesen Fluch kompensieren, stattete das Schicksal ihn mit zwei besonderen Gaben aus: mit einem außerordentlichen und seltenen Genie für die Musik und mit einer charismatischen Persönlichkeit. Mit dieser Persönlichkeit konnte er jeden für sich einnehmen; Zeit seines Lebens verliebten sich die Frauen in ihn. Seine Behinderung behinderte ihn niemals; und obwohl er wusste, dass er wahrscheinlich nicht viel älter als 40 Jahre werden würde, war er entschlossen, so viel wie möglich in seine Lebenszeit hinein zu pressen. Er hatte keine Zeit für Leute, die jammerten. „Worüber beklagst du dich?“ hätte er dann gefragt. „Sieh mich an! Mir geht es gut! Ich habe Spaß!“ Und er hatte Spaß. Als er vier Jahre alt war, sah er Duke Ellington im Fernsehen und verlangte augenblicklich ein Klavier. Seine Eltern kauften ihm daraufhin ein Spielzeugklavier. Er zerstörte das Spielzeugklavier mit einem Hammer und ließ keinen Zweifel daran, dass er ein echtes Klavier haben wollte. Im Alter von sieben Jahren war klar, dass Petrucciani ein Wunderkind war. Seine Ausbildung war klassisch, aber wie schon bei seiner übrigen Familie galt seine erste Liebe dem Jazz. Bereits mit 13 improvisierte er eindrucksvoll.

Seinen ersten Durchbruch hatte Michel Petrucciani auf einem regionalen Jazzfestival, auf dem er mit dem amerikanischen Trompeter Clark Terry zusammen spielen sollte. Clark Terry sah ihn einmal kurz an und weigerte sich zu glauben, dass diese seltsame kleine Kreatur den Blues spielen könne. Petrucciani spielte einige Passagen. Clark Terry war wie vom Blitz getroffen. Später beschrieb es jemand so: „Als er 13 war, hörte er sich an wie ein lebensüberdrüssiger Schwarzer, gestrandet in einer Piano-Bar irgendwo in Mexiko...“ Drei Jahre später begegnete Petrucciani dem Schlagzeuger Aldo Romano. Die beiden standen sich sofort sehr nahe. Damals konnte Petrucciani nicht laufen – also trug Romano ihn überall hin. Einmal nahm Romano ihn mit nach Paris, um dort Jean-Jacques Pussiau zu treffen, den Besitzer von Owl Records. Zwischen 1981 und 1985 nahm Petrucciani fünf Alben auf, darunter den Klassiker „Toot Sweet“ mit dem Saxophonisten Lee Konitz. Bis dahin war er auf regionalen Jazzfestivals in Südfrankreich aufgetreten. Als er dann 1981 im Theatre de la Ville auf dem Paris Jazz Festival spielte, war das eine Sensation. Ein neuer Star war geboren. Aber Frankreich genügte Petrucciani nicht. Er träumte davon, nach Amerika zu gehen. Kaum war er 18 Jahre alt geworden, floh er an die Westküste nach Big Sur. Ein Freund von ihm, der amerikanische Hippie und Schlagzeuger Tox Drohar, arbeitete dort auf dem Anwesen von Charles Lloyd. Petrucciani überzeugte einen anderen Freund davon, ihn herumzutragen (er hatte erst mit 25 Jahren gelernt auf Krücken zu gehen und liebte es, getragen zu werden – insbesondere von Frauen). Charles Lloyd, legendärer Saxophonspieler von der Westküste und Entdecker von Keith Jarrett, hatte den Jazz aufgegeben um Mystik zu studieren.

Aber er hatte über einen Hinduheiligen mit beschädigtem Körper gelesen, der den Ozean überquert hatte, um Wunder zu vollbringen. Als er Michel Petrucciani spielen hörte, nahm er zum ersten Mal nach 15 Jahren wieder sein Saxophon in die Hand und die beiden begannen zusammen zu touren. Das war Petruccianis Einführung in die wahre Welt des Jazz. Bald tourten Lloyd und er um die Welt und ernteten begeistertes Echo. Nach fünf Jahren in Big Sur sehnte sich Petrucciani dennoch nach New York. In den achtziger Jahren war New York das Mekka des Jazz. Dort konnte er im Village Vanguard oder im Bradley’s spielen und mit den Jazzgrößen jammen. Er unterschrieb als erster Nicht-Amerikaner bei Blue Note Records, er nahm Platten auf und spielte mit einer Heerschar legendärer Jazzmusiker: Roy Haynes, Jim Hall, John Abercrombie, Wayne Shorter, Joe Henderson, Joe Lovano und Dizzy Gillespie. Ermüdet von den Exzessen seines New Yorker Lebens, die seiner Gesundheit nicht gut taten, kehrte er nach Frankreich zurück. Er fand dort die Liebe und wurde Vater eines Sohnes. Als er erfuhr, dass sein Sohn seine Behinderung geerbt hatte, war er am Boden zerstört und fatalistisch zugleich: „Wenn ich mich weigern würde, das zu akzeptieren, dann wäre das, als würde ich mich selbst ablehnen. Warum sollte ich das tun?“ Seine Rückkehr nach Frankreich fiel mit der fruchtbarsten musikalischen Schaffensperiode seines Lebens zusammen. Er unterschrieb bei Dreyfus Records, die ihn zum internationalen Star machen sollten. Seine Musik drang in neue Sphären vor. Bald nahm er Platten auf, von denen sich Hunderttausende verkauften (namentlich mit Stéphane Grappelli, Eddy Louiss und mit seinem Trio, bestehend aus Steve Gadd, Anthony Jackson und ihm) und gab in ganz Europa Konzerte vor Zehntausenden. Seine Krankheit allerdings zollte auch ihren Tribut – ebenso wie seine Vorliebe für das Leben auf der Überholspur. Als ihm gesagt wurde, dass er vielleicht mal etwas kürzer treten solle, war seine Antwort: „Hey, ich habe Charlie Parker überlebt. Das ist doch gar nicht so schlecht.“ Er sollte ihn nicht lange überleben. Erschöpft von seinem engen Terminplan (1998 gab er 220 Konzerte) und seiner schwindenden Gesundheit, erkrankte er im Winter 1998 in New York an einer Lungenentzündung. Er starb am 6. Januar 1999 im Alter von nur 36 Jahren. An seiner Beerdigung in Paris nahmen Zehntausende Trauernde teil. Sein Grab ist auf dem Friedhof von Père Lachaise, direkt neben dem Grab von Frédéric Chopin – das zeigt schon den Respekt, der diesem außergewöhnlichen Menschen entgegengebracht wurde. Am Besten drücken sich Michel Petruccianis Vermächtnis und sein Genie in den Worten von Wayne Shorter aus: „Es laufen eine Menge Leute herum, ausgewachsen und, wie man so schön sagt, „normal“, die alles, mit dem sie geboren wurden, in der richtigen Größe haben: Arme in der richtigen Länge, so etwas eben. Sie sind in jeder Hinsicht symmetrisch, aber sie leben ihre Leben, als hätten sie keine Arme, Beine oder Köpfe. Und sie laden sich in ihrem Leben Schuld auf. Ich habe niemals mitbekommen, dass Michel sich je über irgendetwas beklagt hätte. Er sah nicht in den Spiegel und beklagte das, was er sah. Michel war ein großartiger Musiker – ein wirklich großer Musiker – und er war es letztlich deshalb, weil er ein großartiger Mensch war. Ein großartiger Mensch wiederum war er deshalb, weil er die Fähigkeit hatte, zu Empfinden und diese Emotionen an andere weiter zu geben, über seine Musik. Alles andere, was man über ihn sagen kann, sind Formalitäten. Das wäre technokratisch und bedeutet mir gar nichts.“

Michel Petruccianis Leben beweist uns allen, dass man niemanden daran hindern kann, sein Leben erfüllt zu leben. Er jedenfalls hat sein Leben mit Humor, Spaß und mit großer, großartiger Musik gelebt.

Ausgewählte Diskographie

  • Flash, (1980)
  • Michel Petrucciani Trio, (Owl, 1981)
  • Date with Time, (1981)
  • Michel Petrucciani, (1981)
  • Oracle's Destiny, (Owl, 1982)
  • Toot Suite, (1982), Owl (mit Lee Konitz)
  • 100 Hearts, (Concord, 1983)
  • Live at the Village Vanguard, (Concord, 1984)
  • Note'n Notes, (1984)
  • Cold Blues, (Owl, 1985)
  • Pianism, (Blue Note, 1985)
  • Power of Three, (Blue Note, 1986)
  • Michel plays Petrucciani, (Blue Note, 1987)
  • Music, (Blue Note, 1989)
  • Playground, (1991)
  • Live, (1991)
  • Promenade with Duke, (Blue Note, 1993)
  • Marvellous, (Dreyfus, 1994)
  • Eddy Louiss/Michel Petrucciani live, (Dreyfus, 1994)
  • Au Theatre Des Champs-Elysees, (Dreyfus, 1995)
  • Darn that Dream, (1996)
  • Flamingo, (mit Stéphane Grappelli) (1996)
  • Both Worlds, (Dreyfus, 1998, mit Stefano Di Battista)
  • Solo Live in Germany, (Dreyfus, 1998)
  • Estate, (1999)
  • Live in Tokyo, (1999)
  • Bob Malach & Michel Petrucciani, (2000)
  • Concerts Inédits /Live, (2000)
  • Conversation, (2001)
  • Days of Wines and Roses - The Owl Years 1981-1985, (2001)

Links

Michel Petrucciani Internetseite:
http://www.michel-petrucciani.de

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