Rezension des Albums "Re: Satie Picturing the Invisible" von Philipp Rüttgers Trio
Philipp Rüttgers Trio
Re: Satie Picturing the Invisible
Erscheinungstermin: 11.09.2026
Label: ZenneZ Records, 2026
Das Unsichtbare zwischen den Tönen
Was geschieht, wenn man Erik Saties Melancholie, seine eigentümliche Gelassenheit und seinen feinen Humor durch die Augen eines zeitgenössischen Jazzmusikers betrachtet? Philipp Rüttgers gibt darauf in „Re: Satie – Picturing the Invisible” keine eindeutige Antwort. Vielmehr begibt er sich gemeinsam mit Omer Govreen und Sun-Mi Hong auf die Suche nach etwas, das sich ohnehin kaum festhalten lässt: dem Unsichtbaren in Saties Musik.
Für das zweite Album seines Trios hat sich der in Deutschland geborene Pianist und Komponist intensiv mit Saties Werk beschäftigt. Er arbeitete sich durch die bei Éditions Salabert veröffentlichten Kompositionen, sammelte Motive und Fragmente und begann anschließend, dieses Material neu zu ordnen. Dieses Verfahren erinnert an einen Autor, der vorhandene Wörter nimmt und daraus eine vollkommen neue Erzählung entwickelt.
Deshalb ist „Re: Satie” weder Bearbeitung noch Hommage im üblichen Sinne. Rüttgers übernimmt Saties Musik nicht als fertige Vorlage. Er untersucht ihre Strukturen, entdeckt verborgene Verbindungen und lässt aus einzelnen Bestandteilen neue musikalische Zusammenhänge entstehen. Saties rätselhafter Charakter bleibt dabei spürbar, doch die Musik spricht selbstverständlich die Sprache eines Klaviertrios von heute.
Entscheidend ist, was zwischen den Noten passiert. Pausen, angedeutete Harmonien und kleine Verschiebungen erhalten ebenso viel Bedeutung wie ausformulierte melodische Gedanken. Das Trio nutzt diese offenen Räume mit bemerkenswerter Sensibilität. Musik entsteht demnach nicht nur aus dem Gespielten, sondern auch aus Erwartung, Erinnerung und dem Nachhall eines gerade verklungenen Tons.
Dass dieses Konzept so überzeugend funktioniert, liegt maßgeblich an den drei Musikern. Rüttgers hat mit Omer Govreen am Kontrabass und Sun-Mi Hong am Schlagzeug zwei Partner, die seine Ideen nicht nur umsetzen. Alle drei verstehen die Offenheit dieser Musik und bringen ihre eigenen Persönlichkeiten ein. Besonders in den improvisierten Passagen wird hörbar, wie aufmerksam sie aufeinander reagieren und wie selbstverständlich sie zwischen vorgegebenem Material und spontaner Gestaltung wechseln.
So begegnen sich zwei Welten, ohne dass eine der anderen untergeordnet wird. Satie bleibt erkennbar, wird aber nicht konserviert. Das Jazztrio benutzt die historische Vorlage wiederum nicht als dekoratives Zitat, sondern als Ausgangspunkt für eine eigene künstlerische Aussage.
Re: Satie – Picturing the Invisible lässt uns vertraute Musik aus einer anderen Perspektive hören. Vielleicht ist genau das die größte Qualität dieses Albums: Rüttgers versucht nicht, Saties Geheimnisse zu erklären. Er gibt ihnen neuen Raum.
(Jacek Brun, 12.09.2026)
Besetzung
Philipp Rüttgers - piano
Omer Govreen - double bass
Sun-Mi Hong - drums
Titelliste
- The Swing
- Gnossienne Interlude #1
- Patchwork Prelude
- Gymnopedie
- Gnossienne Interlude #2
- Uspud
- Son of the Stars
- True Flabby Preludes for a Dog
- Gnossienne
- Vexations
- Passacaille
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