Rezension des Albums "The Soul of Soil" von RGG
RGG
The Soul of Soil
Erscheinungstermin: 23.09.2026
Label: MUSIC CORNER RECORDS, 2026
Was in der Erinnerung weiterlebt
Chopin gehört zu jenen Komponisten, deren Musik tief im kulturellen Gedächtnis verankert ist. Gerade deshalb ist jede neue Annäherung an sein Werk mit einer gewissen Verantwortung verbunden. RGG entscheidet sich auf The Soul of Soil nicht für die Rekonstruktion, sondern für Freiheit.
Das Trio aus Łukasz Ojdana, Maciej Garbowski und Krzysztof Gradziuk feiert mit diesem Album sein 25-jähriges Bestehen. Neun Kompositionen Chopins bilden den Ausgangspunkt für eine Musik, die dessen melodische und harmonische Substanz respektiert, sie aber weit über ihre ursprüngliche Form hinausführt.
Mazurken, Nocturnes und Etüden werden nicht einfach jazzig umarrangiert. RGG öffnet sie. Themen tauchen auf, lösen sich auf, werden verkürzt, weitergedacht oder in neue Zusammenhänge gestellt. Man erkennt Chopin oft sofort – und hört gleichzeitig etwas, das eindeutig aus der jahrzehntelangen gemeinsamen Sprache dieses Trios entstanden ist.
Die lange Zusammenarbeit der drei Musiker ist dabei entscheidend. Ojdana, Garbowski und Gradziuk müssen einander nichts mehr beweisen. Ihre Kommunikation funktioniert auf einer Ebene, auf der kleinste Veränderungen genügen können, um die Richtung eines Stückes zu verändern. Eine Phrase am Klavier, ein kurzer Impuls des Basses oder eine Verschiebung im Schlagzeug kann eine neue Entwicklung auslösen.
So wird Improvisation nicht zum Gegensatz der Komposition, sondern zu ihrer Fortsetzung.
Auch Stille spielt eine wichtige Rolle. Die Musik braucht nicht ständig Bewegung, um Spannung zu erzeugen. Pausen, Nachklänge und offene Räume gehören ebenso zur Erzählung wie melodische Linien und rhythmische Verdichtungen. Dadurch entsteht eine bemerkenswerte Transparenz, in der selbst vertraute Motive plötzlich anders erscheinen.
The Soul of Soil handelt deshalb weniger von Chopin als historischer Figur als von der Frage, wie musikalisches Erbe weiterlebt. Tradition wird hier nicht bewahrt, indem man sie unverändert lässt. Sie bleibt lebendig, weil Musiker bereit sind, sie aus ihrer eigenen Gegenwart heraus neu zu befragen.
Das macht dieses Jubiläumsalbum weit mehr als zu einem Rückblick auf 25 Jahre RGG. Es zeigt ein Trio, das seine gemeinsame Geschichte nutzt, um in bereits bekannte Musik neue Räume zu öffnen.
Chopin bleibt hörbar. Doch das, was daraus entsteht, gehört ganz RGG.
(Jacek Brun, 03.10.2026)
Besetzung
Łukasz Ojdana - piano
Maciej Garbowski - double bass
Krzysztof Gradziuk - drums & toys
Titelliste
- Mazurka in A minor, Op. 17, No. 4
- Etude in E flat minor, Op. 10, No. 6
- Mazurka in E flat minor, Op. 6, No. 4
- Mazurka in E minor, Op. 17, No. 2
- Mazurka in A minor, Op. 67, No. 4
- Mazurka in C sharp minor, Op. 6, No. 2
- Trois nouvelles études, No. 1
- Etude in C sharp minor, Op. 25, No. 7
- Nocturne in G minor, Op. 15, No. 3
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