Rezension des Albums "Second Attempt" von Satoko Fujii Orchestra Berlin
Satoko Fujii Orchestra Berlin
Second Attempt
Erscheinungstermin: 04.09.2026
Label: Libra Records, 2026
Aus kleinen Teilen entsteht das Unvorhersehbare
Nach fast drei Jahrzehnten und mehr als 25 Veröffentlichungen mit großen Ensembles könnte Satoko Fujii mittlerweile auf eine bewährte Methode zurückgreifen. Doch genau das scheint sie nicht zu interessieren. Auch mit dem Orchestra Berlin sucht die Pianistin und Komponistin weiter nach Möglichkeiten, die scheinbaren Gegensätze von Komposition und freier Improvisation miteinander zu verbinden. Auf Second Attempt mündet diese Suche in ein faszinierendes Experiment.
Die Grundidee klingt zunächst verblüffend einfach. Fujii hat über Jahre kurze notierte Passagen entwickelt, die sie während einer Aufführung durch Handzeichen abrufen kann. Sie dienen beispielsweise als Hintergrund für improvisierende Solisten. Eine festgelegte Reihenfolge gibt es nicht. Nun geht Fujii einen entscheidenden Schritt weiter: Was geschieht, wenn diese kleinen musikalischen Bausteine selbst zur Grundlage einer ganzen Komposition werden?
Fujii vergleicht das Prinzip mit Lego. Aus wenigen kleinen Teilen kann etwas Großes entstehen, dessen endgültige Gestalt vorher noch niemand kennt. Damit überträgt sie einen erheblichen Teil der Verantwortung auf den Augenblick – und auf ihre Musiker.
Gerade dafür besitzt sie mit der Orchestra Berlin ein außergewöhnliches Ensemble. Die Beteiligten sind nicht nur ausgezeichnete Instrumentalisten, die komplexe Partituren zuverlässig umsetzen. Sie sind auch eigenständige Improvisatoren. Fujii schafft Räume, in denen sie Entscheidungen treffen, reagieren und den Verlauf der Musik aktiv mitbestimmen können.
Entsprechend unvorhersehbar entwickelt sich „Second Attempt”. Kurze orchestrale Figuren erscheinen, verändern ihre Funktion, treffen auf improvisierte Stimmen oder verschwinden wieder. Solistische Passagen können eine neue Richtung vorgeben, auf die das Ensemble unmittelbar reagiert. So wächst aus einzelnen Fragmenten vor unseren Ohren eine große Form.
Dabei entsteht keineswegs Chaos. Gerade die wenigen vereinbarten Regeln ermöglichen Freiheit. Fujii kontrolliert nicht jeden Ton, sondern organisiert Möglichkeiten. Ihre Aufgabe als Komponistin und Dirigentin besteht darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen etwas entstehen kann, das selbst sie nicht vollständig vorhersehen kann.
Noch faszinierender wird dieses Konzept durch die Aufnahmesituation. Die Musik wurde live eingespielt, ohne Overdubs und nachträgliche Korrekturen. Was wir hören, ist also der Moment, in dem diese komplexe Architektur tatsächlich entsteht.
„Second Attempt” zeigt damit einmal mehr, warum Satoko Fujii auch nach Jahrzehnten eine der spannendsten Stimmen für große improvisierende Ensembles ist. Sie schreibt Musik nicht nur auf.
Sie lässt sie geschehen.
(Jacek Brun, 10.09.2026)
Besetzung
Satoko Fujii Orchestra Berlin:
Gebhard Ullmann, Mathias Schubert - tenor sax
Paulina Owczarek - baritone sax
Nikolaus Neuser, Lina Allemano, Natsuki Tamura - trumpet
Matthias Mueller - trombone
Liz Kosack - synthesizer
Jan Roder - bass
Michael Griener, Peter Orins - drums
Titelliste
- Second Attempt Part 1
- Second Attempt Part 2
- Second Attempt Part 3
- Second Attempt Part 4
- Second Attempt Part 5
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