Shake Stew - Gris Gris

Shake Stew - Gris Gris

Shake Stew
Gris Gris

Erscheinungstermin: 01.11.2019
Label: Traumton Records, 2019

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Lukas Kranzelbinder - double bass, electric bass, guembri, shaker, bandleader
Clemens Salesny - alto saxophone, stritch, opera gong, flexatone
Johannes Schleiermacher - tenor saxophone, flute
Mario Rom - trumpet
Oliver Potratz - double bass, electric bass, shaker
Nikolaus Dolp - drums, percussion, thai gongs
Mathias Koch - drums, percussion

Special Guest Tobias Hoffmann - electric guitar, shaker (Grilling Crickets in a Straw Hut)

Wenn eine junge österreichisch-deutsche Formation schon in ihren ersten zwei bis drei Jahren zu den renommiertesten internationalen Festivals eingeladen wird, muss sie etwas besonderes sein. Das 2016 gegründete Solisten-Septett Shake Stew erlebt seit seiner Premiere im gleichen Jahr beim Jazzfestival Saalfelden und seinem Debütalbum The Golden Fang (VÖ Anfang 2017) eine ungewöhnlich steile Karriere. Sie hat die Band bereits zum North Sea Jazz nach Rotterdam geführt, zu Jazz au Chellah in Marokko sowie zu Festivals in Mexiko City, Montreal und Istanbul. Die Band räumt generationsübergreifend ab, so auch beim hippen, von überwiegend jungen Leuten besuchten X-Jazz in Berlin. Anfang 2019 begeisterten Shake Stew an zwei Abenden 900 Zuschauer in ihrem „Heimatclub“ Porgy & Bess in Wien sowie mit einem außergewöhnlichen, teils theatralisch choreographierten Auftritt beim Jazzfestival Münster. Einher mit den stürmischen Konzerten und dem 2018 veröffentlichten zweiten Album Rise And Rise Again (inklusive Kooperation mit Shabaka Hutchings) gehen ausgesprochen positive Reaktionen in den Medien.

Über Shake Stews Auftritt beim 49. Deutschen Jazzfestival schrieb Norbert Krampf in der FAZ: „Zwei Schlagzeuger knüpfen einen dichten, bisweilen fliegenden Rhythmusteppich, [...] Virtuose Bläser verschärfen die Dynamik mit scheinbar kaum zu bremsender Dringlichkeit, die sich in spektakulären Soli Bahn bricht.“ Ralf Dombrowski befand im Jazzthing: „....mehr Energiefeld als lineare Erzählung. Man hört [der Musik] nicht den Gestaltungswillen an, sondern kann den Fluss der Ideen mitempfingen.“ Der Autor des in Wien erscheinenden Falter konstatierte zum zweiten Album: „...bietet es brillanten Instrumentalisten wie Mario Rom oder Johannes Schleiermacher Raum, solistisch zu glänzen, und kann sich stets auf den prächtigen Ensemblesound verlassen.“ Ulrich Stock begeisterte sich in Die Zeit: „Etwas geht von dieser Band aus, das neu und besonders ist – und ungemein attraktiv.“ Und die Badische Zeitung titelte „Hypnotisch und verführerisch“ und fuhr im Text fort: „Shake Stew verführen mit einem hoch-melodischen, genreübergreifenden und rhythmisch delikaten Sound, in dem auch afrikanische Musikwelten durchklingen.“

Während das enthusiastische Publikum die Klänge des letzten Albums noch deutlich im Ohr hat, liefert das kreative Ensemble um „Basssenkrechtstarter“ (Süddeutsche Zeitung) Lukas Kranzelbinder bereits ein neues musikalisches Ideenfeuerwerk. Schon der mysteriöse Titel Gris Gris lässt eine magische Klangreise erahnen. Wieder greift die ungewöhnliche Instrumentierung so nahtlos ineinander, dass sich ein ums andere Mal Türen zu ungeahnten Soundwelten öffnen. Schnell wird außerdem deutlich, dass die Band der Konsens eint, „auf diesem dritten Album keinerlei musikalische Abkürzungen zu nehmen, sondern den ganzen Weg zu gehen“, so Kranzelbinder.

Trotz der enormen musikalischen Fülle reißt dieser imaginäre Faden nie ab, vielmehr verdichtet sich Gris Gris von Stück zu Stück immer weiter zu einem energetischen Ganzen, in dem jeder Klang, jedes Solo und jeder Rhythmus mit dem vorangegangen Material korrespondiert und neue Emotionen weckt. Die Vielfalt trägt zurecht den Namen Gris Gris, handelt es sich dabei doch um einen ebenso traditionsreichen wie vieldeutigen afrikanischen Begriff. Je nach Region und Kultur (bis hin zur Voodoo-Mystik) bezeichnet ein Gris Gris irdische und vor allem überirdische Dinge, oft wird es als Talisman, Amulett oder magischer Gegenstand verwendet. „Generell kann gesagt werden, dass es sich um ein Objekt handelt, dass der Besitzerin oder dem Besitzer eine ganz besondere und einzigartige Energie gibt“, erklärt Kranzelbinder. „Dieser Gedanke zieht sich seit jeher durch die Musik von Shake Stew. Der 'Spirit' ist stets das höchste Maß der Dinge, alle anderen Faktoren folgen dieser Energie.“

Der besagte Geist prägt die detailgenau ausgearbeiteten, oft treibenden Rhythmen von Niki Dolp und Mathias Koch, die sich zuweilen mittels Metallplatten, asiatischen Gongs und weiteren Perkussionsinstrumenten zu einem wahren Klangfeuerwerk ausweiten. Oliver Potratz und Lukas Kranzelbinder brillieren mit virtuoser Vielfalt und nahtlosen Wechseln von Kontrabässen und E-Bass, gezupften und mit dem Bogen gestrichenen Passagen, feinsinnigen Momenten und dynamischer Wucht. Erneut taucht auch der marokkanische Wüstenbass der Gnawa-Bruderschaften, die Guembri wieder auf, immerhin hat sie Kranzelbinder in den letzten Jahren zu seinem zweiten Markenzeichen gemacht.

Das einzigartige Rhythmus-Quartett stachelt die Bläser zu weiten improvisatorischen Bögen und hinreißenden Eruptionen an. „Mario Rom, der Trompeter, der auf und jenseits der Bühne immer so in sich gekehrt wirkt, spielt Soli, die in Europa ihresgleichen suchen – ruhig, beharrlich, ideenreich, virtuos“, schrieb Ulrich Stock in seinem Zeit-Artikel. Tatsächlich kann man sich in Roms Spiel verlieren, man höre nur So He Spoke oder I Can Feel The Heat Closing In. An des Trompeters rechter Seite steigert sich Clemens Salesny zu immer größerer Form. Auf Gris Gris spielt er neben seinem regulären Alt-Saxophon auch das legendäre, gerade statt gebogen gebaute Sondermodell der Firma Buescher, das von Rahsaan Roland Kirk einst „Stritch“ genannt wurde. Salesnys furiose Einsätze bringen das Titelstück als Aufmacher des Albums auf den Weg und läuten im Hidden Track Like Water Falling Down With A Thousand Spirits den Zieleinlauf ein. Für die tieferen Register ist auf der anderen Seite weiterhin Tenor-Saxophonist Johannes Schleiermacher zuständig. Erneut fesselt er mit persönlichem Ton, enormer klanglicher Spannweite und eigener Sprache; zu letzterer gehören auch vehemente, aber nie übers Ziel hinaus schießende Ausbrüche in freie Modulationen. Die bereits im Vorfeld am 2.8. veröffentlichte Single Grilling Crickets in a Straw Hut präsentiert Schleiermacher darüber hinaus als versierten Querflötisten.

"Gris Gris" ist ein überbordendes, hochenergetisches Klangobjekt, das eine weitere Entwicklungsstufe im ohnehin schon profilierten Gesamtwerk von Lukas Kranzelbinder und Shake Stew markiert. Die originellen Facetten dieses Albums spiegeln den unbändigen Drang wider, musikalisch Stellung zu beziehen. Nicht nur was die Entwicklung des Jazz betrifft, sondern auch im Hinblick auf die gesellschaftliche Relevanz des Genres. Wie es Shake Stew gelingt, diese Stellungnahmen gleichzeitig an Kopf und Bauch zu adressieren und beide Rezeptoren in glückseligen Zustand zu versetzen ist beeindruckend.

Text: Traumton Records

Disk 1

  1. I Can Feel The Heat Closing In
  2. You Struggle You Strive
  3. You Let Go You Fly
  4. Keep Walkin

Disk 2

  1. No More Silence (Part I)
  2. No More Silence (Part II)
  3. So He Spoke
  4. Grilling Crickets in a Straw Hut (Part I)
  5. Grilling Crickets in a Straw Hut (Part II)
  6. Like Water Falling Down With A Thousand Spirits (Hidden Track)

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