Simin Tander - Unfading

Simin Tander - Unfading

Simin Tander
Unfading

Erscheinungstermin: 09.10.2020
Label: Jazzhaus Records, 2020

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Nach ihrem zweiten Soloalbum „Where Water Travels Home“ (Jazzhaus Records) und der international gefeierten Zusammenarbeit mit dem norwegischen Pianisten Tord Gustavsen auf dem ECM-Album „What Was Said“ (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik) öffnet die deutsch-afghanische Sängerin Simin Tander mit ‚Unfading‘ eine neue Tür in ihrer künstlerischen Laufbahn. „Unfading“ hat sie mit einem frisch formierten und ungewöhnlich besetzten Quartett eingespielt.

Simin Tander besinnt sich mit diesem Album auf den schöpferisch weiblichen Fluss von Songwriting und verknüpft die tiefe emotionale Kraft der Lieder mit Passagen improvisatorischer Freiheit.

„Unvergänglich“, das wäre wohl die naheliegende Übersetzung für den Albumtitel. Doch für Simin Tander steckt mehr im Begriff „Unfading“: „Es ist etwas, was war und wieder da ist, nach vorne geht, im neuen Glanz erstrahlt, eine Endlosigkeit besitzt. Ich verbinde damit eine sanfte, endlose, weibliche Bewegung“, sagt sie. „Das ist ein Bild, keine konkrete Aussage, so wie meine Texte ja auch eher assoziativ sind.“ Die weibliche Perspektive, sie spielt ohne Zweifel eine tragende lyrische Rolle in diesem Zyklus von 15 Stücken. Sie ist, so Tander, der „Spirit des Albums“.

Über die Jahre gelangte Simin Tander zu einem ganzheitlichen Umgang mit der Stimme. Dieser Umgang erlaubt es ihr nun auch, ihre tieferen Vokalregister auszuloten. Der Effekt ist überwältigend: Ein ganz neuer Sog geht von ihrer Vokalkunst aus, zieht die Hörer unmittelbar in den Bann, geht im wahrsten Sinne unter die Haut. Und auf diese neue Stimmgebung reagiert ihre neue Band kongenial, lässt gefühlstief die weibliche Lyrik erfahren, die das Album bestimmt.

Diese weibliche Lyrik, sie hatte sich für Simin Tander beim Schreiben neuer Songs ganz allmählich herausgeschält. Ausgangspunkt für die lyrikbegeisterte Sängerin war das Gedicht „I Am Vertical“ von Sylvia Plath: Die Verse voll sanfter Stille mit einem sehnsüchtigen Grundton hat sie in einer fast hypnotischen Art und Weise eingefangen. Und früh spürte Tander auch das Bedürfnis, weiterhin in Pashto, der Sprache ihres Vaters, zu singen. Da stieß sie auf die Geschichte von Nazo Tokhi, nicht nur eine herausragende Heldin der Paschtunen im 17. Jahrhundert, sondern auch ein feinfühliger Geist im Umgang mit Worten. Das zeigt sich im Gedicht „Nargees“: Tander formt die Zeilen über die Vergänglichkeit von Leben und Schönheit aus der Sicht einer Narzisse zu delikater Melancholie. Und schließlich fand sie im Werk der Dichterin Sohayla Hasrat-Nazimi auch eine zeitgenössische paschtunische Frauenstimme: Ihre Poesie wird einmal mit einem kraftvollem Slow Funk in Töne gekleidet („Sta Lorey“) oder gestaltet sich als intimer Dialog zwischen Stimme und Viola d´Amore („Walli de Haal Ne Wayee“).

Aus einem ganz anderen Hörwinkel nähert sich Simin Tander Afghanistan mit einem Tribut an die Sängerin Gulnar Begum, die in den 1960ern auch ein Star in afghanischen Musikfilmen war: „Yar Kho Laro“ ist das fast punkrockig aufgeladene Tribut an Begum, in dem zugleich ein mysteriös-düsterer Unterton mitschwingt. Hinzu traten schließlich Stimmen der spanischsprachigen Welt von Chile bis Andalusien – etwa mit einem traditionellen Wiegenlied, das Tander als zart ausgesungenen Schlaftrunk singt.

„Ich habe nach einem etwas dunkleren Band-Sound gesucht“, sagt Simin Tander, „zuerst hatte ich noch ein Klavier im Kopf, wusste aber auch schon, dass das Schlagzeug in mehreren Songs einen trockeneren, tieferen Klang haben soll. Es war mir von Anfang an wichtig, dass da eine Gegenbewegung zum Fließenden, Sanften, nach oben Gewandten präsent ist: Transparenz und Durchlässigkeit gepaart mit Erdung.“ Mit dem Schweizer Drummer Samuel Rohrer und dem schwedischen Bassisten Björn Meyer fand Tander ein eingespieltes Traumpaar nicht nur für die rhythmische Arbeit: Beide setzen sowohl filigrane Effekte wie auch flächige Akzente, Rohrer beansprucht durchaus packend die Bass Drum, Meyer übernimmt mal gitarrengleich eine elegante Begleitmelodie. Durch eine alte Jan Garbarek-Platte lernte Simin Tander schließlich ein Instrument kennen, das wie wenige in der Lage ist, einen warmen und zugleich satten Klang mit schwebenden Obertönen zu vereinen: Die barocke Viola d’Amore geht durch ihre fünf bis sieben Spiel- und zusätzlichen Resonanzsaiten in eine große Ausdruckstiefe hinein. Der tunesische Solist Jasser Haj Youssef lädt sie zusätzlich mit orientalisch schweifenden Linien auf. Und so nahm die Viola d‘Amore die spannende Rolle der zweiten melodischen Stimme ein.

Über die Adaptionen hinaus schrieb Simin Tander auch eigene Gedichte zu ihrer Musik: Sie sind oft geprägt von maritimen Motiven – zum Beispiel im Titelstück, aber auch in „Walk Each Other Home“ und „The Sea Is Near“. Textlich sind die beiden verwandt, musikalisch aber einmal getragen hymnisch, einmal lichtvoll strahlend. Spontan eingespielte Improvisationen schließlich verkörpern einen Gegenpol im eher Song-orientierten Werk: „Insgesamt empfinde ich das Album als direkter und klarer im Vergleich zu meinem letzten Solo-Album“, sagt sie. „Ich möchte jede Melodie, jede Note zelebrieren und dabei auch die Stille sprechen lassen. Dieser Ansatz hat mich sehr reifen lassen.“

Ganz am Ende mündet dieses so weibliche Album in eine Version von Bob Dylans „The Times They Are a-Changin‘“: Simin Tander hat den Song auf den Kopf gestellt, hat aus der jugendlich-rebellischen Stimmung einen fast sakralen Ton hervorgeholt: Die Innerlichkeit von „Unfading“, sie umfängt die Musikgeschichte hier an ganz unerwarteter Stelle. Und sie sagt uns: Wenn Veränderung fließend geschieht, ist die Wirkung auf unsere Ohren umso beständiger und betörender.

Text: Jazzhaus Records

  1. Hovering Winds
  2. Nargees
  3. Walk Each Other Home
  4. Feather / I am Vertical
  5. Sta Lorey
  6. Walli de Haal Ne Wayee
  7. Unfading
  8. Yar Kho Laro
  9. Deserted
  10. Nana
  11. The Sea is Near
  12. Breath
  13. Nargees Afterglow
  14. And the Water Stretches Far Away
  15. The Times They Are a-Changin'

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