Kultur auf dem 62° Breitengrad – Summartónar auf den Färöer Inseln
Von Angela Ballhorn
Die Färöer Inseln (übersetzt: Schafsinseln) liegen fernab im Nordatlantik zwischen Dänemark, den Shetlandinseln und Island. Die 18 Inseln sehen abenteuerlich aus, wie Felsbrocken, die zu Testzwecken ins Meer geworfen wurden, um zu sehen, was Wind, Wetter und Gezeiten mit ihnen anstellen.
Felsen, viel Wasser und 50 Shades of green von dezent hellgrün bis zu giftgrün locken Landschaftsliebhaber in Funktionskleidung und Wanderschuhen.
Die Inseln sind für ihre atemberaubenden Klippen, Wasserfälle und Seevögel wie Papageientaucher berühmt. Die Schafe auf den Inseln übertreffen die 55.000 Einwohner zahlenmäßig deutlich. Auch auf den Straßen sind sie überall zu finden, sodass sie sehr nachdrücklich aufgefordert werden müssen, Platz zu machen.
Normalerweise werden die Färöer Inseln zum Wandern und Fischen besucht.
Vier Sommermonate mit Konzerten
Für Musik vermutlich eher selten. Dabei gibt es im Nordischen Haus der Hauptstadt Tórshavn einen philharmonischen Konzertsaal sowie einen Saal mit gutem Flügel in der Finsen Aula. Die Blábar in der Innenstadt ist für Singer-Songwriter oder Jazz-Sessions da, die OY-Brauerei für eher rockigeres Programm.
So klein die zur dänischen Krone gehörende autonome Inselgruppe auch scheint – die musikalische Vielfalt ist beachtlich.
Einen Eindruck davon verschafft das im Sommer stattfindende Summartonár- Musikfestival, das keinerlei musikalischen Grenzen setzt. Hier steht Jazz gleichberechtigt neben Rock, Pop, Singer-Songwriter und zeitgenössischer Klassik. Dieses eigenwillige und interessante Konzept wurde 1984 vom Verband der färöischen Komponisten ins Leben gerufen.
Konzerte für alle und überall
Summartonár bringt Musik zu den Menschen. Über einen Zeitraum von vier Monaten reisen einheimische Musiker und internationale Gäste über die Inseln und verwandeln Kirchen, Museen und Kulturzentren auch in abgelegenen Dörfern in Konzertorte. Weit über 100 Konzerte finden an 33 Spielorten statt. Summartónar ist eine ganz eigene Art, sich diesen Lebensraum kulturell zu erschließen.
Der schwedische Bassist Anders Jormin ist zum Beispiel ein Wiederkehrer:
„Ich bin jetzt zum 16. Mal hier. Ich habe noch als Schüler 1979 das erste Mal mit Kristian zusammengespielt. Kristian müsste eine Goldmedaille für alles bekommen, was er musikalisch auf den Färöer Inseln angestoßen hat. Und die Konzerte, die wir zum Beispiel mit John Tchicai in der Meeresgrotte geben konnten! Es war abenteuerlich, uns dort aufzustellen und die Instrumente sowie das Aufnahmeequipment dorthin zu bringen. Aber es waren sehr besondere Konzerte.“
Mitte August spielte der Bassist gemeinsam mit dem Pianisten Kristian Blak im Nordischen Haus Interpretationen der Kompositionen zu Monstern und Sagengestalten. Blak, Jahrgang 1947, ist Pianist, Komponist, künstlerischer Leiter des Summartónar-Festivals und vieles mehr.
Lammbraten und Kettentanz
Er bringt bei Abenden mit färöischem Essen (Lammbraten mit Kartoffeln und Pastinaken) mit seinem Ensemble traditionelle Musik näher. Die Musiktradition wurde über Jahrhunderte hinweg nur mit Vorsänger und Chor in den Refrains vorgetragen. Lange Formen mit mehr als 250 Strophen sind keine Seltenheit. Der traditionelle Kettentanz eignet sich gut, um den Rhythmus und das Tempo zu halten und wird auf den Inseln von Alt und Jung getanzt.
Die instrumentalen Fassungen mit Klavier, Flöte, Fiddle und Gitarre oder Mandoline zeigten die Ähnlichkeiten der traditionellen Musik der Färöer mit der der Shetlandinseln. Diese Ähnlichkeiten hatte der Fiddle Spieler Barry Nisbet mitgebracht und herausgearbeitet. Einer der traditionellen Abende fand im Nordosten der Inselgruppe auf Eysturoy statt. In dem kleinen Ort Gjógv leben – ausgenommen in den Sommermonaten, in denen im Gästehaus viele Touristen unterkommen – nur 12 Einwohner, dafür aber umso mehr Papageientaucher, die in den Felsen nisten. Der Weg von der Hauptstadt Tórshavn dauert eine Stunde und bietet an jeder Kehre und jeder Serpentine neue spektakuläre Ausblicke. 2020 neu dazugekommen ist der weltweit einzigartige Kreisverkehr 72 Meter unter der Meeresoberfläche. Wie eine Qualle beleuchtet und mit Silhouetten des Kreistanzes versehen (vom Künstler Tróndur Patursson gestaltet) verbindet der Tunnel die Inseln Streymoy und Eysturoy.
Ebenso begeisternd ist das Nordische Haus, in dem Kristian Blak und der Bassist Anders Jormin ihr kommunikatives Duokonzert spielten. Während der interaktiven freien Parts und den tighten waghalsigen Unisono-Parts konnte man seine Gedanken zu den verschiedenen Monstergeschichten wandern lassen oder einfach den Ausblick über die große Fensterfront auf Tórshavn über den Hafen auf den Nordatlantik geniessen.
Zeitgenössische Klänge
Das Bläserquintett Carion brachte zeitgenössische Klassik auf die Inselgruppe. Einheimische Musiker und auswärtige Gäste wie dieses dänisch-lettische Ensemble reisen über die Insel und spielen mehrere Konzerte, um Kultur ausserhalb der Hauptstadt erlebbar zu machen und auch, um ihre Engagements nachhaltiger zu gestalten.
Eine der Bedingungen, die an ein Engagement geknüpft sind, ist, dass Musik färöischer KomponistInnen gespielt wird. Carion suchte sich ein Werk des 1997 geborenen Komponisten Eli Tausen á Lava aus, der beim Konzert anwesend war. „Mystery of the Cathedrals“ entstand im Jahr 2026. Vor allem der Einstieg in das Konzerts beeindruckte, bei dem die fünf MusikerInnen nur mit den Mundstücken ihrer Instrumente Stephen Montagues „Thule Ultima“ anstimmten und aus allen Ecken der Aula auf die Bühne strömten. Das Stück ähnelte einem wunderschönen Vogelstimmenkonzert.
Das Highlight des Konzerts war für mich die Bearbeitung des dänischen Volkslieds „Drømte mig en Drøm i Nat“ durch den Hornisten David M.A.P. Palmquist.
Den zweiten Teil des Konzerts bestritt die junge Sopranistin Hanne Marit Mordal Iversen mit Werken von Maurice Ravel und Ragnar Söderlind. Eines der vertonten Gedichte trug den denkwürdigen Titel „Hjorvum angar rúmdin av?“, „Wie riecht der Weltraum?“.
Blábar – Raum für Jazz und Pop
Die Blábar in der Innenstadt von Tórshavn ist der Platz für Singer-Songwriter-Konzerte oder Jamsessions. Die Sängerin Sissal präsentierte ihr neues Programm mit einem interessanten Line-Up mit Gitarre, Bass und Keyboards. Hoffentlich nimmt sie bald einen Nachfolger ihres Albums „A Lonely Chair With A View“ von 2018 auf. Eine sparsame Bearbeitung des Hits „Bang Bang (My Baby Shot Me Down)“ als Zugabe war beeindruckend.
Das Abschlusskonzert meiner Reise, das mir sehr wichtig war, bestritt die Band Yggdrasil. Die seit den 80er Jahren bestehende Jazzrock-Band von Kristian Blak hat auf diversen Alben Suiten und interessante Live-Aufnahmen veröffentlicht. Besonders spektakulär sind die Aufnahmen aus der größten Meereshöhle der Welt, die Klæmintsgjógv bereichert die Aufnahmen mit Meeresrauschen und zwölf Sekunden Hall.
Yggdrasils Konzert im Sommer 2026 fand in der OY Brauerei statt, wo man neben Gärtanks Burger und gute Musik geniessen kann. Das rockigste Konzert meines Aufenthalts spielte Yggdrasil mit Kristian Blaks Sohn Mikael, der gerade von einer Tour mit der vermutlich bekanntesten färöischen Künstlerin, der Sängerin Eivør, zurückgekehrt war sowie Gitarre und Drums. In dieser Besetzung konnte Kristian Blak seiner mystischen Suite über Monster noch eine ganz andere Dynamik verleihen.
Wasserfälle, Schafe und sehr viel Landschaft
Die Mischung aus Landschaft, Wasser, Stille und – nach diesem heißen Sommer nicht zu vernachlässigen – Temperaturen, die ganz selten über 15 Grad liegen, plus Musik, die ich sonst wohl nicht für mich entdeckt hätte, machten die fünf Tage auf den Färöer Inseln zu einem Erlebnis.
Neben den interessanten Konzerten und den langen Gesprächen mit Kristian Blak über die traditionelle färöische Musik und die Situation von Jazz und zeitgenössischer Musik heute, habe ich bei einem färöischen Abend traditionelle Küche – getrockneten Fisch, Lammbraten und Kartoffeln - traditionelle Musik mit Mandoline, Klavier, Blockflöte und Fiddle genossen und den typischen Kettentanz getanzt. Auf der Fahrt nach Gjógv mit seinen 12 Einwohnern Papageientaucher beobachtet und den einzigartigen und einzigartig beleuchteten Kreisverkehr Eysturoy (Jellyfish Roundbout) unter dem Meer bewundert. Außerdem habe ich den alten Bischofssitz Kirkjubøur und den See Sørvágsvatn auf Vágar besucht, der über dem Ozean zu schweben scheint und sich über einen 30 Meter hohen Wasserfall ins Meer ergießt. In unmittelbarer Nähe liegt die 142 Meter hohe Sklavenklippe Trælanípa, über die in der Wikingerzeit angeblich untaugliche Sklaven gestürzt wurden.
Túsund takk, vit síggjast næstu ferð
Fünf Tage durfte ich auf den Färöer Inseln verbringen, Musik und Essen genießen, den Wind spüren und die Landschaft bewundern, bevor ich Mitte August zusammen mit den Papageientauchern abgeflogen bin - ich nach Hause und die putzigen Vögel weiter nordwärts ins Polarmeer, wo sie ihre Winterzeit verbringen.
Ein ganz besonders herzliches Dankeschön an Kristian Blak für die Einladung und seinen nie versiegenden Quell an Informationen sowie Visit Faroe Islands für die Unterstützung.
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Anders Jormin & Kristian Blak, Foto: Angela Ballhorn -
Anders Jormin & Kristian Blak, Foto: Angela Ballhorn -
Der färöische Kettentanz wird erklärt, Foto: Angela Ballhorn -
Färöischer Abend, Foto: Angela Ballhorn -
Yggdrasil, Foto: Angela Ballhorn -
Sissal Blabar, Foto: Angela Ballhorn
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Carion Bläserquinett (vor dem Konzert), Foto: Angela Ballhorn -
Sissal in der Blabar, Foto: Angela Ballhorn -
Yggdrasil, Foto: Angela Ballhorn
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Bischofssitz aus dem 13. Jahrhundert - Kirkjubøur, Foto: Angela Ballhorn -
Kirkjubøur, Foto: Angela Ballhorn -
Kirkjubøur, Foto: Angela Ballhorn -
Kirkjubøur, Foto: Angela Ballhorn -
Sørvágsvatn - der schwebende See, Foto: Angela Ballhorn -
Sørvágsvatn - der schwebende See, Foto: Angela Ballhorn
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Färöer Schafe, Foto: Angela Ballhorn -
Bøsdalafossur Wasserfall, Foto: Angela Ballhorn -
Die Felsspalte als Hafen - Gjógv, Foto: Angela Ballhorn -
Kirkjubøur, Foto: Angela Ballhorn -
Trælanípa Cliff, Sklavenklippe, Foto: Angela Ballhorn -
Angela Ballhorn auf Färöer Bøsdalafossur Wasserfall, Foto: Angela Ballhorn
Über die Autorin
Angela Ballhorn ist Jazzjournalistin und ausgebildete Flötistin mit langjähriger Erfahrung im Musikjournalismus. Ihr besonderes Interesse gilt den Geschichten hinter der Musik und den kreativen Prozessen der Künstlerinnen und Künstler.
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