Valentin Schuster: „Musik darf sich der Unschärfe der Realität hingeben“
Von Jacek Brun
Schon der Albumtitel „The Moon is not there when nobody looks“ stellt eine Frage nach der Stabilität unserer Wirklichkeit. Genau dort setzt WOBBLE8 an: musikalisch wie gedanklich. Valentin Schuster verbindet seine Beschäftigung mit Quantenmechanik und Wahrnehmung mit einer Musik, die selbst ständig ins Wanken gerät.
Polyrhythmische Strukturen, unscharfe Songformen und abrupte Kontraste treffen auf Jazz, Elektronik, Metal-Energie und freie Improvisation. Gleichzeitig entsteht ein massiver, dunkler Klang ohne elektrische Gitarre – geprägt von Baritonsaxofon, Bass VI, Synthesizern und Stimme.
Im Interview mit jazz-fun.de spricht Valentin Schuster darüber, warum Orientierung manchmal erst verloren gehen muss, bevor sich eine neue Logik öffnet, wie viel Kontrolle komplexe Musik verträgt und warum es für ihn gerade heute wichtig ist, das Publikum mit Klängen zu konfrontieren, die sich nicht sofort einordnen lassen.
jazz-fun.de:
Im Pressetext heißt es sinngemäß: Unser Universum ist von Natur aus „wackelig“, also braucht es vielleicht auch Musik, die genau das widerspiegelt. Was bedeutet dieses „Wobble“ für dich musikalisch? Ist es rhythmische Instabilität, Unvorhersehbarkeit – oder eine grundsätzliche Haltung?
Valentin Schuster:
Wie schon vorher angesprochen, glaube ich, dass es auch eine grundsätzliche Haltung ist. Der Autor Robert Anton Wilson – vor allem mit seinem Buch Quantum Psychology – hat mich in den letzten Jahren sehr geprägt. Es geht darum, die eigene Wahrnehmung der Realität und die eigenen Denkmuster mit einer gesunden Portion Skepsis zu betrachten – und auch darum, sich selbst nicht immer so ernst zu nehmen. Das hat mich sehr angesprochen.
Auf der musikalischen Seite habe ich aber auch versucht, recht „wackelige“ Stücke zu schreiben, die entweder mit polyrhythmischen Konzepten oder mit bewusst „unscharfen“ Songformen spielen.
jazz-fun.de:
Beim ersten Hören kann diese Musik durchaus fremd oder sogar verstörend wirken. Nach einiger Zeit beginnt man jedoch, ihre innere Logik zu erkennen. Spielst du bewusst mit diesem Moment, in dem Orientierung zunächst verloren geht und später auf einer anderen Ebene wieder entsteht?
Valentin Schuster:
Ja, würde ich schon sagen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch all meine Projekte: erst mit Edi Nulz, dann mit PeroPero … ich kann anscheinend nicht anders, haha!
jazz-fun.de:
Eure Musik verbindet Jazz und Improvisation mit Elektronik, Metal-Energie und dunklen Rockfarben. Trotzdem klingt WOBBLE8 nicht wie eine Fusion verschiedener Genres, sondern wie eine eigene Klangsprache. Wie lange hat es gedauert, bis ihr diesen Sound gefunden habt?
Valentin Schuster:
Das freut mich sehr zu hören. Eigentlich ist WOBBLE8 noch eine sehr junge Band, und gerade diese Studiosession war tatsächlich das erste Mal, dass wir in dieser Besetzung zusammen gespielt haben – weil unsere ursprüngliche Synthesizer-Spielerin Marta Warelis erkrankt war.
Ich glaube, ich hatte einfach das Glück, aus dem Bauch heraus Leute für WOBBLE8 ausgesucht zu haben, die wirklich verstehen, was ich mit dieser Musik aussagen will.
jazz-fun.de:
Bemerkenswert ist, dass ihr eine enorme klangliche Wucht erzeugt, obwohl die für Metal scheinbar unverzichtbare elektrische Gitarre fehlt. Welche Rolle spielen Sofia Salvos Baritonsaxofon, Dan Peter Sundlands Bass VI und Sebastian Pfeifers Synthesizer bei der Konstruktion dieses tiefen, massiven Frequenzraums?
Valentin Schuster:
Eine sehr große. Es war schon früh klar, dass Dan Peter den Bass VI einsetzen würde. Und als es darum ging, die Synths auszuwählen, war ebenfalls klar, dass zum Beispiel diese eigenartige Orgel dabei sein musste. In den Sound dieser Yamaha-Reface-Orgel habe ich mich einfach total verknallt.
Auch beim Saxofon wusste ich irgendwie, dass es etwas Tiefes sein musste. Mittlerweile kommt auch noch mehr von Dan Peters Gesang dazu – da hat sich im Vergleich zur Studioaufnahme schon wieder etwas verändert.
Aber auch hier gilt: Vieles habe ich einfach aus dem Bauch heraus entschieden, und umso happier bin ich jetzt, dass das Resultat tatsächlich nach etwas klingt! Es ist nicht so, dass ich über den Sound nicht nachgedacht hätte, aber vieles wollte ich eben auch einfach passieren lassen.
Sozusagen: sich der Unschärfe der Realität hingeben …
jazz-fun.de:
Du bist Schlagzeuger und zugleich Komponist eines großen Teils des Materials. Dein Spiel hält die Musik zusammen, scheint sie aber gleichzeitig permanent aus dem Gleichgewicht bringen zu wollen. Wie komponierst du solche Strukturen: beginnt alles beim Rhythmus oder denkst du ebenso stark in Klangfarben, Spannungen und Formen?
Valentin Schuster:
Viele Stücke entstehen aus einer Idee am Schlagzeug. Manchmal schwebt mir aber auch eine Emotion vor, die ich vermitteln will – eher so ein bestimmter Vibe. Hin und wieder ist es auch eine Melodie, die ich dann versuche weiterzuentwickeln. Aber klar, ich bin schon sehr rhythmisch geprägt.
jazz-fun.de:
Vieles auf dem Album klingt zunächst beinahe chaotisch, erweist sich beim genaueren Hören jedoch als sehr präzise organisiert. Wo verläuft für dich die Grenze zwischen komponierter Kontrolle und tatsächlichem Kontrollverlust?
Valentin Schuster:
Wie bei vielen meiner eigenen Projekte gibt es einen starken Kontrast zwischen ziemlich streng durchkomponiertem Material und Passagen völliger Freiheit.
Bei einigen Stücken ist es zum Beispiel so, dass Bass und Schlagzeug das Stück sehr strikt durchspielen, während Synth und Saxofon mit nur wenigen Ankerpunkten ziemlich frei darüberfliegen können.
jazz-fun.de:
Improvisation öffnet innerhalb dieser komplexen Strukturen immer wieder Räume für Unvorhersehbares. Was muss innerhalb eines Stückes festgelegt sein, damit die Musiker anschließend wirklich frei sein können?
Valentin Schuster:
Hmmmm, gute Frage. Wir sind gerade erst in der Phase, in der wir die Stücke ein paar Mal live gespielt haben und noch öfter spielen werden. Ich finde, so etwas braucht immer auch eine Art „Feldversuch“ – mit unterschiedlichen Räumen, Akustiken, Publikum, Tagesverfassungen etc.
Spannend wird es für mich dann, wenn sich innerhalb oder zwischen den Stücken Räume auftun, die man so noch nie betreten hat und die man auch nicht erwartet hat.
jazz-fun.de:
Dan Peter Sundlands Stimme erweitert den ohnehin dunklen Klang des Quartetts um eine beinahe theatralische, stellenweise bedrohliche Ebene. Welche Funktion hat die menschliche Stimme innerhalb eures ansonsten stark instrumentalen Klangkonzepts?
Valentin Schuster:
Eine immer größere. Wie vorhin schon erwähnt, setzt Dan Peter seine Stimme mittlerweile live noch stärker ein. Auch ich schreie inzwischen hin und wieder mit. Das macht uns ziemlich viel Spaß, und ich denke, da wird sicher noch mehr kommen!
jazz-fun.de:
Euer Album scheint sich auch gegen die Erwartung zu richten, Musik müsse möglichst schnell verständlich und leicht kategorisierbar sein. Muss gute Musik für dich manchmal Widerstand leisten – und dem Publikum zunächst etwas zumuten, bevor sie sich öffnet?
Valentin Schuster:
Ich denke, gerade in Zeiten wie diesen, in denen es immer mehr zum Trend wird, dass Musik eine bestimmte Stimmung bedienen soll – man denke an all die Playlists wie „Musik zum Kochen“, „Musik zum Essen“, „Musik zum Einschlafen“, „Musik zum Aufwachen“ etc., ganz abgesehen von der ganzen KI-generierten Musik –, ist es immens wichtig, die Leute hin und wieder mit etwas zu konfrontieren, das sie zunächst gar nicht einordnen können.
Ich denke, bis zu einem gewissen Grad ist das auch unser Job als Musiker:innen. Dennoch denke ich beim Entstehungsprozess einer solchen Band, eines Albums oder eines Liveprogramms immer auch an die Hörerschaft. Ich versuche – im Rahmen des Sounds, den ich umsetzen will – natürlich eine unterhaltsame, spannende und hoffentlich emotional berührende Reise zu bieten.
jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.
Über den Autor
Jacek Brun ist Gründer und Herausgeber von jazz-fun.de sowie seit vielen Jahren als Journalist, Fotograf und Jazzförderer aktiv. Sein Netzwerk reicht von Künstlern und Festivals bis zu Medienpartnern in ganz Europa.
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