Rezension des Albums "embrace" von Welten
Welten
embrace
Erscheinungstermin: 04.09.2026
Label: o-cetera, 2026
Musik, die Bilder atmen lässt
Manche Musik erzählt Geschichten, ohne dass man genau sagen könnte, worum es geht. Sie erzeugt Bilder, lässt Landschaften entstehen und verändert die Wahrnehmung von Zeit und Raum auf unmerkliche Weise. Diese besondere Form des musikalischen Erzählens beherrscht die Leipziger Band WELTEN. Auf „embrace” entwickelt sie daraus eine Klangsprache, die zurückhaltend und eindringlich zugleich wirkt.
Zwar lassen sich Jazz, Ambient, Post-Rock und Neoklassik als Koordinaten nennen, diese genügen jedoch nicht, um die Musik zu erklären. WELTEN nutzt diese Einflüsse nicht, um stilistische Kontraste auszustellen. Vielmehr entsteht daraus ein organischer Gesamtklang, in dem improvisierte und komponierte Elemente, akustische Instrumente, Elektronik und Stimme selbstverständlich nebeneinander existieren.
Mit „embrace” hat sich auch die Klangpalette der Band erweitert. Zu den Gründungsmitgliedern Valentin Mühlberger, Lukas Backs und Laurenz Welten sind Anna-Lucia Rupp und Raphael Schuster hinzugekommen. Besonders reizvoll ist die Verbindung von Rupps präzise geführter Stimme mit Altflöte und Saxofon. Häufig werden diese Stimmen gemeinsam geführt und verschmelzen zu einem eigentümlichen Klangkörper, bei dem die Grenze zwischen menschlicher Stimme und Instrument zunehmend an Bedeutung verliert.
Mühlberger legt mit Wurlitzer, Moog und Effekten weitläufige Flächen darunter. Auch die Stimmen von Mühlberger und Rupp treten nicht als klassischer Gesang in den Vordergrund. Sie sind zusätzliche Farben innerhalb einer größeren Komposition – mal deutlich wahrnehmbar, mal beinahe im Ensembleklang verborgen.
Bemerkenswert ist zudem der Umgang mit Rhythmus und Geräusch. Raphael Schusters vorbereitetes Schlagzeug wird durch unterschiedlichste Klangquellen erweitert, darunter alte Rührschüsseln seines Großvaters, der Konditor war. Dass sich mit diesen sogar melodische Strukturen erzeugen lassen, passt wunderbar zum musikalischen Denken dieser Band. Auch Lukas Backs begnügt sich nicht mit Flöte und Altflöte, sondern integriert spontan Perkussionsinstrumente und Alltagsgegenstände in das Klanggeschehen.
Solche Details könnten leicht zur kuriosen Nebensache werden. Bei WELTEN dienen sie jedoch immer der Musik. Entscheidend ist nicht, womit ein Klang erzeugt wird, sondern welche Funktion er innerhalb des Ganzen übernimmt.
Dazu passt, dass die Band keinen klassischen Leader hat. Zwar geht der Name WELTEN auf den Saxofonisten und Klarinettisten Laurenz Welten zurück, doch die Kompositionen entstehen aus den Beiträgen aller Beteiligten. Dieses kollektive Denken ist auf „embrace” unmittelbar hörbar. Niemand muss permanent im Mittelpunkt stehen. Die Musiker schaffen gemeinsam Räume, ziehen sich zurück, treten hervor und verändern immer wieder die Perspektive.
Vielleicht entsteht genau daraus jene schwer zu beschreibende Magie dieser Musik: embrace verlangt nicht nach Aufmerksamkeit, indem es laut wird. Es zieht uns langsam hinein.
Und irgendwann hört man nicht mehr nur Klänge. Man beginnt, Bilder zu sehen.
(Jacek Brun, 07.09.2026)
Besetzung
Anna-Lucia Rupp - voice, synths, percussion
Valentin Mühlberger - wurlitzer, moog, voice
Lukas Backs - flute & alto flute, percussion
Laurenz Welten - alto & tenor saxophone, bass clarinet
Raphael Schuster - drums, objects
Titelliste
- embrace
- wollam
- things will be okay
- wenn es plötzlich warm wird
- skúli & óskar 06:08
- juli im november
- senza glutine 04:21
- le pigeon du panier
- werbelin
- der dunkle mulch
Unterstützen Sie unabhängigen Jazzjournalismus
Wenn Ihnen unsere Arbeit gefällt, können Sie Teil der jazz-fun.de Community werden.
jazz-fun`s recap:
Einen Kommentar schreiben