Rezension des Albums "The Moon is not there when nobody looks" von WOBBLE8
WOBBLE8
The Moon is not there when nobody looks
Erscheinungstermin: 18.09.2026
Label: Boomslang Records, 2026
Fremd, bis man darin zuhause ist
Zunächst weiß man nicht so recht, was man von dieser Musik halten soll. Rhythmen geraten ins Wanken, der Baritonsaxofon-Sound schiebt sich dunkel durch elektronische Klangflächen, Bass und Synthesizer erzeugen eine beinahe körperliche Schwere. Vertraute Orientierungspunkte tauchen kurz auf und verschwinden wieder. Doch dann geschieht etwas Merkwürdiges: Was eben noch fremd erschien, beginnt plötzlich Sinn zu ergeben.
WOBBLE8 ist die Formation des Schlagzeugers und Komponisten Valentin Schuster, der gemeinsam mit Sofia Salvo am Baritonsaxofon, Sebastian Pfeifer an den Synthesizern und Dan Peter Sundland an Bass VI und Stimme eine Klangwelt entwirft, für die herkömmliche Genrebezeichnungen kaum ausreichen. Jazz und freie Improvisation treffen auf Elektronik, dunkle Rockfarben und die massive Energie des Metal, ohne dass daraus ein bloßes Nebeneinander verschiedener Stile entsteht.
The Moon is not there when nobody looks funktioniert vielmehr wie eine ständig ihre Gestalt verändernde Konstruktion. Einzelne Elemente verschieben sich, Rhythmen kippen, Klangflächen brechen auseinander und werden neu zusammengesetzt. Wenn man glaubt, die Struktur eines Stückes erkannt zu haben, verändert sich die Perspektive erneut.
Bemerkenswert ist dabei das Instrumentarium. Es braucht keine elektrische Gitarre, um diese enorme Wucht zu erzeugen. Sundlands Bass VI und Salvos Baritonsaxofon übernehmen gemeinsam mit Pfeifers elektronischen Sounds große Teile des tiefen Frequenzraums. Daraus entsteht ein dunkler, druckvoller Klang, der zwar immer wieder an Metal erinnert, letztlich aber etwas vollkommen Eigenes entwickelt. Sundlands geradezu dämonisch wirkende Stimme verstärkt diese Wirkung zusätzlich und lässt manche Passage für einen Moment tatsächlich bedrohlich erscheinen.
Im Zentrum steht Schuster. Sein Schlagzeugspiel ist weit mehr als rhythmisches Fundament. Er verschiebt Akzente, erzeugt Reibung, öffnet Räume und hält zugleich die scheinbar auseinanderstrebenden Bestandteile zusammen. Seine Kompositionen leben von dieser kontrollierten Instabilität. Was zunächst chaotisch wirken könnte, besitzt bei genauerem Hinhören eine erstaunlich präzise innere Ordnung.
Und dann ist da die Improvisation. Sie schafft jene kleinen Risse in den Strukturen, durch die ständig etwas Unerwartetes eindringen kann. Diese Momente verleihen der Musik zusätzliche Farben und verhindern, dass ihre massive Klanglichkeit jemals eindimensional wird.
Für Jazzpuristen dürfte The Moon is not there when nobody looks eine Herausforderung sein. Aber gerade darin liegt sein Reiz. WOBBLE8 verlangt, dass wir unsere gewohnten Kategorien für eine Weile vergessen und uns auf eine Klangwelt einlassen, die zunächst seltsam und vielleicht sogar abweisend erscheint.
Nach einigen Minuten beginnt man, sich darin zurechtzufinden. Noch etwas später macht dieses vermeintlich Fremde plötzlich erstaunlich viel Freude. Und wenn der letzte Ton verklungen ist, passiert etwas, womit man nach den ersten Takten kaum gerechnet hätte: Man drückt wieder auf „Play“.
(Jacek Brun, 19.09.2026)
Besetzung
Valentin Schuster - drums, composition (1,2,4,5)
Sofia Salvo - baritone saxophone
Sebastian Pfeifer - synths
Dan Peter Sundland - BassVI, voice, composition (3)
Titelliste
- #1 - Perception/Transaction
- #2 - Flawed Systems
- #3 - Zardoz (Disinformation)
- #4 - Sensory Overload
- #5 - Startling Sanity
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