Zum 100. Geburtstag des Jazzvermittlers Werner Wunderlich
Ein jazziger Walzer im Palmengarten
Von Stefan Müller
Es kommt nicht oft vor, dass Jazzmusiker einem Radiomoderator und Veranstalter Stücke auf den Leib schreiben. Meist gilt die musikalische Widmung Kollegen, Lehrern, Idolen – Menschen, die selbst das Instrument in der Hand halten. Im Fall von Werner Wunderlich ist das anders. Gleich zwei Kompositionen tragen seinen Namen: „Little Waltz Wunderlich“ des Pianisten Vladyslav Sendecki zusammen mit dem Warschauer „Atom String Quartet“ sowie „W.W. (dedicated to Werner Wunderlich)“ des Bassisten Thomas Heidepriem. Zwei musikalische Miniaturen, die viel über den Mann erzählen, dem sie gewidmet sind.
Sendeckis „Little Waltz Wunderlich“, veröffentlicht 2018 auf dem Album „Le Jardin Oublié / My Polish Heart“ (Neuklang), beginnt unspektakulär: ein verspielter Walzer, der seine lyrische Linie nicht in den Vordergrund drängt, sondern sich mit lyrischer Tiefe in die Ohren der Zuhörer einschleicht. Das Stück ist kein prunkvolles Denkmal, eher eine intime Geste – dankbar, leicht, mit melancholischem Unterton. Es scheint demjenigen gewidmet, der, wie Sendecki, beide Welten kennt: Polen und Deutschland, Jazz und Rundfunk, aber auch die Intimität eines Jazzkellers und die Weite eines innenstädtischen Parks wie dem Palmengarten in Frankfurt am Main.
Heidepriems „W.W.“, ein unbegleitetes Basssolo, das 1994 auf der CD „Brooklyn Shuffle“ (Bellaphon) erschien, ist von anderer Art. Ein kleines Motiv, ein ausgehaltener Ton, die Variation, der erneute Ansatz – als würden mehrere Bassisten, so beschrieb es die FAZ, „in einen kurzen Dialog verstrickt“ sein. Aus den Splittern fügt sich eine Erzählung, dramaturgisch fein austariert. Man hört in dieser Miniatur das, was Wunderlichs Freunde an ihm schätzten: die leise, freundliche Beharrlichkeit, das Gespür für Struktur, die Fähigkeit, aus wenigen Mitteln einen Raum zu schaffen, in dem sich andere entfalten können.
Dass zwei Musiker ihre Kunst nutzen, um dem „Mann hinter den Kulissen“ ein klingendes Porträt zu schenken, ist bemerkenswert. Es sagt: Hier war einer, der nicht nur organisierte, vermittelte, moderierte – sondern jemand, dessen Arbeit tief genug ins Leben anderer eingriff, um ihnen einen Ton abzuringen. Und dieser Ton führt, fast zwangsläufig, nach Osten.
Heinz Werner Wunderlich, geboren am 15. September 1926 im ostwestfälischen Minden, wäre in diesem Herbst hundert Jahre alt geworden. Seine Biografie liest sich zunächst unspektakulär: Schulbank, Krieg, Gefangenschaft, Studium zum Bauingenieur. Und doch liegt in diesen nüchternen Stationen der Keim für das, was ihn später zum „ambasador polskiego jazzu“, zum Botschafter des polnischen Jazz in Deutschland machen sollte.
Der erste entscheidende Schnitt fällt 1942. Ein fünfzehnjähriger Schüler erlebt den Krieg im Nazideutschland, das Hören von Jazz ist verboten. Wunderlich erinnerte sich in einem Interview: „Ich war durch Zufall an ein paar Jazzplatten gekommen, die aus dem damals neutralen Ausland hereingebracht wurden, durch die Mutter eines Freundes“. Armstrong, Ellington und Count Basie. Ein paar Umdrehungen auf einem heimischen Plattenteller, und der Teenager weiß: Das ist „seine“ Musik. Von Beginn an ist Jazz für ihn kein Studiengegenstand, sondern eine heimliche Oppositionsgeste gegen eine „entartet“ gescholtene Kunst.
Der zweite Schnitt erfolgt brutal im Jahr 1944: Kriegsdienst, Verwundung, Gefangennahme durch die Rote Armee nahe Grudziądz (Graudenz) am Ostufer der Weichsel. Aus der Perspektive einer deutschen Nachkriegsbiografie sind viereinhalb Jahre Kriegsgefangenschaft in Polen eine Zumutung. Aus Wunderlichs Sicht: eine Begegnung. Er arbeitet als Aushilfs-Elektriker, lernt Polnisch – und zwar nicht aus dem Lehrbuch, sondern im Gespräch mit Wachleuten, Sekretärinnen, einer Freundin und Offizieren. „Ich lernte durch Hören und durch Gespräche“, sagt er im Gespräch mit der polnischen Jazz-Zeitschrift „Jazz Forum“. Was als Zwangslage beginnt, wird zur ersten Erfahrung eines anderen Landes, einer anderen Wirklichkeit, einer anderen Sprache – und zur Entdeckung, dass sich hinter der Feindpropaganda Menschen verbergen, die er zu verstehen lernt und von denen er hofft, verstanden zu werden.
Als er 1949 nach Deutschland zurückkehrt, trägt er zwei Dinge mit sich: eine Leidenschaft für Jazz – und eine Liebe zu Polen, die in seinem späteren Leben weit komplexere Gestalt annehmen wird als die Nostalgie eines ehemaligen Gefangenen. Wunderlich studiert Bauingenieurwesen in Darmstadt, doch der Statik entwischt er schnell: 1950 ist er Mitbegründer des Jazzclubs „hot-circle-darmstadt“, einem Kellerraum an der Technischen Hochschule, in dem junge Leute amerikanischen Jazz spielen und hören. Bald ist er Vorsitzender der Deutschen Jazz Föderation sowie Referent für das Nachbarland Polen. Er organisiert, schreibt Briefe – heute würde man ihn „Netzwerker“ nennen.
Der Moment, in dem sich seine Erfahrungen mit Polen und sein Engagement für Jazz zu einer kulturpolitischen Geste verdichten, trägt den unscheinbaren Namen eines Ostseebades: Sopot. 1956 hat dort das erste polnische Jazzfestival stattgefunden, 1957 soll es eine zweite Ausgabe geben. Die polnische Zeitschrift „Jazz“ aus Danzig lädt deutsche Musiker ein, und im südhessischen Darmstadt fällt einem Mann diese Einladung auf den Tisch: Werner Wunderlich.
Er beschließt, „die damals beste deutsche Jazzgruppe nach Sopot zu holen“ – das Joki-Freund-Quintett, auch bekannt als „Frankfurt All Stars“, mit Albert und Emil Mangelsdorff. Die Musiker reagieren zunächst skeptisch: Polen, zwölf Jahre nach Kriegsende. Wunderlich, der die polnische Militärmission in Berlin kontaktiert, erhält für alle zwölf Teilnehmer ein Sammelvisum in seinen eigenen Pass. Ein Detail, kaum mehr als ein Stempel, und doch weit mehr: ein Vertrauensbeweis, eine Verantwortungslast, eine symbolische Geste.
Die Reise selbst gerät zur Szene, wie sie sich heute fast filmisch rekonstruieren lässt. Die deutschen Musiker werden in das Stadion von Sopot gefahren, „ziemlich gut gefüllt, vorwiegend mit Studenten“. Wunderlich sagt: „Ich hatte ja auch da ein bisschen Angst, ich wusste, was wir Deutschen in Polen angetan hatten“. Er habe auch Angst gehabt „vor Ablehnung, vor Feindseligkeit, vor dem Echo der Geschichte“. Stattdessen: Jubel. Hemden werden ausgezogen, in der Luft geschwenkt. In Danzig sitzen die Musiker später in einer Werfthalle, deren Akustik eher dem industriellen Zweck ihres Baus verpflichtet ist als der Musik. In der ersten Reihe sitzt damals die Ehefrau des polnischen Ministerpräsidenten Józef Cyrankiewicz, eine bekannte Schauspielerin in Polen. Emil Mangelsdorff setzt sich zufällig neben sie, wird fotografiert, landet am nächsten Tag auf allen Titelblättern, wie Wunderlich erzählt. Jazz als Boulevardereignis, als Polaroidfoto der gerade erst aufkeimenden deutsch-polnischen Freundschaft.
Polnische Intellektuelle werten diese Tournee später als „ersten kulturellen Kontakt“ zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen nach dem Krieg. Man könnte es auch anders nennen: kulturelle Diplomatie von unten. Während die offizielle Politik noch mit der schweren Geschichte ringt, schaffte ein Jazzfan und -journalist Tatsachen – mit einer Gruppe Musiker und einer Handvoll Konzerte. Und: Wunderlich führt in Sopot „Geheimgespräche“, in denen weitere gemeinsame Jazzaktivitäten vorbereitet werden. Kein Protokoll, nur Kaffee, Zigaretten und ein paar Gläser Wodka.
Aus diesem ersten Brückenschlag entwickelt sich über Jahrzehnte ein Netz, das so dicht wird, dass man seine Fäden heute leicht übersieht. Wunderlich holt polnische Musiker immer wieder nach Deutschland, lädt Jan Fryderyk Dobrowolski, Leszek Żądło, Tomasz Stańko, Adam Makowicz, Adzik Sendecki, Janusz Stefanski sowie Vitold Rek in den Frankfurter Palmengarten und natürlich auch in die Radiostudios des hr und SWR. Er organisiert Workshops im Rahmen des „New Jazz Meeting Baden-Baden“, bei dem polnische Musiker gemeinsam mit deutschen und englischen Kollegen experimentieren. Er begleitet Czesław Niemen bei Konzerten in Deutschland, präsentiert Sendungen über Wanda Warska, über „Jazz in Polen“ mit Ptaszyn Wróblewski, Andrzej Trzaskowski, Zbigniew Namysłowski. Mindestens dreimal im Jahr informiert er seine Hörer „über neue Produkte im polnischen Jazz“.
All dies geschieht nicht im Auftrag eines Ministeriums, sondern aus einer doppelten Leidenschaft: für Jazz und für das Land, in dem er einst als Gefangener lebte. Die Rolle, die ihm die polnische Szene dafür zuschreibt, ist eindeutig. Im September 2000 widmet ihm das „Jazz Forum“ eine Titelgeschichte und nennt ihn „ambasador polskiego jazzu“. Das Wort „Botschafter“ hat im diplomatischen Alltag eine klare Bedeutung; im Jazzmilieu trägt es eine andere Farbe. Es meint jemanden, der Türen öffnet, der Wege ebnet, der Namen nennt. Und es meint jemanden, der auf beiden Seiten gehört wird. Wunderlich ist beiden vertraut: den Rundfunkstudios und den Warschauer Studentenkellern, der Klangsprache amerikanischer Standards und der polnischen Volkslied-Anklänge, die sich in den Kompositionen von Komeda oder Stańko finden.
Dass dieser Botschafter in Deutschland selbst zunächst eher leise in Erscheinung tritt, entspricht seinem Temperament. Der langjährige hr-Jazzredakteur Ulrich Olshausen nannte ihn in seinem Nachruf in der FAZ „einen Mensch mit einem distinguiert gleichmütigen Temperament, zumindest an der Oberfläche – immer höflich, immer freundlich, immer zotenfrei humorvoll“. Wunderlich war keiner der lauten Gatekeeper, keine schillernde Figur, die sich ins Rampenlicht drängt. Er organisierte lieber im Hintergrund, moderierte mit unaufdringlicher Stimme, beantwortete geduldig Anfragen zur Aussprache polnischer Namen. Seine „natürliche Seriosität“, so Olshausen, „öffnete ihm viele Türen und sicherte ihm verlässliche Sympathien.“
Die deutsche Jazzgeschichte schätzt ihn zuerst als Clubmacher und Funktionär: Vorsitzender des „hot-circle-darmstadt“, Vereinsgeschäftsführer der Deutschen Jazz-Föderation. Nebenbei entsteht das autobiografische und satirische Hörstück „Aus dem Leben des Nestors des deutschen Jazz: Opa Hirchleitner“, später von Albert Mangelsdorff auf der Posaune begleitet.
Als Radiomann startet Wunderlich 1963 beim Hessischen Rundfunk; später wird er gleichzeitig Pressechef der Plattenfirma CBS Deutschland (damals in Frankfurt) – heute hätte er damit vermutlich ein „Compliance-Problem“. 1987 übernimmt er beim damaligen SWF in Baden-Baden die Leitung der Jazzredaktion und tritt in die Fußstapfen von Joachim-Ernst Berendt. Wunderlich führt dessen Reihe „New Jazz Meeting Baden-Baden“ fort, setzt eigene Akzente, nicht zuletzt durch die kontinuierliche Einbindung polnischer Musiker. Beim WDR moderiert er ab 1992 ‚Jazz gewünscht‘, eine Wunschsendung, in der er mit seinen Hörerinnen und Hörern eine Art analoges Jazz-Netzwerk betreibt – Hunderte Briefe im Nachlass zeugen von dieser Radiogemeinschaft. Selbst über den Wolken ist seine Handschrift zu hören: Für die Lufthansa gestaltet Wunderlich über Jahrzehnte ‚Kanal 10: Jazz‘ im Bordprogramm – streng reglementiert, was politische oder religiöse Anspielungen betrifft, aber mit derselben Mischung aus Neugier und Sachkenntnis.
Und doch ist es vielleicht eine andere Bühne, auf der sich sein Wirken am deutlichsten für die Stadtöffentlichkeit abzeichnet: der wunderschöne Frankfurter Palmengarten. Als der damalige Direktor Fritz Encke Ende der fünfziger Jahre die Idee hat, ein Jazzkonzert in der Konzertmuschel des Parks zu veranstalten, um „junge Leute ins Frankfurter Rentnerparadies zu locken“, fragt er Albert Mangelsdorff um Rat. Mangelsdorff verweist ihn an Wunderlich. Dieser sieht in dem Projekt eine doppelte Chance: „ältere Menschen mit dem jungen Jazz vertraut zu machen“, wie sich FAZ-Jazzredakteur Wolfgang Sandner erinnert. Eine Art Geburtsurkunde der Reihe findet sich in einem Brief des Palmengartenchefs an Wunderlich vom April 1959: Am 3. Juli 1959 solle Albert Mangelsdorff ‚mit einem Spielkörper von insgesamt 7 Herren‘ auftreten – Motto: ‚Jazz im Palmengarten‘.
Aus der spontanen Idee entwickelt sich eine Reihe, die heute als „älteste kontinuierlich stattfindende Open-Air-Konzertreihe des Jazz“ gilt – und zwar weltweit. Wunderlich organisierte sie bis zu seinem Tod 44 Jahre lang, ehrenamtlich. Die lokale Szene um Albert und Emil Mangelsdorff, Günter Lenz, Joki Freund stand ebenso auf der Bühne wie internationale Gäste – mit „bekennender Liebe zu Polen“. Der Palmengarten wurde schnell zu einem akustischen Garten der Verständigung: die deutsche Nachkriegsöffentlichkeit lernte, Jazz nicht nur im Club, sondern open air, auf dem Rasen zu hören; auch polnische Musiker spielten vor einem verständigen Publikum. Ein besonderes Konzert gab es im Palmengarten vor 20 Jahren, damals zu Wunderlichs 80. Geburtstag. Es war der Auftritt des Polish Jazz Quartet in der Besetzung Andrzej Olejniczak, Vladyslav Sendecki, Vitold Rek und Janusz Stefański.
Es ist noch immer ein Sommermärchen von erstaunlicher Dauer: ein Hangout mit Picknickdecken, wohin jeden Sommer Jung und Alt zu den Konzerten strömen, mittlerweile organisiert von der Jazzinitiative Frankfurt. Auch wenn Werner Wunderlich 2013 im Alter von 86 Jahren gestorben ist – seine Idee lebt hier weiter. So stand vor zehn Jahren ein Konzert der „Krakau-Frankfurt Jazz Unit“ auf dem Programm im Palmengarten - zum „Jubiläum im Dreierpack“: 25 Jahre Städtepartnerschaft und Jazzinitiative Frankfurt, gleichzeitig der 70. Geburtstag des Schlagzeugers Janusz Stefanski. Die FAZ schrieb damals: „Das Konzert hätte ihm gefallen. Mehr noch: Es hätte von ihm organisiert worden sein können. Nein, noch viel mehr: Es ist auch sein Verdienst, dass es überhaupt dazu kommen konnte.“ Die kulturellen Schwingungen, die von frühen Initiativen wie der Sopot-Tournee ausgehen, setzen sich in den Biografien anderer fort: Janusz Stefanski, der sich 1981 in Frankfurt niederließ; Vitold Rek, der auf beiden Seiten der Oder spielte; Leszek Możdżer, der im Palmengarten im Duo mit Adam Pierończyk auftrat.
Dass all dies nicht die Arbeit eines Kulturministeriums gewesen ist, sondern die eines Mannes, der aus eigenen Erfahrungen handelt, gibt Werner Wunderlichs Engagement eine besondere Seite: Er hat Krieg, Verwundung, Gefangenschaft, Schuld erlebt – und sich gleichzeitig mit Polen verbunden. Auch die polnische Seite würdigt Wunderlichs Arbeit: 2007, lange nach Ende des Kalten Krieges, erhält Wunderlich den Ehrenorden des polnischen Kulturministeriums, die Medaille „Verdienst für die polnische Kultur“, in einer Zeit, die nicht frei ist von politischen Spannungen. Die deutsche Seite zeichnet ihn schon 1997 mit dem Hessischen Jazzpreis aus, später erhält er die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt sowie die Goethe-Plakette.
Was bleibt von Werner Wunderlich, zehn Jahre nach seinem Tod, hundert Jahre nach seiner Geburt? Ein Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, ein Nachlass, den er bewusst dem Jazzinstitut Darmstadt zugesprochen hat: inklusive 68 laufende Meter Schallplatten, 140 Meter CDs, dazu Bücher, Zeitschriften, Radiomanuskripte, Plakate und Korrespondenzen, darunter zahlreiche polnische Briefe. Die Archivarin Marie Härtling spricht von „Wunderlich-Mittwochen“, an denen sie diese Kartons gesichtet hat, unterstützt von einem Team, das gemeinsam mit dem Deutschen Polen-Institut die polnischen Dokumente übersetzen und erschließen will. Härtlings Fazit: Werner Wunderlich habe generell „als Mann in einem starken Gegensatz zu anderen sehr dominanten Männerfiguren seiner Zeit gestanden“.
Es bleibt von ihm aber auch: Eine sommerliche Konzertreihe, „Jazz im Palmengarten“, die weiterläuft, betreut von der Jazzinitiative Frankfurt. Eine Episode in der Geschichte des Rundfunks, in der ein Mann wie er zeigt, dass Jazz im öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen viel mehr sein kann als nächtliche Nische. Eine Erinnerung in und an Polen, in der sein Name bis heute als Chiffre für eine bestimmte Art deutscher Seriosität steht: höflich, verbindlich, verlässlich, mit einem Ohr für eine Musik, die im Laufe der Jahrzehnte ihre Funktion als Protest, als Symbol, als Brücke mehrfach wechselte.
Wer mit Kolleginnen und Kollegen spricht, hört ähnliche Beschreibungen: ein Mann, der lieber im Hintergrund die Fäden zog, verbindlich, höflich, mit einem fast aristokratisch wirkenden Auftreten – in deutlichem Kontrast zu manchen lautstarken Männerfiguren der Jazzszene seiner Zeit. Genau diese Mischung aus Zurückhaltung und profundem Wissen öffnete ihm Türen – in Frankfurt, Darmstadt, Baden-Baden und in Warschau.
Und da sind, nicht zu vergessen, diese beiden Stücke, mit denen wir begonnen haben. Little Waltz, Basssolo. Zwei kleine musikalische Inseln in einem Meer von Aktivitäten. Man hört in ihnen nicht nur Dankbarkeit, sondern auch ein stilles Verständnis: dass die Macht des Jazz nicht nur aus den Händen der Musiker kommt, sondern auch aus den Händen derjenigen, die ihnen Räume schaffen. Werner Wunderlich war einer jener Raumöffner. Er tat es leise, beharrlich, über Grenzen hinweg.
Vielleicht ist das die entscheidende Einsicht, die seine Biografie im Rückblick vermittelt: Dass kulturelle Vermittlung nicht mit großen Gesten beginnt, sondern mit einer Jazzplatte auf einem illegalen Plattenteller, mit einem improvisierten Elektrikerjob in Warschau, mit einem Sammelvisum in einem Pass. Dass daraus, wenn jemand nicht locker lässt, ein jazziger Walzer werden kann, der seinen Namen trägt. Und ein Bass-Solo, in dem mehrere Stimmen zu einer werden – wie in den besten Momenten des Jazz.
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