Rezension des Albums "Unland" von 3’Ain
3’Ain
Unland
Erscheinungstermin: 05.06.2026
Label: Choux de Bruxelles, 2026
Vielleicht ist Heimat manchmal nichts anderes als der Klang von Menschen, die einander zuhören
Vielleicht ist der schönste Ort in der Musik jener, der auf keiner Landkarte existiert. Ein Ort, an dem Traditionen nicht aufeinandertreffen, um ihre Unterschiede zu betonen, sondern um gemeinsam etwas Neues entstehen zu lassen. Genau dorthin führt Unland, das außergewöhnliche Debüt des Trios 3’Ain.
Der Name des Ensembles verweist bereits auf diesen kulturellen Zwischenraum. Er leitet sich vom arabischen Buchstaben ع (ʿAin) ab – einem Laut, der für viele Menschen des Westens kaum auszusprechen ist und deshalb häufig durch die Ziffer 3 ersetzt wird. Schon in dieser kleinen sprachlichen Besonderheit steckt die Idee des Projekts: Brücken zu bauen, wo zunächst Distanz zu bestehen scheint.
Der Trompeter Yamen Martini, der Kontrabassist Otto Kint und der Akkordeonist Piet Maris verbinden auf Unland internationalen Jazz mit musikalischen Traditionen aus der SWANA-Region – Südwestasien und Nordafrika. Doch die Musik wirkt niemals wie eine folkloristische Annäherung oder eine stilistische Collage. Sie entwickelt ihre eigene Identität und folgt einer inneren Logik, die aus dem gemeinsamen Musizieren entsteht.
Gerade das Instrumentarium überrascht dabei. Trompete, Kontrabass und Akkordeon gehören nicht selbstverständlich zu den musikalischen Traditionen, auf die sich viele der Kompositionen beziehen. Und dennoch entsteht eine bemerkenswerte Selbstverständlichkeit. Die Klänge finden zueinander, als hätten sie schon immer dieselbe Geschichte erzählt. Aus scheinbaren Gegensätzen wächst eine neue Einheit, die weder Herkunft verleugnet noch Klischees bedient.
Beim Hören wird deutlich, dass die eigentliche Inspiration dieses Albums nicht in einzelnen Melodien oder Rhythmen liegt, sondern in einer gemeinsamen Haltung. Die Musiker hören einander aufmerksam zu, lassen Raum für spontane Entwicklungen und vertrauen darauf, dass aus dem Dialog etwas entsteht, das keiner von ihnen allein hätte erschaffen können.
So wird Unland zu einer musikalischen Reise, die weniger geografische Grenzen überwindet als gedankliche. Die Kompositionen tragen die Farben verschiedener Kulturen in sich, ohne jemals ihre Freiheit zu verlieren. Jazz dient dabei nicht als Stilbezeichnung, sondern als Sprache der Offenheit und der Begegnung.
Am Ende bleibt der Eindruck, dass die drei Künstler nicht nach einer neuen Tradition suchen, sondern nach ihrer eigenen Stimme. Und gerade weil sie den Mut haben, bekannte Wege zu verlassen, entsteht Musik von großer Authentizität und Schönheit.
Unland ist ein faszinierendes Album voller Neugier, kultureller Offenheit und poetischer Klangwelten – eine Einladung, Grenzen nicht als Ende, sondern als Anfang zu verstehen.
(Jacek Brun, 12.06.2026)
Besetzung
Piet Maris - Accordion
Yamen Martini - Trumpet, Flugelhorn, Drums
Otto Kint - Upright Bass
Titelliste
- Nachtschade
- Staketsel
- Oufti
- Zink
- On Shore
- Batich Ahmar
Unterstützen Sie unabhängigen Jazzjournalismus
Wenn Ihnen unsere Arbeit gefällt, können Sie Teil der jazz-fun.de Community werden.
jazz-fun`s recap:
Einen Kommentar schreiben