Rezension des Albums "Dueño de la Nada" von Agustin Carbonell
Agustin Carbonell
Dueño de la Nada
Erscheinungstermin: 18.09.2026
Label: Karonte, 2026
Wenn Herkunft zur Freiheit wird
Manche musikalischen Traditionen sind so stark, dass sie leicht zur Last werden können. Wer aus einer tief verwurzelten Flamenco-Familie stammt, trägt Geschichte immer mit sich. Agustín Carbonell „El Bola“ begegnet diesem Erbe auf Dueño de la Nada jedoch nicht mit Ehrfurcht im musealen Sinn, sondern mit bemerkenswerter Freiheit.
Carbonell, 1967 in Madrid geboren und Neffe des legendären Gitarristen Sabicas, kennt die Sprache des Flamenco von innen. Genau deshalb muss er sie nicht beweisen. Seine Gitarre steht selbstverständlich im Mittelpunkt, aber sie beansprucht das Album nie für sich allein.
Dueño de la Nada ist weit mehr als eine Gitarrenplatte. Es ist eine musikalische Reise, die traditionellen Flamenco mit Jazz und weiteren Einflüssen verbindet, ohne die Übergänge demonstrativ hervorzuheben. Alles wirkt organisch, als gehörten diese unterschiedlichen Ausdrucksformen längst derselben Welt an.
Dabei überrascht vor allem die Leichtigkeit. Selbst technisch anspruchsvolle Passagen tragen nichts Schweres oder demonstrativ Virtuoses in sich. Carbonells Spiel bleibt beweglich, melodisch und offen. Seine Gitarre erzählt, kommentiert, treibt an und zieht sich im richtigen Moment wieder zurück.
Die hochkarätige Besetzung erweitert diese Sprache entscheidend. Chano Domínguez bringt am Klavier jene Erfahrung ein, mit der sich Jazz und Flamenco seit Jahrzehnten gegenseitig bereichern. Carles Benavent und Manel Fortià schaffen mit Bass und Kontrabass unterschiedliche Tiefen und Bewegungsräume, während Marc Miralta mit Schlagzeug und Percussion für rhythmische Vielschichtigkeit sorgt. Jorge Pardos Flöte öffnet zusätzliche melodische Horizonte.
Hinzu kommen die Stimmen von Duquende und Estrella de Manuela sowie Carbonells eigener Gesang. Dadurch erhält das Album stellenweise fast theatralische Züge. Instrumentale Passagen, Gesang, rhythmische Verdichtungen und improvisatorische Momente wirken wie verschiedene Szenen eines größeren Ganzen.
Darin liegt ein besonderer Reiz von Dueño de la Nada. Die Musik ist vielfältig und gleichzeitig erstaunlich geschlossen. Flamenco, Jazz, Gesang und instrumentale Freiheit stehen nicht nebeneinander. Sie greifen ineinander und bilden eine gemeinsame Erzählung.
Carbonell behandelt Tradition dabei nicht als etwas Unveränderliches. Sie ist Ausgangspunkt, Erinnerung und Fundament – aber niemals Grenze.
Vielleicht erklärt genau das die besondere Schönheit dieses Albums: Es klingt tief verwurzelt und zugleich vollkommen frei.
Dueño de la Nada zeigt einen Musiker, der seine Herkunft kennt, sie liebt und gerade deshalb den Mut besitzt, mit ihr weiterzugehen.
(Jacek Brun, 26.09.2026)
Besetzung
Agustín Carbonell „El Bola“ - Gitarre, Komposition und Gesang
Carles Benavent - Bass
Chano Domínguez - Piano
Duquende - Gesang
Estrella de Manuela - Gesang
Jorge Pardo - Flöte
Manel Fortià - Kontrabass
Marc Miralta - Schlagzeug, Percussion
Titelliste
- Alegrias de Zara
- Bandos de Flamencos
- Tangos de Rajastan
- En el Silencio
- Amistad (a Barcelona)
- En la Union
- Villa Corrala (a Tomatito)
- El Gali
- Gitano Ecologico
- Cueva del Loro
- A Paco
- The Schindler's List
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