„Das ist die neue Generation!“: Antrittskonzert der Professoren Omer Klein (Jazz-Klavier) und Philipp Schiepek (Jazz-Gitarre) am 9.1.2026

Braucht der Jazz akademische Weihen? Das ist eine der Fragen, die einem beim Antrittskonzert der beiden neuen Professoren Omer Klein und Philipp Schiepek im großen Konzertsaal der Hochschule für Musik und Theater in München durch den Kopf ging – und auf die wir später noch zurückkommen werden. Eine andere Frage ist die nach der gesellschaftlichen Relevanz „des Jazz“, ja von Kunst und Kultur überhaupt in diesen  weltpolitisch sehr unfriedlichen Tagen, an denen es doch sehr ungewiss scheint, wer „gewinnt“: Moral oder Unmoral, Kant oder Nietzsche. Was nicht nur für jugendliche Studierende eine entscheidende Frage ist.
Ein Bericht von Robert Fischer

Hochschule für Musik und Theater in München
Hochschule für Musik und Theater in München, Foto: Robert Fischer

Für Friedrich Nietzsche nämlich gibt es gar keine Moral im eigentlichen Sinn. Was es gibt, sind Kämpfe um Macht. Wer diese Kämpfe gewinnt, nennt sein eigenes Verhalten moralisch – wenn er denn überhaupt noch irgendein Interesse daran hat, sein Verhalten zu rechtfertigen. Die Gegenposition (und damit den Grundgedanken der Aufklärung) vertritt Kant, wenn er sinngemäß sagt, dass das, was den Menschen als vernunftbegabtes Wesen von anderen Lebewesen unterscheidet, seine Fähigkeit zum moralischen Handeln sei. Nur allzu oft hat man in diesen Tagen den Eindruck, dass die unmoralische Haltung die vorherrschende sei, jedenfalls die, die das politische Weltgeschehen dominiert. Und weil einen das durchaus an der Sinnhaftigkeit von Kunst und Kultur im allgemeinen und an der von einem Studiengang Jazz im Besonderen zweifeln lassen könnte, ist es nicht uninteressant zu wissen, wo genau dieses Antrittskonzert der beiden neuen Professoren stattfindet: Die im Jahr 1846 als „Königliches Conservatorium für Musik“ gegründete, seit 1998 so bezeichnete Hochschule für Musik und Theater München (HMTM) befindet sich im ehemaligen „Führerbau“ der NSDAP in der Arcisstraße 12. Dass ausgerechnet hier, in diesem Repräsentationsbau der Nazis, dessen Kongresssaal 1954 zu einem Konzertsaal umgebaut wurde, heute das Jazzinstitut der Münchner Hochschule für Musik und Theater seinen Sitz hat, während gleich nebenan das NS-Dokumentationszentrum München sich kritisch mit der historischen Bedeutung der Stadt als ehemaliger „Hauptstadt der Bewegung“ auseinandersetzt, könnte man durchaus als einen Treppenwitz der Geschichte bezeichnen. Oder auch als einen dezenten Hinweis darauf, was am Ende hoffentlich doch die Zeiten überdauert …

Jedenfalls zeigt das Antrittskonzert der beiden neuen Professoren aufs Schönste, wie quicklebendig „der Jazz“ ist und wie hochmotiviert sich Lehrende wie Studierende hier ihrer Kunst (und Kultur) widmen. Der Abend beginnt mit einem Auftritt des institutseigenen „Munich University Jazz Orchestra“ unter der Leitung von Michael Keul, die zwei Stücke von Joe Haider spielen, „What is happening“ und „Waltz for my Lady“. In den Bläsersatz des Orchesters reiht sich als Trompeter auch Prof. Claus Reichsstaller ein, der als Leiter des Instituts durch den Abend führt und sichtlich Freude an den solistischen Leistungen der Studierenden hat. Daraufhin folgen die beiden Antrittskonzerte: Philipp Schiepek spielt zuerst mit zwei seiner Studenten (Niklas Rehle und Jan Schrüllkamp) seine Stücke „Pearls and Waves“ sowie „12 Raindrops“, danach mit seinem bereits im Jahr 2017 mit Henning Sieverts am Bass und Bastian Jütte am Schlagzeug gegründeten Trio zwei weitere Eigenkompositionen („Rebecca“, „Ian“). Alle vier Kompositionen beeindrucken durch die unaufdringliche Eleganz, die gänzlich uneitle, wie leichthin skizzierte Virtuosität Schiepeks und durch die mit beharrlichem Sanftmut dargebotene Präsentation der wohl höchsten Tugend eines Jazzmusikers: nicht nur (selbst) zu scheinen, sondern auch den anderen scheinen zu lassen.

Philipp Schiepek, Niklas Rehle, Jan Schrüllkamp
Philipp Schiepek, Niklas Rehle, Jan Schrüllkamp, Foto: Robert Fischer

Nach der Pause bietet dann zunächst Omer Klein eine sehr lässig dargebotene, sehr souveräne Solo-Performance, ehe auch er einer seiner Studierenden ein Podium gibt: der sehr überzeugend auftretenden Sängerin Nelly Schengelaja. Zum Finale spielen noch einmal das Munich University Jazz Orchestra zwei Kompositionen von Joe Haider, „Grandfathers Garden“ und „Like a Blues“,  sowie als Zugabe die Haidersche Ballade „After a Long Time“. Doch was von dem Abend am nachhaltigsten in Erinnerung bleiben wird, ist das breite Grinsen, mit dem Claus Reichsstaller nach dem Antrittskonzert von Philipp Schiepek zurück auf die Bühne kam und sagte: „Das ist die neue Generation!“

Ja, die Hochschule kann sich mit Reichsstallers Worten glücklich schätzen, solche Musiker und Studierende am Institut zu haben. Aktuell sind hier rund 80 Nachwuchstalente aus etwa 20 verschiedenen Ländern eingeschrieben, was uns zuletzt noch einmal auf die eingangs gestellte Frage zurückkommen lässt, ob „der Jazz“ denn akademische Weihen brauche: Nein, vielleicht nicht unbedingt, aber sie stehen ihm schon sehr, sehr gut.

Philipp Schiepek, Omer Klein, Claus Reichsstaller
Philipp Schiepek, Omer Klein, Claus Reichsstaller, Foto: Robert Fischer

Das Antrittskonzert auf youtube

Text und Fotos: Robert Fischer
Hochschule für Musik und Tanz: https://hmtm.de

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Kommentar von Lorenz Hargassner |

Lieber Robert Fischer!

Ein schöner Artikel! Unmoral oder Moral: Heute eine sehr aktuelle Frage, das glaub ich auch.

Braucht der Jazz akademische Weihen? Auch eine (häufig gestellte) und legitime Frage. Allerdings finde ich, stellt sich eher die Frage nach Authentizität. Oder sagen wir so: Es wird (schon alleine durch die Frage) die Tatsache sichtbar, dass vielleicht manchmal der Eindruck entsteht, als fehle etwas.

Mir persönlich fehlt jedenfalls manchmal der Bezug zu dem ganzen Lebensgefühl, das für mich im Jazz hörbar wird. Das Lebensgefühl der (sagen wir) Mitte des 20. Jahrhunderts, der 50er, 60er Jahre (geht natürlich schon früher los und hat auch länger gedauert, aber das ist doch irgendwie so die "Kernzeit", nicht?). Da war natürlich eine Traumatisierung durch den 2. Weltkrieg und die Erlebnisse dort (die ganze Welt war ja noch schickiert, nehme ich an). Aber auch das "Aufatmen" und "Feiern" danach, der Aufschwung, der technische Fortschritt, später gesellschaftliche Entwicklungen wie die durch Martin Luther King und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, in Deutschland die 68er, usw.

Gehört das nicht auch dazu? Ist das nicht die Ursprungs-Idee, die dem Jazz innewohnt? Natürlich sind auch "revoltierende" Energien spürbar, wie bei Coltrane, Dolphy, Mingus.

Aber ich habe oft das Gefühl, wir beschränken uns so sehr auf die bedeutung, als "Künstler" gesehen zu werden, die Charlie Parker rein gebracht hat (und Miles Davis Zeit seines Lebens verkörpert hat).

Aber da war auch noch was anderes: Ein Witz, eine Leichtigkeit, eine Spielfreude - und etwas, das nicht immer ganz so "ernsthaft" daherkommen muss. Ich sag nur: Thelonious Monk, Zoot Sims, Dizzy Gillespie, ...

Diese Aspekte fehlen mir häufig, vor allem beim "akademischen" Jazz, der aber heute nun mal überwiegt in der öffentlichen Wahrnehmung, weil er die entsprechenden Kanäle hat und ihm das entsprechende Forum gegeben wird.

Jazz ist aber auch: Unterhaltung, Fun, Entertainment, sogar (manchmal) tanzbar!

Naja. Sind nur so ein paar Gedanken, die ich mir bei sowas mache...

Aber ein schöner Artikel, vielen Dank!
Lorenz Hargassner

Kommentar von Lorenz Hargassner |

P.S.: Insofern haben Sie recht und es stellt sich die Frage, inwieweit das ein geeigneter Rahmen für den Jazz ist - so ein Raum, die Orgel im Hintergrund, die Distanz zum Publikum, die Stimmung, die durch so eine Konzerthaus-Atmosphäre erzeugt wird.

Kommentar von Robert Fischer |

Lieber Lorenz Hargassner,

vielen Dank für Ihren Kommentar, ich habe Ihre interessanten Anmerkungen sehr gern gelesen.

Ja, der Witz, die Leichtigkeit, das fehlt mir auch manchmal (gibt es aber natürlich doch auch immer wieder). Das hängt natürlich auch davon ab, was gefördert wird – das tendiert meist eher in Richtung Kunstmusik. Zum Akademischen: Rein vom Handwerklichen her ist es schon beeindruckend, was da hierzulande inzwischen geleistet wird, und viele der Unterrichtenden sind ja selbst exzellente Musiker. Ich denke schon, dass da über "die reine Lehre" auch einiges von der Haltung weitergeben wird, die Sie zurecht angesprochen haben.

Freuen wir uns also auf viel gute Musik – mit und ohne akademischen Hintergrund!

Herzliche Grüße,
Robert Fischer

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