Banlieues Bleues 2026: Ein Festival jenseits der Genres

Von Izabela Olejniczak

Seit mehr als vier Jahrzehnten nimmt das Festival Banlieues Bleues einen besonderen Platz in der französischen Kulturlandschaft ein. Gegründet im Jahr 1984 und auf mehrere Städte im Département Seine-Saint-Denis verteilt, versteht das Festival Jazz bis heute als eine offene und sich ständig weiterentwickelnde musikalische Sprache – eine Sprache, die Grenzen zwischen Genres, Kulturen und Traditionen überschreitet.

Die Ausgabe 2026 präsentierte ein vielseitiges und sorgfältig kuratiertes Programm in zehn Städten rund um das Département. Mehr als ein klassisches Jazzfestival bot Banlieues Bleues einen Dialog zwischen Jazz, experimenteller Musik, afrikanischen Rhythmen, Hip-Hop, Elektronik und visueller Kunst. Besonders bemerkenswert war die Kohärenz zwischen Spielorten, Künstler:innen und Atmosphäre. Alles schien miteinander verbunden und bewusst gestaltet.

Kollektive Energie und der Geist der 43. Festivaledition

Einer der eindrucksvollsten Abende fand am 17. April im L’Embarcadère in Aubervilliers statt, wo der nigerianische Trompeter Etuk Ubong gemeinsam mit Konono N°1 und Montparnasse Musique auftrat. Aus Lagos kommend und zum ersten Mal in Paris auf der Bühne, präsentierte Ubong ein intensives, tief spirituelles Konzert, das Jazz, Afrobeat, Rockeinflüsse und hypnotische Rhythmen miteinander verband. An einem Punkt wandte er sich direkt an das Publikum: „Wir sind Menschen dieser Welt, wir sind eins, und wir tragen Verantwortung für den Planeten Erde.“ Die Verbindung zwischen Musiker:innen und Publikum wirkte während des gesamten Konzerts außergewöhnlich intensiv. Mehrfach wiederholte Ubong bewegt: „Diesen Moment werde ich nicht vergessen, Paris.“

Ein weiterer Höhepunkt war das Konzert von Koki Nakano in der Galerie du 19M, umgeben von der Ausstellung From Tokyo to Paris. Besucher:innen konnten die Ausstellung vor dem Konzert erkunden und sich durch Themen wie Erde, Wasser, Wind, Feuer und Leere bewegen. Nakano, der zehn Jahre in Tokio lebte, spielte Melodien, die von dieser Lebensphase inspiriert waren, und schuf einen feinen Dialog zwischen Musik, Erinnerung und visuellem Raum.

Mit Kassa Overall erhielt das Festival eine ganz andere Energie. Der Musiker verband Einflüsse des Hip-Hop der 1990er Jahre mit dem Geist des klassischen Jazz der 1960er Jahre. Zwischen Rap, elektronischer Produktion und Improvisation schloss er das Konzert mit einer Interpretation von John Coltranes „Naima“ ab – eine Verbindung unterschiedlicher musikalischer Generationen.

Auch die Auftritte von Love & Revenge und Mystique in der Académie Fratellini in Saint-Denis hinterließen bleibenden Eindruck – vor allem durch ihre starke visuelle und emotionale Dimension. Traditionelle Klangwelten trafen auf elektronische Texturen und immersive Projektionen. Subtile politische Untertöne waren spürbar und evozierten in manchen Momenten den Libanon durch Musik und Bildsprache. Die wiederkehrende Zeile: „Ramène-moi chez mon cher pays“ („Bring mich zurück in mein geliebtes Heimatland“) erzeugte eine Atmosphäre, die zugleich nostalgisch und zeitgenössisch wirkte.

Bereits zuvor im Festival widmeten sich Kabareh Cheikhats und La Louuve einer anderen Form kultureller Erinnerung. Mit französisch-orientalischen Einflüssen, theatralischer Inszenierung, Ironie und Feierlichkeit entstanden Momente voller Humor, Nostalgie und überraschender Modernität. Lieder über Liebe und Sehnsucht – darunter spielerische Neuinterpretationen älteren populären Repertoires wie „Faites-moi le couscous chérie“ („Mach mir Couscous, Liebling“) – verliehen dem Abend eine besondere Leichtigkeit.

Während des gesamten Festivals wirkte das Publikum aufmerksam und tief mit den Performances verbunden. Ob in intimen experimentellen Konzerten oder in energiegeladenen kollektiven Auftritten – Banlieues Bleues zeigte erneut seine Fähigkeit, Räume zu schaffen, in denen Musik nicht nur Unterhaltung ist, sondern auch Austausch, Reflexion und gemeinsames Erleben.

Text und Fotos: Izabela Olejniczak

Banlieues Bleues
https://www.banlieuesbleues.org

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