Ist das die Zukunft des Balletts?
Das Bayerische Junior Ballett München begeistert mit Stücken von Jorma Elo, Jiří Kylián und Marco Goecke im Münchner Prinzregententheater (29.–31.5.2026)
Von Robert Fischer
Die Zukunft des Balletts ist in der Regel zwischen 17 und 21 Jahre alt und gerade dabei, sich nach dem Abschluss des Studiums zur professionellen Tänzerin, zum professionellen Tänzer zu entwickeln. Einen entsprechenden Rahmen für diesen wichtigen Übergang in die berufliche Laufbahn bietet das im Jahr 2010 auf Betreiben von Konstanze Vernon, Bettina Wagner-Bergelt, Jan Broeckx und Ivan Liška als erste Junior Company in Deutschland gegründete Bayerische Junior Ballett München. Diese Junior Company setzt sich in der Regel aus sechzehn Tanzenden zusammen – sieben Stipendiaten, die als Masterclass-Studenten an der Hochschule für Musik und Theater München (HMTM) immatrikuliert sind, und neun Volontären des Bayerischen Staatsballetts. Federführend in der Kooperation zwischen dem Bayerischen Staatsballett und der Ballett-Akademie der HMTM ist die im Jahr 1978 zum Gedenken an den jung verstorbenen Münchner Ausnahmetänzer Heinz Bosl (1946–1975) gegründete Heinz-Bosl-Stiftung.
Viele Bewerbungen, wenige Plätze
Während eines maximal zweijährigen Aufenthalts bietet das Bayerische Junior Ballett München den Tanzenden ein geschütztes Umfeld, in dem sie experimentieren und Fehler machen dürfen, regelmäßig trainieren und sich ein Repertoire klassischer, neoklassischer und zeitgenössischer Werke erarbeiten. Zur Vorbereitung auf die professionelle Laufbahn gehören auch Auftritte mit dem Bayerischen Staatsballett auf der Bühne des Münchner Nationaltheaters sowie Matineen am selben Ort. Hinzu kommen die Veranstaltungsreihe „Bayerisches Junior Ballett München im Prinzregententheater“ als jährlicher Höhepunkt im Münchner Tanzkalender sowie Gastspiele in ganz Deutschland und auf vielen internationalen Bühnen. Entsprechend begehrt sind die Plätze in dieser Junior Company. In diesem Jahr, so der künstlerische Leiter Ivan Liška während eines Auftritts am 30. Mai 2026 im Münchner Prinzregententheater, zählte man 550 Bewerbungen aus aller Welt – zu vergeben waren vier Plätze.
Akademischer Spitzentanz und zeitgenössische Bewegungssprache
Auf dem diesjährigen Programm im Münchner Prinzregententheater standen drei Werke zeitgenössischer Choreografen: „Slice to Sharp“ von Jorma Elo (1961 geboren in Helsinki), „Lieder eines fahrenden Gesellen“ von Jiří Kylián (1947 geboren in Prag) und „Devil’s Kitchen“ von Marco Goecke (1972 geboren in Wuppertal).
Elos im Jahr 2006 mit dem New York City Ballet zur Musik der Barockkomponisten Vivaldi und Heinrich Ignaz Franz von Biber uraufgeführtes „Slice to Sharp“ ist ein in Kostüm und Ausstattung minimalistisch angelegtes Ballett für vier Paare, das akademischen Spitzentanz mit zeitgenössischer Bewegungssprache verbindet: beeindruckend virtuos, kraftvoll und elegant getanzt, aber im Vergleich mit den übrigen Stücken des Abends etwas blass bleibend.
Verantwortung für den Moment
Beeindruckender dagegen Jiří Kyliáns Choreografie zum Liederzyklus „Lieder eines fahrenden Gesellen“ von Gustav Mahler: 1982 mit dem Nederlands Dans Theater (NDT) uraufgeführt, zeugt das Stück von den zwischen Freude und Trauer oszillierenden Emotionen des Choreografen bei seiner Rückkehr nach Prag – der ersten nach seiner Flucht im Jahr 1968. Und wie immer in Kyliáns Werken geht es ihm nicht so sehr um die – gleichwohl atemberaubend athletisch-dynamische – Faszination des Tanzes als vielmehr darum, was die Tanzenden bewegt. Er selbst bringt das so auf den Punkt: „Ich denke, dass es meine Aufgabe als Choreograf ist, den Grund unserer Seele zu erforschen. Ich will wenigstens ein bisschen an dem kratzen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.“
Passend dazu beschreibt Stefan Żeromski, Kyliáns langjähriger choreografischer Assistent und ehemaliger Tänzer des Nederlands Dans Theater, der weltweit für die Einstudierung des Werks im Einsatz ist, in dem sehr informativen und schön gestalteten Programmheft des Abends seine Arbeit mit den jungen Tanzenden als Prozess intensiver künstlerischer Entwicklung: „In diesem Stück lernen sie nicht nur Schritte oder Hebungen. Sie lernen, Verantwortung für den Moment zu übernehmen. Jede Entscheidung im Raum hat Konsequenzen – für dich selbst und den Partner.“
Doch so zeitlos schön Kyliáns rund ein Vierteljahrhundert altes Werk auch ist – der Höhepunkt des Abends blieb nach der Pause Marco Goecke vorbehalten.
In Teufels Küche
„Devil’s Kitchen“, 2025 zum 15-jährigen Jubiläum des Bayerischen Junior Balletts München eigens für die Junior Company entstanden, hat in den Worten von Marco Goecke, der einst selbst in München an der Ballettakademie eine Ausbildung machte und heute Ballettdirektor in Basel ist, „keine Handlung, … nicht mal eine Idee“. Das Erste stimmt ganz offensichtlich, das Zweite kann man bezweifeln, denn natürlich hat ein Künstler wie er, der bei allen Selbstzweifeln, über die er in Interviews bereitwillig spricht, eine ganz eigene, unverwechselbare Bewegungssprache entwickeln konnte, grundsätzlich immer eine Vorstellung davon, was er – und wie er etwas – zeigen will. Dass er dazu keine Handlung im eigentlichen Sinne braucht, belegt nur umso mehr, wie stark seine durch ein enorm hohes Tempo und millimetergenaue Präzision gekennzeichnete, mal ins Groteske übersteigerte, mal an Slapstick erinnernde Bewegungssprache ist – ein Goecke ist immer ein Goecke.
Dabei geht es stets auch um den Prozess, in dem eine Choreografie in der gemeinsamen Arbeit mit den Tanzenden entsteht. Dieser Prozess war bei „Devil’s Kitchen“ offenbar besonders intensiv. Goecke, der damals eineinhalb Jahre lang nichts mehr choreografiert hatte und sich nach persönlichen Schicksalsschlägen „in einer Art Lähmung“ befand, lebte während der Proben in dem Haus, in dem auch die Tanzenden der Heinz-Bosl-Stiftung untergebracht sind. Dort gibt es eine Gemeinschaftsküche, in der sich alle trafen und einander näher kamen. Für Goecke war das auch eine Begegnung mit seinem jüngeren Selbst. Ob „Devil’s Kitchen“ deshalb eine Art „Porträt des Künstlers als junger Mann“ geworden ist, sei mal dahingestellt – eine seiner besten Arbeiten ist es mit Sicherheit. In den Tänzern sehe er, „was ich war und was ich sein wollte“, liest man im Programmheft des Abends, jetzt sei er einfach älter. „Das ist manchmal schwer zu akzeptieren. Wenn der Wunsch auftaucht, es möge anders sein, ist man bereits in Teufels Küche.“
Kaum enden wollender Applaus, Standing Ovations
Nach der Uraufführung des Stücks 2025 fand die tanznetz-Kritikerin Anna Beke für das, was auf der abgedunkelten, von Theaternebel erfüllten Bühne zu sehen war, das treffende Bild vom „Daumenkino im Zeitraffer“. Auch bei der aktuellen Aufführung im Mai 2026 überzeugt vor allem die emotionale Wucht der in wechselnder Folge aus dem Bühnendunkel auftauchenden, oft auch schemenhaft im Hintergrund bleibenden Tanzenden, die nach hinreißend getanzten Soli und Duetten ebenso unvermittelt wieder abgehen. Die Musik, die Goecke dazu ausgewählt hat – drei Stücke von Pink Floyd (zwei vom 1975 erschienenen Album „Wish you were here“ und eines vom zwei Jahre später veröffentlichten Album „Animals“), überrascht zunächst. Zum hohen Puls der Tanzenden würden wild bewegte Streicher wie etwa in Strawinskys „Concerto in D for String Orchestre (Basle Concerto)“ besser passen als Pink Floyds im Tempo verhalten-gemächlich, ja gravitätisch dahinschreitende Musik.
Denn „gravitätisch“, denkt man zunächst, ist ein Wort, das man am wenigsten mit Goeckes nervös-hektisch-zuckend-flatterhaftem Bewegungsvokabular verbinden würde. Aber dann stellt sich im Verlauf der Choreografie mehr und mehr der Eindruck ein, dass es etwas anderes ist, das ihn zu dieser Wahl bewogen haben mag: Denn da ist ja auch ein unglaublicher Pathos in dieser Musik, der in Verbindung mit den fast überirdisch schönen, kathartischen Soli des Pink-Floyd-Gitarristen David Gilmour sehr gut zu der Dringlichkeit passt, mit der die Tanzenden auf der Bühne agieren. Diese Dringlichkeit überträgt sich in jedem Moment des Stücks auch auf das Publikum und führt dazu, dass man dem Geschehen auch ohne jedes Narrativ von Anfang bis Ende gebannt folgt.
Vielleicht ist das ja ein Geheimnis von Goeckes großer Kunst, dass sie den Eindruck erweckt, man könne ihr immer wieder neu beim Entstehen zusehen – als wäre man, um ein Beispiel aus der bildenden Kunst zu verwenden – selbst dabei, wie Jackson Pollock für eines seiner berühmten Drip Paintings die tropfende Farbe auf die am Boden ausgelegte Leinwand schleudert.
Mag sein, dass all das temporeiche Bühnengeschehen immer auch von der Erkenntnis getrieben ist, dass jede Bewegung Leben bedeutet, völliger Stillstand aber den Tod. Doch selbst diesem Tod, so ließe sich die Schlussszene des Abends deuten, würde Goeckes einsamer Tänzer immer noch ein trotziges „HA!“ zurufen: Mal sehen, was noch kommt.
Ohne die Tanzenden jedenfalls, die sich darauf einlassen, wäre alle Kunst vergebens. Weshalb es ein Glücksfall ist, das Bayerische Junior Ballett München mit Marco Goeckes Stück auf der Bühne zu erleben: Wenn das die Zukunft des Balletts ist, denkt man sich nach dem kaum enden wollenden Applaus und den Standing Ovations im Münchner Prinzregententheater, muss man sich um diese großartige Kunst keine Sorgen machen.
Links
https://hmtm.de/ballett-akademie/
https://heinz-bosl-stiftung.de
https://heinz-bosl-stiftung.de/bjbm
Instagram: @bayerischesjuniorballett
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