International Women’s Day 2026: European Jazz Magazines präsentieren 8 aufstrebende Jazzmusikerinnen
Berlinde Deman - International Women’s Day – Milestones IWD 2026
Artist: Berlinde Deman
Magazine: Jazz'halo
Berlinde Deman – Die belgische Serpent-Spielerin im Porträt
Berlinde Deman:
„Meine Serpent hat einen melancholischen, charaktervollen und tief dunklen Klang.“
Berlinde Deman ist die einzige weibliche Jazz-Tubistin in Belgien. Und was sie noch einzigartiger macht: Sie ist dort auch die einzige Musikerin, die das Serpent spielt. Vielen ist sie als Tubistin des Flat Earth Society Orchestra bekannt. Ihre Faszination für das Serpent – ein S-förmiges Blasinstrument, das um 1590 in Auxerre entwickelt wurde – begann vor etwa fünfzehn Jahren. Vor sechs Jahren begann sie ein intensives und sehr persönliches Studium dieses seltenen und eigenwilligen Instruments im Selbststudium. Ende des vergangenen Jahres erschien ihr erstes Soloalbum für Serpent, „Plank 9“, beim New Yorker Label Relative Pitch Records.
Berlinde Deman:
Ich bin in einer musikalischen Familie aufgewachsen. Meine Großmutter spielte Jazzklavier, meine Mutter Kontrabass in der Blaskapelle von Sint-Kwintens-Lennik. Eines Tages kaufte meine Mutter in einem Antiquitätengeschäft eine verbeulte, rostige und zugleich liebenswerte Tuba. Ich war acht Jahre alt und sofort von diesem beeindruckenden Instrument fasziniert.
Ich war fest entschlossen, es zu spielen – also ging ich zur Musikschule. In Gooik waren die Leute etwas überrascht, dass ein junges Mädchen ein so schweres Instrument wählte, das fast so groß war wie ich selbst.
Ich blieb jedoch dabei: Es war die Tuba oder gar nichts.
Der Direktor baute schließlich eine Stütze, damit ich das Instrument überhaupt halten konnte. Mit zwölf spielte ich bereits ziemlich gut. Mit sechzehn trat ich schon zusammen mit Bart Maris im Straßentheater Excelsior auf.
Während meiner Zeit am Konservatorium arbeitete ich an einer Produktion mit Dimitri Leue in einer Bigband unter der Leitung von Benjamin Boutreur. Kurz darauf rief Peter Vermeersch vom Flat Earth Society Orchestra an – und so kam ich zum Jazz.
Eigentlich wollte ich ohnehin Jazz studieren, aber am Konservatorium gab es keinen Lehrer für Jazz-Tuba. Der einzige Jazzkurs war der für Kontrabass. Man verwies mich schließlich an die Trompetenklasse, aber das passte auch nicht wirklich. Um weiterhin auf hohem Niveau Tuba spielen zu können, machte ich schließlich einen Masterabschluss in klassischer Musik.
Jazz'halo:
Wer hat dich musikalisch geprägt?
Berlinde Deman:
Am Anfang hörte ich vor allem Howard Johnson und Michel Godard, denn es gab damals nur sehr wenige Jazz-Tubisten, an denen man sich orientieren konnte.
Gleichzeitig hörte ich sehr unterschiedliche Musik. Ich war immer eine musikalische Allesesserin:
Tom Waits, Anouar Brahem, Yusef Lateef, Lhasa, Jeff Buckley, Moloko, Jill Scott – und später auch mehr experimentelle oder Drone-orientierte Musik wie Mazen Kerbaj, Etienne Nillesen, Susana Santos Silva, Maria Bertel oder Martin Taxt.
Nach meinem Masterstudium in klassischer Musik nahm ich in Lüttich Improvisationsunterricht bei Michel Massot und Garrett List.
Den Rest habe ich mir größtenteils selbst beigebracht – durch das Spielen selbst. Die Tuba ist ein unglaublich vielseitiges Instrument. Ich habe damit alles gespielt: Klezmer, Balkanmusik, klassische und zeitgenössische Musik, Theatermusik und Jazz.
Seit fast zwanzig Jahren versuche ich mich ein Stück weit aus der klassischen Musik zu lösen. Strikt nach Noten zu spielen fühlt sich für mich manchmal einengend an.
Die Arbeit mit Flat Earth Society war in dieser Hinsicht ein Wendepunkt: das Arbeiten im Moment, der Humor, das Risiko. In der klassischen Musik ist alles oft sehr ernst.
Mit der Zeit habe ich gelernt, immer mehr loszulassen und zu improvisieren – besonders mit der Serpent, die von Natur aus ein unberechenbares Instrument ist.
Jazz'halo:
Wie hast du die Serpent entdeckt?
Berlinde Deman:
Vor etwa fünfzehn Jahren hörte ich beim Hören von Rabih Abou-Khalil zum ersten Mal Michel Godard auf der Serpent. Ich konnte meinen Ohren kaum trauen: dieser melancholische, staubige, geheimnisvolle Klang.
Ich war sofort verzaubert und wollte dieses Instrument unbedingt lernen. Aber das war nicht so einfach. Niemand in meinem Umfeld spielte Serpent, und ein Instrument zu finden war ebenfalls schwierig.
Im Internet las ich sogar, dass das Instrument unspielbar sei und grundsätzlich unrein klinge. Godards Serpent wurde vom Schweizer Instrumentenbauer Stephan Berger gebaut. In England fand ich zwar eine günstigere Version aus Carbonfaser, aber ich wollte dieses Risiko nicht eingehen – das Material eines Instruments bestimmt schließlich seinen Klang.
Ein paar Jahre später hörte ich von Pierre Ribo, einem neuen Serpentbauer – und er lebte sogar in Brüssel. So fand ich schließlich mein Instrument.
Jazz'halo:
Wie hast du das Serpentspiel gelernt und wie würdest du deinen Klang beschreiben?
Berlinde Deman:
Da es keine Jazz-Ausbildung für Tuba gab, habe ich zunächst eine klassische Ausbildung gemacht. Dort begann meine Suche. Mit der Serpent wurde diese Suche noch radikaler, denn es gab praktisch keine Ausbildung und kaum Referenzen. In Belgien sind Christophe Morisset und ich die einzigen professionellen Serpentspieler.
In Frankreich sind Michel Godard und Patrick Wibart wichtige Bezugspunkte. Michels Ton ist staubig und extrem beweglich. Patricks Klang in der Alten Musik ist sehr klar und konkret. Mein Klang liegt irgendwo dazwischen. Meine Serpent hat einen melancholischen, charaktervollen und tief dunklen Klang. Von Natur aus besitzt das Instrument eine sehr warme Klangfarbe.
Manche Menschen verbinden diesen Klang mit einem Mutterleib oder mit tiefen Wurzeln. Melancholie kann aber auch eine Falle sein – mit der Serpent kann man sehr schnell Emotionen hervorrufen. Drei Töne und alle sind berührt.
Für mich besteht die Herausforderung darin, den Klang auch gefährlich wirken zu lassen. Deshalb verwende ich Effektpedale.
Ursprünglich wurde die Serpent in Kirchen gespielt, wo ihre Klangfarbe sich besonders gut entfalten konnte. In Konzertsälen ohne diese Akustik muss ich mir andere Wege vorstellen – etwa mit Effektpedalen, erweiterten Spieltechniken oder Vierteltönen. So möchte ich die Serpent wie ein lebendiges und instabiles Instrument klingen lassen.
Jazz'halo:
Woher kommt deine Inspiration?
Berlinde Deman:
Vor allem von meiner Tochter Lonne. Ihr verdanke ich auch den Titel des Albums „Plank 9“.
Vor zwei Jahren übte sie jeden Tag einen Handstand. Dabei versuchte sie jedes Mal, sich eine Planke weiter von dem Schrank zu entfernen, an dem sie sich abstützte.
Jeden Tag hörte ich:
„Plank 9, Mama!“
Das war ihr Ziel bis zum Ende des Sommers.
Zur gleichen Zeit plante ich mein Soloalbum und merkte: Das ist auch mein eigenes „Plank 9“. Sie kann bis heute kaum glauben, dass ich das Album nach diesem Moment benannt habe. Auf dem Album gibt es auch das Stück „Hum of Bees“. Es entstand im Garten von Michel Mast, wo sich jedes Jahr für eine Woche Bienen in seiner Pergola niederlassen.
Dabei entdeckte ich, dass sich mit dem staubigen Klang der Serpent das Summen von Bienen sehr gut imitieren lässt – träumerisch, aber zugleich leicht bedrohlich.
Ich finde Inspiration überall. Ich lese viel. Ein Buch, das mich besonders geprägt hat, ist „Sechs Monate in den Wäldern Sibiriens“ von Sylvain Tesson. Seine freiwillige Einsamkeit in einer Blockhütte hat mich sehr berührt. Diese Stille und Konzentration spürt man auch in meiner Musik – nicht als direkte Referenz, sondern als Sammlung von Eindrücken.
Jazz'halo:
In deinen Klängen liegt viel Poesie.
Berlinde Deman:
Das freut mich sehr, dass du das so empfindest. Ich schreibe gern und arbeite viel mit Sprache.
Für mich ist Poesie eine ganze Welt, die in einem einzigen Satz eingefangen ist. Das ist eng mit meiner Musik verbunden. Ich spiele wenige Noten. Ich möchte alles mit vier oder fünf Tönen sagen.
Jazz'halo:
Du bewegst dich über viele musikalische Grenzen hinweg.
Berlinde Deman:
Der Anfang meiner Serpent-Geschichte war das Duo hum. mit Mirko Banovic. Er wollte meine Serpent elektronisch manipulieren. Später begann ich selbst, Effektpedale zu verwenden. Ich liebe diese schmutzige, unberechenbare Klangwelt.
Mit dem Soundkünstler Rutger Zuydervelt entstanden später die Alben „Luchtwezen“ und „Stuutjes“. Dann kam auch das Ensemble Graindelavoix, das sich auf Alte Musik spezialisiert hat. Stimme und Serpent – das sind Klangfarben, die wunderbar zusammenpassen. Aus der Szene der improvisierten Musik lernte ich den niederländischen Saxophonisten und Klarinettisten Ab Baars kennen. Gemeinsam mit Joost Buis nahmen wir 2024 das Album „Cecil's Dance“ auf.
Weitere Projekte, an denen ich beteiligt war, sind „It's Gone“ von Jef Neve, „Secular Psalms“ von Dave Douglas sowie Kooperationen mit Spinvis, B.O.X/Dez Mona, MikMâäk und La Floresta.
Jazz'halo:
Wie klingt deine musikalische Zukunft?
Berlinde Deman:
„Ich bin fasziniert von der Stille. Von dem, was unmittelbar vor und nach einem Geräusch geschieht. Ich möchte ein Projekt mit meinen eigenen Texten und meiner eigenen Musik schaffen, das auf Stille basiert.
Gleichzeitig höre ich immer mehr auf Geräusche, die normalerweise als störend empfunden werden: Renovierungsgeräusche zum Beispiel. Autos auf der Straße. Das Husten meines kettenrauchenden Nachbarn. All diese Geräusche möchte ich als Inspiration für ein rhythmischeres Repertoire nutzen.
Ich war als Performerin an vielen Projekten beteiligt. Jetzt möchte ich mit dem Serpent selbst etwas schaffen. Meine Ideen zur Musik umsetzen. Etwas Eigenes aufbauen, das tief geht und berührt.
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