Björn Lücker Berlin Ensemble - Tea For Five

Björn Lücker Berlin Ensemble - Tea For Five - Album cover
Björn Lücker Berlin Ensemble - Tea For Five

Björn Lücker Berlin Ensemble
Tea For Five

Erscheinungstermin: 19.09.2025
Label: Unit Records, 2025

Björn Lücker Berlin Ensemble - Tea For Five - bei JPC kaufen

jazz-fun`s recap:

Mit Tea For Five legt das Björn Lücker Berlin Ensemble ein Album vor, das in erster Linie durch seine klug konstruierten Kompositionen überzeugt. Der Schlagzeuger und Bandleader versteht es, formale Strenge und gestalterische Freiheit in Einklang zu bringen und so Werke zu schaffen, die gleichermaßen durchdacht wie lebendig wirken.

Die Stücke sind detailreich ausgearbeitet, ohne an Leichtigkeit zu verlieren. Jede Komposition bietet den Mitmusikern genügend Raum für Improvisationen, die sich organisch in das Gesamtbild einfügen. So entsteht eine Balance zwischen klarer, struktureller Idee und spontanem Ausdruck, die dem Album seine besondere Spannung verleiht.

Charakteristisch ist Lückers Fähigkeit, melodische und rhythmische Elemente in komplexe, doch stets nachvollziehbare Formen zu bringen. Diese konzeptionelle Stärke prägt den gesamten Klang des Ensembles und verleiht der Musik einen unverwechselbaren Charakter.

Tea For Five ist damit weit mehr als eine Sammlung von Improvisationen – es ist ein geschlossenes Werk, das die Handschrift eines Komponisten trägt, der über große Vorstellungskraft und künstlerische Konsequenz verfügt. Ein faszinierendes Album, das neue Maßstäbe setzt.

(Jacek Brun, 22.09.2025)

Besetzung

Björn Lücker - dr, comp
Rudi Mahall - cl, b-cl
Henrik Walsdorff - t-sax
John Schröder - p
Lars Gühlcke - db

Durchdachte Klangarchitektur: Tea For Five von Björn Lücker

Es gibt nicht viele Alben, die mit einem Schlagzeugsolo beginnen. Auf „Tea For Five” wird es zum diskreten Statement, mit dem der Schlagzeuger und Bandleader die Qualitäten seines Spiels aufblitzen lässt. Seine Rhythmik hat Swing und Kanten, ist differenziert und vital. Wenn nach anderthalb Minuten Bläser, Bass und Piano einsetzen, ist diese Band schon mittendrin – im melodischen Drive von Björn Lückers Musik.

In seinen acht Eigenkompositionen entfaltet sich ein Jazz mit lebendigem Interplay, expressiven Solisten, tiefer Emotionalität und subtiler Abstraktion. Da berühren sich Momente aus Blues, Hard Bop, Free Jazz, Charles Mingus, Ornette Coleman oder Alexander von Schlippenbach, durch die das Björn Lücker Berlin Ensemble souverän hindurchmanövriert. Es ist unmöglich, einen klaren Trennungsstrich zwischen Jazztradition und zeitgenössischer Adaption zu ziehen. Die fünf Musikerpersönlichkeiten des Ensembles werden zum Kollektiv und spielen mit Form und Freiheit wie die Vögel mit dem Himmel.

Der Hamburger Schlagzeuger Björn Lücker hat sich mit Rudi Mahall (Klarinetten), Henrik Walsdorff (Tenorsaxofon), John Schröder (Klavier) und Lars Gühlcke (Kontrabass) eine „echte Traumbesetzung“ aus der Berliner Szene geangelt. „Ich hatte schon seit Langem die Idee, genau diese Kollegen in einer Band zusammenzubringen und meine eigenen Stücke mit ihnen zu spielen!“ Er hat in den letzten Jahren bereits mit allen in verschiedenen Konstellationen gespielt. Mit Henrik Walsdorff verbindet ihn eine jahrzehntelange musikalische Freundschaft in mehreren Bands. Für die Besetzung seines aktuellen Albums „Tea for Five“ hat Lücker maßgeschneiderte Stücke komponiert. „Ich liebe den expressiven Sound dieser Spieler und wollte etwas schreiben, das meine Ideen mit diesem Sound verbindet. Lückers ‚Fahrpläne‘, wie er seine kompositorischen Ideen bezeichnet, gehen von skizzenartigen Motiven und Kürzestlinien bis zu präzisen Anweisungen, auskomponierten Songstrukturen und Zonen für freie Improvisation. Das Titelstück „Tea for Five“ ist ein mehrteiliges, ineinanderfließendes und unter Spannung stehendes Gebilde mit melodischen Grundlinien, Improvisationen, wechselnden Solisten- und Tutti-Passagen, Bläser-Riffs und schräg funkelnden Klavierparts. „Golden Suit” oder „Sing” sind Stücke mit souligen oder lyrisch-balladesken Einflüssen. In den Mischformen aus Komposition und freiem Spiel fühlt sich Lücker am wohlsten. Er sagt: „Ich mag mit viel Autorität gespielte Unschärfe und die Rauheit und Offenheit, die daraus entstehen kann.“

Seine Liebe zum Blues kommt mit zwei verschiedenen Takes von „Blues For Hulot“ gleich doppelt zum Ausdruck. Es ist das einzige alte Stück auf dem Album, das Lücker seit Jahrzehnten immer wieder interpretiert, aber noch nie aufgenommen hat. „Eigentlich hat alle Musik, die mich berührt, etwas mit dem Blues zu tun, auch wenn es sich nicht um eine Bluesform oder Blue Notes handelt”, sagt Lücker. Die Musik des aktuellen Albums bringt dieses „bestimmte Gefühl für Jazz“ zum Ausdruck, das zu seinem Verständnis von „Blues als wichtige Quelle des Jazz“ gehört. „Tea For Five” ist jedoch kein Blues-Album. Der Blues ist hier vielmehr eine Geisteshaltung, ein Feeling – „was im momentan aktuellen Jazz, wie mir zumindest erscheint, fast komplett verschwunden ist“.

Björn Lücker studierte in den 1990er Jahren Jazzschlagzeug an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. In Lektionen und Sessions mit Daniel Humair, Tony Oxley oder Billy Hart verfeinerte er sein Vokabular. Ob Jazz, Klassik, Crossover-Projekte, experimentelle Musik oder freie Improvisation: Lücker hat seine musikalischen Interessen in den vier Jahrzehnten seines Wirkens auf vielfältigste Weise ausgelebt. Als Mitbegründer und Co-Leader der Gruppe „Triocolor“ wurde er international bekannt und geehrt. Wichtige Impulse gaben Zusammenarbeiten mit erstklassigen Musikern wie Gary Peacock, Benny Bailey, Elliott Sharp, Howard Johnson und Nils Wogram sowie mit Philharmonien, Orchestern und Big Bands. Mit seiner Formation „New Aquarian Jazz Ensemble“ veröffentlichte er 2023 das Album „Free From Form For Feeling“, dessen Zungenbrecher-Titel er mit seinen jungen Hamburger Musikern in harmonisch fließenden Jazz verwandelte.

Die kontinuierliche Praxis über Jahrzehnte hinweg hat Björn Lücker zum vielseitigen Musiker von heute geformt. Während seines Studiums arbeitete er nächtelang im Hamburger „Dennis’ Swing Club“ mit zahlreichen afroamerikanischen Jazzmusikern zusammen. „Das hat mir bereits in jungen Jahren ein Gefühl für die Ursprünge dieser Musik jenseits des Studienbetriebs vermittelt.“ Ebenso prägend war eine zweiwöchige Trio-Tournee mit dem von ihm verehrten Gary Peacock. Das war eine starke Lektion zum Thema „Musik im Moment machen“. Die wichtigste Erfahrung sei jedoch, dass er stets am eigenen Musikmachen dran geblieben ist. „In der Musik kannst du es nur selber herausfinden. Dieser Lernprozess und das Wachsen daran hören nie auf.“

Neben seinen zahlreichen Projekten und Aktivitäten ist Lücker seit vielen Jahren als Dozent für Jazz und jazzverwandte Musik am Hamburger Konservatorium und an der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg tätig. Das zeigt, wie umfassend er Musik versteht, verfolgt und praktiziert. In der Malerei hat er ein weiteres kreatives Feld für sich entdeckt und dabei eine eigene Bildsprache entwickelt. Björn Lücker ist vielseitig: Er ist ein tadelloser Instrumentalist, ein Bandleader, ein Komponist, ein Macher und ein bildender Künstler.

Musikalisch ist er im Jazz zuhause, Jazz liegt ihm am Herzen. Jazz ist die Grundlage seines Lebensgefühls. Das Bekannte verwandelt er, das Unbekannte heißt er willkommen. Er ist ein erfahrener Partner. Mit seinen hervorragenden Musikern gelingt es ihm, diese Qualitäten zeitgenössisch auszudrücken. „Tea For Five“ ist ein bemerkenswertes Debütalbum. Jazz, wie wir meinen, ihn immer zu hören, den wir aber schon lange nicht mehr so gehört haben.

Text: Pirmin Bossart

Titelliste

  1. Line
  2. Golden Suit
  3. Sing
  4. Tea For Five
  5. Blues For Hulot
  6. Before
  7. Exit
  8. Blues For Hulot Alternate Take

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