Björn Meyer & Zsófia Boros: Klangkunst zwischen Virtuosität und Feinsinn

Björn Meyer
Björn Meyer, Foto: Robert Fischer

Nach(t)gedanken zu einem Konzert im Theater Regensburg wärend des Sparks & Visions-Jazzfestivals 2026

Björn Meyers Auftritt beim Sparks & Visions Jazzfestival 2026 im Theater Regensburg, zunächst solo, dann in ein Duo mit der wunderbaren Gitarristin Zsófia Boros mündend, war aus mehreren Gründen bemerkenswert. Wer sich für die Geschichte des E-Basses interessiert, der wird darin ein paar markante Eckpfeiler erkennen können, die sich auch als eine Emanzipationsgeschichte lesen lassen.

Im Anfang war James Jamerson (1936–1983). Ohne seine soulgetränkten Basslinien wäre die Groovemaschine Motown nicht das gewesen, was sie war und ist. Auch Carol Kaye (geb. 1935), ab den 1960er-Jahren die am meisten beschäftigte Studiobassistin ihrer Zeit und der – in dieser Rolle oft unterschätzte – Paul McCartney (geb. 1942) gehören zu den frühen Pionieren dieses Instruments. Stanley Clarke (geb. 1951) war es dann, mit dem die solistische Emanzipation dieses noch relativ jungen, erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts auch in industrieller Serienfertigung etablierten Instruments begann: In Form von rasend schnellen Läufen, gern unisono geführt mit Gitarre und Piano in der Fusionformation „Return to Forever“, aber auch in Veröffentlichungen unter dem eigenen Namen. Jaco Pastorius (1951–1987) schließlich war es, mit dem eine weitere Emanzipation des Instruments begann, vor allem in seiner bundlosen Variante: Niemand vor ihm hatte auf dem Fretless einen so eigenständig melodiösen, obertonreichen, balladesken Ton wie er, dessen schlicht „Jaco“ betiteltes Soloalbum, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, die Bass(isten)welt auf den Kopf stellte.

Nach einem kurzen, auch auf den schönsten Alben von Joni Mitchell und Weather Report sowie gegen Ende seiner Karriere auf einem zweiten Soloalbum und mit einem Bigbandprojekt (Word of Mouth) nacherlebbaren Hörenflug, ging Jacos Karriere viel zu früh zu Ende. Danach gab es erst mal: viel Epigonentum. Marcus Miller (geb. 1959) war es, der sich slappend von Jacos Klangvorbild emanzipierte, während Victor Wooten (geb. 1964) und Richard Bona (geb. 1967) das technische Vokabular des Instruments noch einmal wesentlich erneuerten. Heute kann man etwa in den Youtube-Videos von Charles Berthoud (geb. 1995) durchaus stauend bewundern, mit welcher Virtuosität der E-Bass gespielt werden kann. Vollendet wurde und wird die Emanzipation dieses Instruments aber vielleicht am ehesten durch den schwedischen Bassisten und Komponisten Björn Meyer (geb. 1965), der gerade mit seinem zweiten bei ecm erschienenen Soloalbum, Convergence, zeigt, dass er zwar selbst die virtuosesten Spielformen beherrscht, die heutzutage von einem in dieser – ersten – Liga aktiven E-Bassisten erwartet werden können, aber nie darauf aus ist, diese Virtuosität auszustellen.

Wie feinsinnig er auf seinem Instrument musiziert, war auch in Regensburg zu hören, und dieses Feinsinnige war es nicht zuletzt, das den BR-Redakteur Roland Spiegel zu der von der Festivalleiterin Anastasia Wolkenstein gern aufgenommen Idee inspirierte, ihn in einem Duo-Konzert mit der vergleichbar feinsinnigen (auch vergleichbar virtuosen) Gitarristin Zsofia Bóros in einem Duokonzert zu präsentieren.

Was herrlich funktionierte: Nach einem beeindruckenden Set von Zsofia Bóros auf der klassischen Gitarre präsentierte Björn Meyer sein Instrument quasi als Showcase der Möglichkeiten, was man damit alles machen kann. Wobei es ihm, und das war das Schönste an seinem Auftritt, erkennbar nicht darauf ankam, diese (schon für sich staunenswerten) Möglichkeiten vorzuführen – im Vordergrund stand immer die musikalische Idee (mit der Technik ausschließlich als Mittel zum Zweck). Was er auch im Gespräch bestätigt: Wenn er etwas musikalisch ausdrücken wolle, suche er nach einer Möglichkeit, dies spieltechnisch umzusetzten – nicht umgekehrt.
Dass eine solche virtuose Instrumentenbehandlung mit ihren schier unbegrenzten Klangvarianten auch im kommunikativen Miteinander (sehr) gut funktioniert, zeigte in Regensburg das abschließende Duo mit Zsofia Bóros, in dem die beiden Meyers Komposition „Trails Crossing“ von seinem ersten reinen Soloalbum, Provenance, spielten. Am Ende verließ man das Theater in Regensburg mit dem Gedanken, dass die Emanzipation des E-Basses damit nun wirklich vollendet sein sollte – und zwar keineswegs als Ersatz für den Kontrabass, aber als völlig eigenständiges, in seiner Art unverwechselbares und, ja, wunderbares Instrument.

Text und Fotos: Robert Fischer

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