Black Star und die Weißen Engel im Münchner Nationaltheater: Das Bayerische Staatsballett präsentiert mit „Waves and Circles“ die erste Premiere der neuen Saison
So oft kommt es nicht vor, dass ein zeitgenössisches Ballett zwei Tage vor der Premiere in der Hauptnachrichtensendung des Zweiten Deutschen Fernsehens angekündigt wird: Auch dem dreiteiligen Ballettabend „Waves and Circles“ im Nationaltheater am Münchner Max-Joseph-Platz – Spielstätte der Bayerischen Staatsoper wie des Bayerischen Staatsballetts – wäre ein Beitrag im Heute Journal wohl versagt geblieben, hätte man sich allein auf die Einstudierung zweier Werke von William Forsythe und Maurice Béjart verlassen, deren Choreografien „Blake Works I“ und „Boléro“ den Anfang und das Ende dieser Premiere markieren. Im Mittelpunkt des Interesses wie des Tanzabends aber stand eine Uraufführung – „Megahertz“ – der erst wenige Wochen zuvor 31 Jahre alt gewordenen Kanadierin Emma Portner, die in einem Porträt auf der Website der Bayerischen Staatsoper als „neue weibliche Stimme im Ballett des 21. Jahrhunderts“ angekündigt wurde.
Ein Premierenbericht von Robert Fischer
Der Abend beginnt mit einer Art Leistungsschau, was das zeitgenössische Ballett so alles kann. Und vor allem: was die Tänzerinnen und Tänzer des Bayerischen Staatsballetts so alles können. Mit gutem Grund wurde das Münchner Ensemble unter der Leitung von Ballettdirektor Laurent Hilaire in diesem Sommer von den Kritikerinnen und Kritikern der Fachzeitschrift „Tanz“ zum „Glanzlicht des Jahres“ gekürt. Willam Forsythes überwiegend das Ensemble als Ganzes featurende Choreografie „Blake Works I“ ist das ideale Werk dafür, die Exzellenz des Bayerischen Staatsballetts auf der Bühne zu zeigen. Entstanden im Jahr 2016 für das Ballett der Pariser Staatsoper und inspiriert von sieben Songs des britischen Sängers James Blake, ist Forsythes in Kostümen und Tanz an neoklassische Werke französischer und amerikanischer Provienz erinnerndes, enorm schnell und virtuos getanztes und vom Bayerischen Staatsballett staunenswert leicht und spielerisch präsentiertes Werk ein visueller Rausch, an dem man sich auch ohne Handlungsorientierung kaum sattsehen kann, geschweige denn möchte. Und wenn dann im letzten Song von James Blake davon gesungen wird „how wonderful you are“, liegt der Gedanke nahe, dass es sich bei dieser Choreografie um eine Ode an die Ballettkunst handeln könnte.
Dass es sich dabei um die auch im Wortsinn auf die Spitze getriebene klassische Ballettkunst handelt, postmodern dekonstruiert und mit einem humorvollen Augenzwinkern, versteht sich, der hier ein Loblied gesungen wird, ist vielleicht ein gemeinsamer Nenner des Abends. Denn auch Emma Portner, die sich bereits als Kleinkind mit den ersten Aufwärmübungen an der Ballettstange versuchte, sagt, klassisches Ballett sei für sie „immer noch eine der schönsten Kunstformen“. Als Teenager zweifelte sie allerdings daran, ob ihr Körper den athletischen Herausforderngen dieser Kunst wirklich gewachsen wäre. Zudem interessierte sie sich schon früh auch für andere Formen – Jazz-Dance, Stepptanz, Improvisation – und für die Umsetzung ihrer eigenen Kreativität im Umfeld von Bühne, Film, Musik und Installation. Also wurde die Choreografie schon früh und anders als sonst in der Regel üblich nicht erst nach einer erfolgreich absolvierten eigenen Tanzkarriere zu ihrem Beruf. Sie gestaltete Bewegungssequenzen für Musikvideos und tourende Popstars wie Justin Bieber, arbeitete interdisziplinär mit renommierten Museen zusammen und choreografiert seit 2020 auch für renommierte klassische Ballettkompagnien. „Megahertz“ ist ihre erste Arbeit für das Bayerische Staatsballett und überhaupt ihre erste Arbeit für eine deutsche Tanzcompagnie. Den Auftrag dazu erhielt sie von Ballettdirektor Laurent Hilaire, der die viel beschäftigte Kanadierin schon lange für eine Kreation gewinnen wollte, aber zweieinhalb Jahre warten musste, bis sich ein passender Termin ergab. Und das Warten hat sich gelohnt: Eingerahmt von den Werken zweier Schwergewichte des modernen und postmodernen Tanzes präsentiert sich Emma Portner nun mit einem wunderbar eigenständigen, klassische Strenge mit experimentellen Formen verbindenden Werk: auf Augenhöhe.
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Waves and Circles - Bolero - O. Gouneo, Foto: Nicholas Mackay -
Waves and Circles - Bolero - O. Gouneo, Foto: Nicholas Mackay -
Waves and Circles - Bolero - O. Gouneo, Foto: Nicholas Mackay
„Megahertz“ basiert auf einem rund 22-minütigen Musikstück von Paddy McAloon, „I Trawl The Megahertz“, in dem der britische Sänger und Songwriter der Band Prefab Sprout eine weibliche Erzählstimme (Yvonne Connors) mit orchestralen Passagen und sanften Bläsersätzen vereint – „der perfekte Container für ein Ballett“, so Emma Portner, die das Stück vor einigen Jahren im Radio hörte und sofort dachte, „daraus müsste man ein Ballett machen“. Schon der Beginn ihrer Choreografie ist ein Coup: Nachdem das Licht im Nationaltheater ausgeht, lenken zwei Scheinwerfer nicht etwa das Augenmerk nach vorn zur Bühne, sondern hoch hinauf zu den jeweils zwei Engelsfiguren, die links und rechts knapp unter dem Dach das darunter stattfindende Geschehen bewachen. Erst dann leiten die Scheinwerfer das im Lauf der Choreografie faszinierend vielfältig inszenierte Licht (Eric Chad) hinunter zur Bühne: „I'm telling myself the story of my life“ heißt es gleich zu Beginn, und selbst wenn man nichts darüber weiß, wie diese Musik entstand (wegen eines Augenleidens war Paddy McAlloon wochenlang erblindet und hörte in dieser Zeit intensiv Radio, nahm einzelne Sendungen und Frequenzgeräusche auf und verarbeitete sie auf seinem ersten Soloalbum), überträgt sich deren somnambule Atmosphäre sofort auf das Publikum. Statt wie William Forsythe die Choreografie in einzelne, keiner inneren Dramaturgie notwendig folgenden Szenen aufzuteilen oder das Geschehen wie Maurice Béjart auf ein einziges, starkes Bühnenbild zu konzentrieren, findet bei Emma Portner vieles gleichzeitig statt. Mal wird eine spoken word-Passage („I'm setting out my stall behind a sheet of dark hair“) von der wohl das weibliche Ich verkörpernden Tänzerin (Carollina Bastos) eins zu eins illustriert, mal bleibt das sich noch auf sechs weitere Tanzende (Severin Brunhuber, Jakob Feyferlik, Ana Gonçalves, Osiel Gouneo, Marina Mata Gomez, Soren Sakadales) verteilende Geschehen erratisch uneindeutig wie die Lyrics von Paddy McAloon. Dominierend ist dabei eine weiße Figur mit großen Schwingen, die Erinnerungen an Loïe Fullers legendären „Serpentinentanz“ wach werden ließ. Stimmen aus dem Premierenpublikum zufolge könnte diese Figur eine Libelle darstellen, einen Schmetterling, aber auch „das Schicksal“ verkörpern. Oder einen Engel – jenen „Engel des Alltags“ vielleicht, von dem ebenfalls in den Lyrics der Musik die Rede ist. Am Ende jedenfalls hat dieses mysteriöse Wesen seine Flügel verloren, worauf es sich mühsam aufrappelt, stolpernd und strauchelnd (s)einen Weg sucht (in ein anderes Leben?) und das Publikum zurücklässt mit dem dringenden Wunsch, das Stück am liebsten gleich nochmal von vorn erleben zu dürfen.
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Waves and Circles - Megahertz, Foto: Nicholas Mackay -
Waves and Circles - Megahertz - C. Bastos S. Brunhuber, Foto: Nicholas Mackay -
Waves and Circles - Megahertz - J. Feyferlik, C. Bastos, Foto: Nicholas Mackay -
Waves and Circles - Megahertz Ensemble, Foto: Nicholas Mackay
Tatsächlich findet der Abend aber auch mit Maurice Béjarts 1961 entstandener Version von Maurice Ravels „Boléro“ einen würdigen Abschluss. Vor allem bietet es ein angemessenes Podium für einen echten Stern am Münchner Balletthimmel, einen Black Star, genau genommen. Denn genau das ist der gebürtige Kubaner mit afrikanischen Wurzeln, Osiel Goueno, der seine 2024 erschienene Autobiografie in Anspielung auf seine tänzerische Rolle in Shakespeares Liebesdrama „Black Romeo“ nannte und seit der Spielzeit 2016/2017 als erster Solist des Bayerischen Staatsballetts das Publikum bezaubert. Schon in Emma Portners Stück konnte er seine unglaublich sprunggewaltige, Kraft und Energie mit Grazie und Charisma verbindende Bühnenpräsenz vorführen – nun im groß besetzten Meisterwerk „Boléro“ von Maurice Béjart gebührt ihm das Solo des auf einem roten runden Tisch im Zentrum der Aufmerksamkeit agierenden, die Melodie von Ravels repetitiv anschwellender Musik schweißtreibend verkörpernden Tänzers, während die zunächst an drei Seiten um den Tisch auf roten Stühlen gruppierten, dann einen Kreis um den Solisten formierenden, den männlichen Eros feiernden Tänzer die Rhythmik der Musik in Bewegung umsetzen. Dass das an wogende Wellen erinnert, die kreisförmige Strudel bilden, schließt auch einen Bogen zum Motto dieses rundum gelungenen Premierenabends des Bayerischen Staatsballetts. „Waves and Circles“ wurde am Ende mit lang anhaltenden Standing ovations gefeiert und bot, wie es im Beitrag des Heute Journals formuliert worden war: „modernes Ballett zum Träumen“.
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Waves and Circles - Blake Works - Violetta Keller, Foto: Nicholas Mackay -
Waves and Circles - Blake Works - J. Feyferlik, C. Bastos, Foto: Nicholas Mackay
„Waves and Circles“: Dreiteiliger Ballettabend in der Bayerischen Staatsoper (Premiere am 21. Dezember 2025)
Blake Works I
Choreographie und Bühne: William Forsythe
Musik: James Blake
Kostüme: Dorothee Merg, William Forsythe
Licht: Tanja Rühl
Toneinrichtung: Niels Lanz
Einstudierung: Ayman Harper, Jill Johnson
Megahertz
Choreographie und Kostüme: Emma Portner
Musik: Paddy McAloon
Licht und Video: Eric Chad
Choreographische Assistenz: Toon Lobach, Darlyn Perez, Madeleine Salhany
Choreographische Mitarbeit: Justin de Jager
Boléro
Musikalische Leitung: Patrick Lange
Choreographie, Bühne, Kostüme, Licht: Maurice Béjart
Musik: Maurice Ravel
Einstudierung: Piotr NardelliJulien Favreau
Das Ensemble des Bayerischen Staatsballetts
Ballettdirektor: Laurent Hilaire
Erste Solist:innen: Yonah Acosta, Maria Baranova, Jakob Feyferlik, Osiel Gouneo, Violetta Keller, Julian MacKay, Ksenia Shevtsova, Laurretta Summerscales, Elisabeth Tonev, Jinhao Zhang
Solist:innen: Carollina Bastos, Zhanna Gubanova, Elvina Ibraimova, Ariel Merkuri
Dem-Solist:innen: Lizi Avsajanishvili, Maria Chiara Bono, Severin Brunhuber, Matteo Dilaghi, Clark Eselgroth, Rhiannon Fairless, Yago Gonzaga, Margarita Grechanaia, Konstantin Ivkin, Jeanette Kakareka, Sergio Navarro, Zachary Rogers, Soren Sakadales, Robin Strona
Corps de Ballet: Łukasz Bałoniak, Tommaso Beneventi, Polina Bualova, Alexey Dobikov, Madeleine Dowdney, Finn Faulconer, Dani Gibson, Ana Gonçalves , Noah Hak, Jasmine Henry, Aurélien Hoguet, Oscar Kempsey-Fagg, Nikita Kirbitov, Mariia Malinina, Pablo Martínez , Marina Mata Gómez, Polina Medvedeva, Elisa Mestres, Jasper Metcalfe, Mikaela Milić, Marta Navarrete Villalba, Laura Orsi, Capucine Perrot, Viktor Shinichiro Prokofiev, Lulu Rose, Phoebe Schembri, Florian Ulrich Sollfrank, Frederick Stuckwisch, Chelsea Thronson, Anastasiia Uzhanskaia, Daniella Venter, Chiara Vitali, Margaret Whyte, Sabrina Yap
Charaktertänzer:innen: Zoltan Mano Beke, Séverine Ferrolier, Norbert Graf, Stefan Moser
Ballettmeister:innen: Valentina Divina, Séverine Ferrolier, Norbert Graf, Laurent Guilbaud, Thomas Mayr, Judith Turos
Bayerisches Junior Ballett München: Ata Naci Aktaş, Olja Aleksić, Danielle Beskur, Michaela Berinde, Joe Bratko- Dickson, Andrea Cipolla, Vera Cortell , Benedetto Fenni, Mateus Gati, Guillermo González Maroto, Apolline Hartz, Axel Mero, Manuel Mircuda, Rose Perrot, Elzė Sadauskaitė, Mark Sims, Thalia Szumowski, Hanxi Wang
Weitere Informationen, Termine, Tickets: www.staatsoper.de
Foto: Nicholas Mackay, Robert Fischer
Text: Robert Fischer
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