Rezension des Albums "Ritual" von Caleb Wheeler Curtis
Caleb Wheeler Curtis
Ritual
Erscheinungstermin: 10.04.2026
Label: Chill Tone, 2026
Das Stritch als Stimme des modernen Jazz
Der Saxophonist und Komponist Caleb Wheeler Curtis gehört zu jenen Musikern, die Jazz nicht nur als musikalische Form, sondern als Prozess verstehen. Sein Album Ritual widmet sich genau diesem Gedanken: den vielen kleinen Handlungen, Gesten und Vorbereitungen, die schließlich in einem musikalischen Moment kulminieren – dem Augenblick des gemeinsamen Spiels.
Für dieses Projekt versammelt Curtis ein Ensemble, das unterschiedliche musikalische Szenen und Gemeinschaften miteinander verbindet. Neben ihm selbst wirken der Pianist Orrin Evans, die Saxophonistin und Flötistin Hery Paz, der Gitarrist Emmanuel Michael, der Bassist Vicente Archer sowie der Schlagzeuger Michael Sarin mit.
Ritual knüpft in vieler Hinsicht an Curtis’ vorheriges Album The True Story of Bears and the Invention of the Battery an und erweitert dessen musikalische Ideen. Besonders auffällig ist dabei die Wahl seines Hauptinstruments: Curtis spielt überwiegend das sogenannte Stritch, ein seltenes Mitglied der Saxophonfamilie. Dieses Instrument besitzt eine Klangfarbe, die einerseits an das traditionelle Altsaxophon erinnert, andererseits aber eine eigene, leicht rauere und unmittelbare Klangqualität besitzt.
Diese besondere Klangfarbe prägt das gesamte Album. Curtis nutzt sie, um seine musikalischen Linien klar und markant zu gestalten. Seine Themen sind oft komplex aufgebaut, mit ungewöhnlichen rhythmischen Strukturen und überraschenden Wendungen. Dennoch bleibt die Musik stets zugänglich, da sich Komposition und Improvisation organisch miteinander verbinden.
Die Stücke eröffnen dem Ensemble viel Raum für Interaktion. Zwar steht Curtis häufig im Mittelpunkt, doch die übrigen Musiker prägen das Klangbild entscheidend mit. Besonders die präzise und zugleich flexible Rhythmusgruppe sorgt dafür, dass sich die Kompositionen ständig weiterentwickeln können.
Die Improvisationen bleiben dabei bewusst konzentriert. Statt ausufernder Soli entstehen kurze, prägnante Statements, die das musikalische Geschehen verdichten und die Spannung der Stücke aufrechterhalten.
So zeigt Ritual, wie stark die Struktur einer Komposition die improvisatorische Dynamik eines Ensembles beeinflussen kann. Gleichzeitig wird hörbar, wie kollektive Interaktion eine musikalische Atmosphäre formt, die weit über einzelne Beiträge hinausgeht.
Ein Album, das die Balance zwischen konzeptioneller Klarheit und improvisatorischer Freiheit eindrucksvoll auslotet – und damit eine lebendige Momentaufnahme des zeitgenössischen Jazz darstellt.
(Jacek Brun, 13.04.2026)
Besetzung
Caleb Wheeler Curtis – stritch, trumpet (9), soprano saxophone (8), sopranino saxophone (9)
Hery Paz – tenor saxophone (2, 3, 4, 9), flute (6, 7)
Emmanuel Michael – guitar
Orrin Evans – piano (3, 4, 5, 6)
Vicente Archer – double bass
Michael Sarin – drums
Titelliste
- Fantasmas
- Bleakout
- Florence
- Black Box Extraction
- You Can't Just Keep The Music
- Pond
- Tenastic
- The End Of Power
- Ritual
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