Rezension des Albums "Bass and Face" von Chuck Bergeron
Chuck Bergeron
Bass and Fac
Erscheinungstermin: 05.06.2026
Label: Summit Records, 2026
Manche Gespräche brauchen keine Worte – manchmal genügt eine Stimme und vier Saiten
Die meisten musikalischen Dialoge entstehen im Schutz eines Ensembles. Ein Schlagzeug fängt Spannungen auf, ein Klavier schließt harmonische Lücken, Bläser setzen Farben. Doch was geschieht, wenn all das verschwindet und nur noch eine Stimme und ein Kontrabass zurückbleiben? Bass and Face gibt darauf eine ebenso schlichte wie berührende Antwort: Es entsteht Nähe.
Über mehr als vier Jahrzehnte hat Chuck Bergeron in den unterschiedlichsten Formationen musiziert – von kleinen Combos bis hin zur kraftvollen South Florida Jazz Orchestra. Die Zusammenarbeit mit Sängerinnen und Sängern gehörte dabei immer zu seinem musikalischen Leben. Doch während seiner Jahre in Seattle entwickelte sich gemeinsam mit der großartigen Kendra Shank eine besondere Konzerttradition. Für einen Teil des Abends verließen alle anderen Musiker die Bühne, und übrig blieben nur Stimme und Bass. Shank nannte diesen Moment schlicht: „Bass and Face“.
Dieser Titel beschreibt das Konzept des Albums besser als jede stilistische Einordnung. Denn hier geht es nicht um Virtuosität oder arrangierte Klangfülle, sondern um eine Form musikalischer Offenheit, die kaum Schutz bietet. Bergeron selbst spricht davon, wie anders er in einer solchen Situation spielen müsse. Der Kontrabass übernimmt nicht nur die Rolle des rhythmischen und harmonischen Fundaments, sondern wird zum eigentlichen Gesprächspartner der Stimme.
Die Liste der Mitwirkenden liest sich wie ein Kapitel amerikanischer Jazzgeschichte. Janis Siegel, Roseanna Vitro, Pete McGuinness, George Rabbai, Lisanne Lyons, Deborah Silver, Kate Reid, Nicole Yarling sowie die unvergessenen Sheila Jordan und Kevin Mahogany verleihen dem Album eine außergewöhnliche Vielfalt. Dennoch wirkt Bass and Face nie wie eine Sammlung einzelner Gastauftritte. Vielmehr entsteht der Eindruck einer gemeinsamen musikalischen Idee, die sich in unterschiedlichen Stimmen immer wieder neu entfaltet.
Das Erstaunliche an diesen Interpretationen ist ihre Intimität. Nichts drängt sich in den Vordergrund, nichts sucht den großen Effekt. Stattdessen entsteht eine Atmosphäre des gegenseitigen Zuhörens, in der jede Phrase Gewicht erhält und jede kleine Nuance Bedeutung gewinnt. Der Bass begleitet nicht nur – er antwortet, tröstet, widerspricht oder schweigt. Und gerade dieses Schweigen gehört oft zu den schönsten Momenten des Albums.
Beim Hören spürt man eine außergewöhnliche Verbindung zwischen den Musikern. Sie beruht nicht auf spektakulären Arrangements oder technischen Kunststücken, sondern auf Vertrauen. Das macht diese Aufnahmen so selten und so bewegend. Man erlebt keine Aufführung, sondern ein Gespräch, das zufällig Musik geworden ist.
Bass and Face ist deshalb weit mehr als eine Sammlung großartiger Gesangsinterpretationen. Es ist eine Hommage an die Kunst des Zuhörens und an jene leisen musikalischen Begegnungen, in denen zwei Stimmen – eine menschliche und eine aus Holz und Saiten – dieselbe Geschichte erzählen.
(Jacek Brun, 12.06.2026)
Besetzung
The vocalists:
Janis Siegel
Pete McGuinness
Kate Reid
George Rabbai
Kevin Mahogany
Lisanne Lyons
Nicole Yarling
Sheila Jordan
Roseanna Vitro
Deborah Silver
Charles Pillow – saxophone
Phil Strange – piano
Phil Strange – piano
Chuck Bergeron - double bass
John Riley – drums
Titelliste
- An Occasional Man - with Janis Siegel
- Emily - with Pete McGuinness
- Devil May Care - with Kate Reid
- I Thought About You - with George Rabbai
- When I Drink - with Janis Siegel
- Two Degrees East, Three Degrees West - with Kevin Mahogany
- Detour Ahead - with Lisanne Lyons
- Audubon Zoo/Iko-Iko - with Nicole Yarling
- Fair Weather - with Sheila Jordan
- Take the Wrinkles Out Your Birthday Suit - with Roseanna Vitro
- Analog - with Deborah Silver
- Duke Ellington’s Sound of Love - with Kevin Mahogany
- Do You Know What It Means (To Miss New Orleans) - with Phil Strange
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