Die sechste Ausgabe der Cologne Jazzweek – Ein Festivalbericht
Von Fanny Opitz
Dass Köln eine Jazzstadt ist, steht seit Jahrzehnten außer Frage. Interessanter ist, wie die Cologne Jazzweek diesen Status für sich nutzt und in ihrer sechsten Ausgabe weiterdenkt: Sie zieht das Publikum tiefer denn je in die Stadt hinein, öffnet neue Räume und verknüpft die lokale Szene mit internationalen Perspektiven. Von einem Kloster über einen Fahrradladen bis hin zu Clubs und der Kölner Philharmonie hat das Festival eine unverwechselbare Dramaturgie gefunden, in der Köln weit mehr ist als eine urbane Kulisse.
Freitagmittag in der Kölner Neustadt-Süd. Der Werkstattraum von Schneider Radsport ist rappelvoll. Werkzeuge, Fahrradteile, Kartons und Kisten sind provisorisch an die Seite gestellt worden, der Boden trägt sichtbar die Spuren des Arbeitsalltags. Nichts ist an diesem Tag dort künstlich herausgeputzt für ein Konzert. Stattdessen rückt das Publikum zusammen, nicht nur auf Stühlen, sondern auch auf Tischen und Werkbänken. Mitten in dieser skurrilen Atmosphäre das MILLENNIUM Trombone Quartet, das sein Debütalbum Characters noch exklusiv vor Release vorstellt. Vier Posaunen in einer Fahrradwerkstatt: eine verblüffend passende Umgebung für so viel Blech auf einmal. Denn so einen Ort kann nicht jedes Ensemble bespielen. Dafür braucht es eine besondere Souveränität, das Beste aus akustisch herausfordernden Situationen zu machen sowie einen Sinn für die Schönheit besonderer Orte. Stücke wie „Die Fabrik des Zwergenkönigs“ scheinen nur darauf gewartet zu haben, in diesem Setting gespielt zu werden.
Vom Publikum her gedacht
Solche Konstellationen sind prototypisch für die sechste Ausgabe der Cologne Jazzweek. Zwei Tage zuvor wird im Rahmen von Stadt.Klang.Orte der Altarraum der Antoniterkirche zum Ort freier Improvisation. Draußen drängen sich Menschen mit Einkaufstüten über die Schildergasse, drinnen entsteht ein Gegenraum zum Konsum. Die Saxofonistin Luise Volkmann, die Bassistin Athina Kontou und die experimentelle Musikerin Mona Steinwidder alias Museum of No Art (Bassklarinette und Live-Elektronik) treffen hier erstmals aufeinander. Steinwidder kommt ursprünglich aus der bildenden Kunst. Im Seitenschiff hängt ein Zweitguss von Ernst Barlachs Bronzeskulptur Der Schwebende, dessen Original die Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ entfernten und später einschmolzen. Vor diesem Hintergrund wirkt es wie ein Privileg, hier Musik hören zu können, die keine feste Form behauptet.
Luise Volkmann schätzt an der Cologne Jazzweek genau diese Interaktion zwischen ihrer Musik und besonderen Räumen. Die Konzerte seien „vom Publikum her gedacht“. Sie freut sich, dass ganz andere Menschen in die Konzerte kommen, als abends in Clubs. Kuratiert hat das Konzert der Kölner DJ, Gründer von Powerhouse Records und Veranstalter Hermes Villena. Ihn interessieren Schnittstellen zwischen Genres und Kunstformen – „Blickwinkel auf Musik, die nicht unbedingt aus der Musik kommen“. Museum of No Art sollte eine „atmosphärische Basis“ schaffen. Viel mehr Vorgaben gab Villena nicht.
Blickwinkel auf Musik, die nicht aus der Musik kommen
Diese Offenheit ist auch strukturell im Festival angelegt. Ein wechselndes Team aus Kuratorinnen und Kuratoren bringt neue Perspektiven ein, während unter anderem Mitinitiator, Geschäftsführer und künstlerischer Leiter der Cologne Jazzweek, Janning Trumann, die Konstante bleibt. So verändert sich mit jeder Ausgabe der Blick auf den Jazz. In diesem Jahr ist Los Angeles ein Schwerpunkt, den Yousef Hilmy von Minaret Records einbringt. Spannend ist, wie dies im Programm umgesetzt wird. Nicht nur Artists aus L.A. wie der dort aufgewachsene Saxofonist und Multiinstrumentalist Sam Gendel, der neben der Pianistin Olga Reznichenko Fokuskünstler des Festivals ist, spielen in Köln in wechselnden Besetzungen. Auch die Kölner Szene zeigt sich gastfreundlich: Das Subway Jazz Orchestra, seit Jahren fest im gleichnamigen Club verankert, lädt den amerikanischen Sänger und Multiinstrumentalisten Sam Amidon ein, dessen Musik Stefan Karl Schmid für Large Ensemble arrangiert hat. 18 Kölner Musikerinnen und Musiker treffen auf Amidon, der ursprünglich aus der amerikanischen Folk-Tradition stammt, sich allerdings gegenüber improvisierter Musik schon immer offen zeigt.
Dass die Cologne Jazzweek dabei so selbstverständlich mit der Kölner Szene verbunden ist, ist unter anderem der Verdienst von Janning Trumann, der nicht nur künstlerischer Leiter ist, sondern als Posaunist Teil der Community. Im Stadtgarten, dessen Konzertsaal einen Tag vor Festivalbeginn seinen 40. Geburtstag gefeiert hatte, erzählt Trumann, habe „die halbe Stadt“ zusammengesessen. Darunter Musikerinnen und Musiker, die beim Festival auftreten, und solche, die diesmal gar nicht auf dem Programm stehen.
Trumann und das Team aus Kuratorinnen und Kuratoren haben ein Händchen für Artists, deren Musik noch viel präsenter sein müsste. Zum Beispiel Zola Mennenöhs „A Labour of Love“ in St. Peter, im wahrsten Sinne ein musikalisches de-armouring: das Ablegen von Schutzschichten. Dafür hat Mennenöh eine sensationelle Band versammelt: Elisabeth Klinck an der Violine, Emily Wittbrodt am Cello, Kathrin Pechlof an der Harfe, Gintė Preisaitė an Klavier und Elektronik und Phil Donkin am Bass. Und wie immer gibt es Konzerte, die weit über Köln hinausweisen: Avishai Cohen mit Big Vicious in der Philharmonie oder GEORGE um John Hollenbeck im Deutschlandfunk Kammermusiksaal.
Eine Besonderheit der Cologne Jazzweek bleibt, dass Künstlerinnen und Künstler nicht nur auf der Bühne spielen. Sie moderieren die Konzerte füreinander und begleiten sich gegenseitig durch das Programm. Die Szene spricht so für sich selbst, was dem Festival eine besondere Glaubwürdigkeit verleiht. Nach einer Woche ist man von der Cologne Jazzweek erstaunlicherweise nicht satt, sondern eher hungriger als vorher. So viele musikalische Linien beginnen sich gerade erst zu zeigen, dass das Festival problemlos noch eine zweite Woche dauern könnte. Die Cologne Jazzweek aktiviert ein musikalisches Ökosystem, das in Köln längst vorhanden ist, und bringt zugleich internationale Impulse hinein, an denen sich die Szene reiben und weiterentwickeln kann.
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Big Vicious, Foto: Niclas Weber -
Farhot, Silvan Strauss, Webster, Foto: Niclas Weber -
Kalia Vandever, Foto: Niclas Weber -
Olga Reznichenko, Fabian Dudek, Alexander Parzhuber, Oliver Lutz, Foto: Niclas Weber -
Pablo Lienhard, Foto: Niclas Weber -
Uzi Ramirez, Avishai Cohen, Aviv Cohen, Ziv Ravitz, Yonathan Albalak, Foto: Niclas Weber
Über die Autorin
Dr. Fanny Opitz ist Autorin, Musikjournalistin und Radiomacherin. Für jazz-fun.de führt sie Interviews und schreibt Features über Künstlerinnen und Künstler, die Musik als Ausdruck gesellschaftlicher, philosophischer und künstlerischer Haltung verstehen.
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