Constantin Krahmer Septett - Visions Fugitives
Constantin Krahmer Septett
Visions Fugitives
Erscheinungstermin: 28.03.2025
Label: Yew Records, 2025
Klare Melodielinien sucht man hier vergeblich – die Kompositionen scheinen sich auf frei fließende, improvisatorische Passagen zu stützen. Genau das verleiht dem Album eine faszinierende Frische und lädt zum aktiven Hören ein. Trotz der reichen Instrumentierung und der spannenden Besetzung mit charismatischen musikalischen Persönlichkeiten bleibt die Musik erstaunlich transparent, klar und feinfühlig – ohne übertriebene Soli oder überbordende Klangmassen. Constantin Krahmer begeistert einmal mehr mit seinem frischen, innovativen Blick auf zeitgenössische Musik. Ein großartiges Album – wir sind begeistert! (Jacek Brun, 20.04.2025)
Besetzung
Michael Heupel - flutes
Luise Volkmann - alto saxophone
Sebastian Gille - tenor saxophone/ alto clarinet
Johannes Lauer - trombone
Constantin Krahmer - piano/composition
Bertram Burkert - guitar
Leif Berger - drums
Über das Jazz Album "Visions Fugitive" von Constantin Krahmer Septett
Ein Klavier setzt sich mit hintergründiger Vehemenz im Ohr fest. Nach und nach gesellen sich andere Instrumente hinzu und definieren ihre jeweils unverwechselbare Klangfarbe, die sie für den Rest des Albums beibehalten. Der in Rostock lebende Pianist Constantin Krahmer ist nicht nur Komponist, Arrangeur und Bandleader, sondern entpuppt sich auf Visions Fugitives auch als gewiefter Klangmaler.
(english version incl.) Die Stücke des Albums setzen sich zu einer Suite von einer Farbintensität zusammen, die man so selten mit dem sehenden Ohr gehört hat. Die Farbtöne bleiben über das ganze Album hinweg gleich, nur der Pinselstrich, die Kontraste und die Dichte des Farbauftrags wechseln von Stück zu Stück. Mal wirkt es wie ein Joan Miró mit ganz klaren, voneinander abgegrenzten Farbflächen, mal wie ein Georges Seurat, der sich aus einem Meer von flirrenden Lichtpunkten zusammensetzt, und mal wie ein William Turner, bei dem die Farben osmotisch ineinander verlaufen.
Um diesen synästhetischen Effekt zu erzielen, rief Krahmer ein siebenköpfiges Kollektiv von Musikerpersönlichkeiten auf den Plan, die ausnahmslos für ein stark ausformuliertes individuelles Idiom stehen. Außer Krahmer, dessen konturierter Akzent sich schon in den ersten Tönen des Albums offenbart, gehören dem Septett Flötist Michael Heupel, Altsaxofonistin Luise Volkmann, Saxofonist und Klarinettist Sebastian Gille, Posaunist Johannes Lauer, Gitarrist Bertram Burkert und Schlagzeuger Leif Berger an. Die Stücke sind präzise auskomponiert und gleichzeitig konkret auf die jeweiligen Beteiligten zugeschnitten. Trotzdem hat sich im Prozess des gemeinsamen Musizierens noch einmal Vieles neu ergeben. Gerade weil alle Mitwirkenden eine ausgeprägte Persönlichkeit mitbringen, fand jede und jeder während der zweitägigen Proben, eines anschließenden Konzerts und der finalen zweitägigen Aufnahmesession genau den Platz und die Lücke, die Sinn ergeben, ja geradezu zwingend erscheinen. „Mir macht es großen Spaß, schon beim Schreiben die jeweilige Klangfarbe der Musizierenden im Kopf zu haben“, konstatiert Krahmer mit einem vergnügten Lächeln.
Das Septett setzt sich aus Größen der deutschen Jazzszene zusammen, mit denen Krahmer entweder schon lange persönlich verbunden ist, oder mit denen er bereits seit geraumer Zeit zusammenspielen wollte. Mit Schlagzeuger Leif Berger hat der Pianist mehrere Alben aufgenommen. Er nennt ihn unumwunden seinen Lieblingsschlagzeuger. Auch mit Luise Volkmann, Sebastian Gille und Michael Heupel stand Krahmer schon auf der Bühne oder im Studio. Mit Johannes Lauer und Bertram Burkert hat er hingegen noch nie gearbeitet, doch er schätzt ihre expressive Spielweise derart, dass er sie in das Projekt unbedingt einbeziehen wollte. Aus den unmittelbaren Beziehungen mit den jeweiligen Musikerinnen und Musikern ergibt sich ein entsprechendes Wechselspiel von Vertrautem und Riskantem, das sich durch das komplette Album zieht. Erfülltes und Unerfülltes verdichten sich zu Constantin Krahmers Dream Band, die beharrlich neue Konturen zieht oder unerwartete Zusammenhänge setzt. Mal verschmilzt das Ensemble zu einer überaus dichten Einheit, an anderen Stellen ragen einzelne Stimmen heraus und erfüllen spezielle Funktionen.
Besonders Gitarrist Bertram Burkert streut oft verstörende Momente ein, die in einem deutlichen Kontrast zum Gesamtkontext stehen und dem musikalischen Geschehen einen speziellen Drill geben. Sie reißen die Band aus ihrer sich in jedem Stück neu anbahnenden Komfortzone heraus, bevor diese überhaupt erst entstehen kann. Burkerts Soloparts sind bewusst gesetzte Zäsuren, die dem Album auch Form und Gliederung geben. Ohnehin arbeitet Krahmer gern mit jähen Wechseln und Kontrasten, wobei diese Gegensätze sich weniger in musikalischen Formen als in den situativen Haltungen der Mitwirkenden ausdrücken. Das Vertraute wird immer wieder mit ostentativ Unerhörtem aufgebrochen. „Diese Abwechslung in den Stücken ist mir sehr wichtig, denn sie löst einfach stärkere Empfindungen aus“, begründet Krahmer den Kontrastreichtum auf seinem Album.
In diesen bewusst gesetzten Gegensätzen steckt natürlich auch viel Gegenwartsbezug. Die Sehnsucht nach dem Vertrauten bricht sich permanent an der harten Realität. Constantin Krahmer will keine eindeutigen Botschaften aussenden, aber er ist natürlich ein Kind seiner Zeit, das mit sensiblen Antennen seine Umgebung einfängt, diese in der Musik destilliert und an seine Außenwelt zurückgibt. Er setzt sich nicht mit hochtrabenden Konzepten nach oben ab, sondern ist genau dort, wo seine Hörerinnen und Hörer auch sind. So ist es kein Zufall, dass der Albumtitel Visions Fugitives präzise den Gegensatz zwischen visionärer Prägnanz und nachhaltiger Flüchtigkeit austariert. Genau genommen geht der Titel auf einen Klavierzyklus des russischen Komponisten Sergej Prokofjew zurück, der Krahmer viel bedeutet. Entsprechend dem Titel sind die Stücke auf dem Album vergleichsweise kurz und in sich abgeschlossen, dafür in ihrer Kürze umso griffiger auf den kompositorischen und gespielten Augenblick fokussiert.
Visions Fugitives ist ein Ensemble-Album, und doch gibt das Klavier von Anbeginn den Ton an. Das ist freilich nicht weiter überraschend, denn der Leiter und Komponist dieser Einspielung, sprich Constantin Krahmer selbst, ist ja zugleich auch der Pianist. Er setzt sich mit seinem Instrument nicht hinter, sondern vor die Band, und das ist gut so. Krahmers markanter Ton ist mit seinen langen Bögen in der Lage, den Gesamtkontext zu umarmen und ihm Wege zu öffnen. Zwar spielt Krahmer absolut gruppendienlich, aber die Kompositionen sind nun mal auf dem Klavier entstanden, weshalb sein Profilpiano den Rahmen setzt, innerhalb dessen die mannigfachen Farbflächen bestmöglich zum Leuchten gebracht werden können.
Constantin Krahmers Septett-Album Visions Fugitives ist eine Kunstgalerie für die Ohren, konzipiert, komponiert und kuratiert von einem Meister der Klangfarbensymbolik und ins akustische Bild umgesetzt von sieben Malern mit prägnanter Pinselführung und klar definiertem Farbbekenntnis.
Titelliste
- Vision Fugitive
- Golden Hour
- Air
- Bright
- Somersault
- Summer
- Ayler's Song
- Gone
- Noise
- Sur Les Toits
jazz-fun`s recap:
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