Im Sternenstaub geboren - Damien Jalets „Planet [wanderer]“ bei den Osterfestspielen 2026 in Salzburg

Von Robert Fischer

Der französisch-belgische Künstler Damien Jalet gehört zu den gefragtesten Choreographen der Welt. Er ist bekannt für seine interdisziplinäre Arbeitsweise, die Bereiche wie bildende Kunst, Musik, Film, Theater und Mode umfasst, arbeitete mit Künstlerinnen und Künstlern wie Marina Abramović, Paul Thomas Anderson, Thom Yorke, Ryuichi Sakamoto und Madonna zusammen und schuf Werke für bedeutende internationale Compagnien. Auch im Film machte er von sich reden, zuletzt mit seiner Choreographie für Jacques Audiards mehrfach preisgekrönten Musikfilm »Emilia Pérez«. In einer österreichischen Erstaufführung gab es nun während der Osterfestspiele in Salzburg „Planet [wanderer]“ zu sehen, sein zweites Gemeinschaftswerk mit dem japanischen bildenden Künstler Kohei Nawa. Wie war’s?

Planet [wanderer]
Planet [wanderer], Foto: OFS / Rahi Rezvani

Erster Eindruck: Es dauert. Es dauert, bis das Publikum der Osterfestspiele in Salzburg seine Plätze einnimmt. (Offenbar gibt es im Haus für Mozart eine Verabredung, auf keinen Fall früher als zehn oder gar fünf Minuten vor dem Beginn der Veranstaltung am Platz zu sein.) Es dauert (auch noch), als die Türen zum Saal geschlossen werden. Am Ende könnte man sagen, es dauerte vieles zu lange – und war doch als Ganzes nicht lange genug: Knapp 55 Minuten sind für einen abendfüllenden Tanzabend einfach zu kurz. Das Stück selbst, Damien Jalets 2021 in Paris uraufgeführte Planetenwandervision, wäre allerdings vielleicht auch nach 30 Minuten schon auserzählt. Zudem ist es der zweite Teil eines Diptychons – warum den ersten, in etwa gleichlangen Teil, Vessel, nicht in einem etwas ausführlicheren Tanzabend gleich mit aufführen?

Zweiter Eindruck: Es dauert. Lange geschieht nichts, nachdem das Saallicht erloschen ist. Die Augen des Publikums bekommen Zeit, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, die mehr oder weniger den ganzen Abend wie einen schwarzen Rahmen umgeben wird. Und es bekommt was auf die Ohren, das Publikum: dumpfe, elektronisch erzeugte Paukenschläge. Diese evozieren wohl Urknallgetöse und sind tatsächlich so laut, wie das die zuvor verteilten Ohrstöpsel und die besorgten Lautstärkewarnungen der Offiziellen vermuten ließen. (Danach aber bleibt der von Tim Hecker besorgte Soundtrack durchaus in erträglicher Wattstärke.)

Und dann: ward Licht. Vom Bühnenhimmel regnet es Sternenstaub. Am Boden, der ein zutiefst trügerischer ist, wie sich noch herausstellen wird, formen sich nach und nach Gestalten. Acht Tänzerinnen und Tänzer sind es, allesamt obenrum nackt, in eine unsichere Existenz geworfen, so scheint’s. Nach und nach regen und räkeln sie sich wie Schilf im Wind, bis zu den Knien in der trügerischen Ursuppe steckend, die der schwarze Bühnenboden nun zu sein scheint. Auf wundersame Weise sinken die über eine atemberaubend artistisch anmutende Körperbeherrschung verfügenden Tanzenden dann später nicht mehr darin ein, wenn sie auf jene Wanderschaft gehen, auf die das titelgebende Wort Planet verweist: griech. plánētes, Plural von: plánēs = der Umherschweifende. Nach ausführlichem – ja: andauerndem – Wandern, allein, zu zweit, in Gruppen aufeinander zu und voneinander weg, schließlich von Nebel umhüllt mit unerfindlichen Widrigkeiten (des Lebens?) kämpfend, fällt Manna vom Himmel. Oder doch ein nicht unwichtiger Bestandteil davon; nämlich Katakuriko, eine japanische Kartoffelstärke. Hier auf dunkler Bühne bewirkt sie das allmähliche Erstarren der handelnden Akteure, die, das sollen wir uns vielleicht denken, immer schon Natur waren und nun wieder sind (also zuletzt doch wieder in ihr auf- und eingegangen).

Letzter Eindruck: Man sieht nur, was man weiß. Wer mit Pina Bausch tanzsozialisiert wurde, der kennt den gern zitierten Satz der Wuppertaler Choreographin, es interessiere sie nicht, wie sich Menschen bewegen, sondern nur, was sie bewegt. Mit ihren Worten im Kopf liegt die Vermutung nahe, Damien Jalet interessiere sich mehr für das Wie als für das Was. Denn was an diesem Tanzabend bei aller beeindruckend bildmächtigen skulpturalen Präsentation der faszinierenden Akteure schmerzlich zu vermissen ist, ist menschliche Interaktion, gar Kommunikation, ja nicht zuletzt: Tanz. Keine Blicke, keine Bewegungen oder gar Berührungen führen vom Ich zum Du. Was schade ist, aber so gewollt, wenn man weiß, was man sonst nicht unbedingt sehen würde: Die acht Tanzenden nämlich sind Planeten – vergleichbar jenen acht Himelskörpern unseres Sonnensystems. Als solche ziehen sie einsam ihre Bahn, reflektieren nur das Licht (ihres Sterns), statt selbst zu leuchten …

Wie aber kommt es zu solchen (Planeten-)Konstellationen? Wie entstehen und vergehen sie und wer – oder was? – bestimmt ihren Lauf?

Fragen, die allesamt auch für jeden der acht Tanzenden relevant sein dürften, die hier auf der Bühne stehen. Wie auch für das Osterfestspielepublikum im Salzburger Haus für Mozart, das am Schluss begeistert applaudiert. Und vielleicht ist es ja gar nicht wahr, dass der Sternenchoreograph sich nicht dafür interessiere, was Menschen wie Planeten denn so bewegt. Jedenfalls: Dass einem an einem solchen Tanzabend solche Gedanken durch den Kopf gehen, ist unbedingt ein Verdienst der Künstler, die ihn gestaltet haben. Es dauert nur ein bisschen, bis man das merkt.

Text: Robert Fischer
Fotos: OFS / Rahi Rezvani
Choreographie: Damien Jalet
Szenographie: Kohei Nawa
Musik: Tim Hecker
Kostüme: Sruli Recht
Licht: Yukiko Yoshimoto

Tänzerinnen und Tänzer: Shawn Ahern, Karima El Amrani,  Aimilios Arapoglou,  Francesco Ferrari, Vinson Fraley, Christina Guieb, Astrid Sweeney, Ema Yuasa

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