Der Tod und das Mädchen – die (Tanz-)Welt zu Gast in Fürstenfeldbruck

Sharon Eyal - Delay The Sadness
Sharon Eyal - Delay The Sadness, Foto: Robert Fischer

Von Robert Fischer

Alle zwei Jahre bietet das Veranstaltungsforum Fürstenfeld in Fürstenfeldbruck bei München internationalen Ensembles des zeitgenössischen Tanzes eine große Bühne. Für alle Fans dieser Kunst – und solche, die es spätestens nach einem Besuch des hier stattfindenden, vom Theaterverein Fürstenfeldbruck e. V. veranstalteten Festivals „DanceFirst“ werden können – bietet sich hier eine ideale Gelegenheit, die Besten ihres Fachs und aufstrebende Newcomer live zu erleben.

Ballettkompanien aus Frankreich, Spanien, Italien, Kanada, Slowenien, Südafrika, Kroatien, Wales und Israel waren hier schon zu Gast; für 2026 stehen sechs Ensembles aus der Schweiz, aus Israel, Frankreich, Italien und Deutschland auf dem Programm. Den Auftakt des noch bis zum 24. Juli dauernden Festivals machte am 16. Juni das neueste Stück der israelischen Starchoreografin Sharon Eyal, „Delay the Sadness“, das sie ihrer erst vor wenigen Jahren verstorbenen Mutter gewidmet hat.

Vom Techno-Club auf die Bühne

Sharon Eyal, die bereits als Kleinkind mit dem Ballett begann und sich bis heute als Ballerina bezeichnet, tanzte in den Jahren 1990 bis 2008 in der berühmten Batsheva Dance Company in Tel Aviv und kreierte schon früh ihre ersten Choreografien. Im Jahr 2013 gründete sie mit ihrem langjährigen Mitarbeiter Gai Behar ihre eigene Kompanie, die heute als S-E-D (Sharon Eyal Dance) in Frankreich beheimatet ist. Berühmt und inspirierend für Tanzschaffende in aller Welt ist sie für ihre höchst virtuos gestalteten Stücke, in denen androgyn wirkende Tanzende in einheitlichem Gewand auf halber Spitze die Bühne kreuzen, sich in synchronen Bewegungsmustern gruppieren, auseinanderdriften und wieder zusammenfinden, bis einer oder mehrere daraus ausbrechen, die Formation auflösen und sich in schlangenartig zur Musik windenden Soli oder in innigst getanzten Pas de deux wiederfinden.

Typischerweise gehört dazu laut dröhnender Industrialsound, im stakkatohaft vorantreibenden Technobeat, die hochenergetische Dynamik der Tanzenden ins schier Grenzenlose steigernd. Denn für Sharon Eyal ist Tanz etwas Archaisches, ob im Club oder auf der Bühne. Und so sehr ihre stets auch auf eine elegante Handhaltung, exakt gestreckte Füße und nach oben strebende Schrittfolgen achtende Kunst im klassischen Ballett verwurzelt ist – mit ihrer individuellen Tanzsprache überdehnt sie den Bewegungskanon bewusst zu etwas Eigenem. Zudem ist Tanz für Sharon Eyal Ausdruck purer Freude – Lebensfreude und Lebensinhalt zugleich. Nur folgerichtig erscheint es da, dass jemand wie sie den Moment der Traurigkeit, der Trauer, so lange es geht hinausschieben möchte. Und sei es eine so tiefgründige Erfahrung wie der Tod ihrer Mutter.

Dalay the Sadness

Erstaunlich leicht, ja anmutig beginnt dann auch ihr für acht Tanzende choreografiertes, rund 60 Minuten langes und ohne Pause aufzuführendes neuestes Stück, das im September 2025 bei der Ruhrtriennale in der Jahrhunderthalle in Bochum seine Uraufführung feierte und das sie selbst als eine sich emotional erinnernde „Fortschreibung des Lebens nach dem Tod“, eine „Fortschreibung auch der Traurigkeit und Reinheit“, eine „Fortschreibung der Mutter“ bezeichnet.

Anders als gewohnt dringen bei „Delay the Sadness“  zunächst zwar die gewohnten elektronischen Klänge, aber kein Techno-Beat aus den Lautsprechern, sondern ein fast gemütlicher Walzertakt – „Dance with me, Maximilian“ von Khyaam Haque. In ihren eng anliegenden, hautfarbenen Kleidern, auf denen rote Linien ein durchscheinendes Aderngeflecht andeuten, mit den streng anliegenden Frisuren und theatralisch überschminkten Gesichtern, die Frauen mit kreisrundem Rouge auf den Wangen, erinnert das Bühnengeschehen an die höfischen Ursprünge des Balletts. Auffallend oft finden sich die Tanzenden auch paarweise zusammen, als erprobten sie im Duett existenzielle Daseinsformen im Mit- und Gegeneinander, in Nähe und Distanz, in Chaos und Struktur. Dabei verlangsamt Eyal oft das Tempo der Tanzenden, lässt sie wie in Zeitlupe schreiten, als ließe sich so am besten der jeweilige Moment zelebrieren, ja festhalten.

Wie aber soll man, wenn sich die Traurigkeit dann doch nicht mehr länger hinausschieben lässt, die zutiefst erschütternde Erfahrung des Todes einer Mutter in Szene setzen?

Sharon Eyal findet dafür ein ergreifendes Schluss-Pas-de-deux, das in seiner Intensität und Ausdrucksstärke alles übertrifft, was jedenfalls der Autor dieser Zeilen bis dahin auf einer Bühne gesehen hat. Immer wieder windet sich die verzweifelt gegen den sie in inniger Umarmung haltenden Tod kämpfende Tänzerin, stößt stumme Schreie aus, die ganz lautlos Wände zum Erzittern bringen könnten. Dann mischen sich Choräle in die nun wieder im Techno-Beat stampfende Musik, eine Begräbniskantate – John Taverner's „Funeral Canticle“ –, und weil all das in seiner Dramatik kaum zu ertragen wäre, tanzen die anderen drei Paare im Hintergrund dazu einen irrlichternden Kontrapunkt, hüpfen fröhlich im Takt, als würde nichts geschehen. Vielleicht aber auch, so denkt man sich nach dem dann sehr abrupt fallenden Vorhang, als wollten sie uns sagen: Das Leben geht weiter, selbst in der schwärzesten Nacht.

Sharon Eyal - Delay The Sadness
Sharon Eyal - Delay The Sadness, Foto: Robert Fischer

Text und Fotos: Robert Fischer

DELAY THE SADNESS
Choreographie: Sharon Eyal
Tänzer*innen: Darren Devaney, Juan Gil, Alice Godfrey, Johnny McMillan, Héloïse Jocquevile, Gregory Lau, Mikaela Kelly, Miriam Gittens
Co-Creator: Gai Behar
Licht & Technischer Direktor: Alon Cohen
Kostümdesign: Sharon Eyal,  Gai Behar in Zusammenarbeit mit Noa Eyal Behar
Originalmusik: Josef Laimon
Zusätzliche Musik von Khyaam Haque („Dance with Me, Maximilian“) und John Tavener („Funeral Canticle“)
Inspizienz: Clyde Emmanuel Archer

Eine Produktion von Sharon Eyal Dance in Koproduktion mit Ruhrtriennale, La Villette, Chaillot - théâtre national de la danse, TorinoDanza, Orsolina 28 Art Foundation, Montpellier Danse Festival, Sadler’s Wells, MART Foundation, Festspielhaus St. Pölten, Théâtre Sénart, Scène nationale, Les Nuits de Fourvière, Lyon

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