Paartherapie der feinsinnig(st)en Art - Daniel Erdmanns Thérapie de Couple im Münchner Jazzclub Unterfahrt (29.05.2026)
Von Robert Fischer
In der Liebe, so der US-amerikanische „Papst der Paartherapie“, John Gottman, geht es nicht um große Gesten: „Es sind die kleinen, unscheinbaren Dinge, die den Unterschied machen.“ Das ist ein Satz, den der in Wolfsburg geborene, viel zwischen Berlin und Frankreich pendelnde sowie seit einigen Jahren auch im nordfranzösischen Reims lebende Saxofonist, Flötist und Komponist Daniel Erdmann wohl unterschreiben könnte. Jedenfalls verzichtete er bei seinem Auftritt im Münchner Jazzclub Unterfahrt ganz auf große Gesten und überzeugte umso mehr mit dem feinsinnigen Geist, dem leise hintergründigen Humor und ja, der Liebe, die er spür- und hörbar in sein Spiel wie überhaupt in seine Musik einfließen lässt.
I wanna hold your hand, François
Solistisch hält sich Daniel Erdmann an diesem Abend eher zurück. Das kann er aber auch, denn zum einen weiß er als derjenige, der den Großteil der im Münchner Jazzclub Unterfahrt gespielten Stücke geschrieben und arrangiert hat, ohnehin alle Fäden in seiner Hand, und zum anderen verfügt er auf dem eigenen Instrument über einen Ton, dem man vermutlich sogar dann gern folgte, wenn er nur Tonleitern üben würde.
„Thérapie de Couple“ heißt das aktuelle Projekt, mit dem er in die Unterfahrt gekommen ist, ein mit Cello, Violine, Klarinette/Bassklarinette, Kontrabass, Saxofon und Schlagzeug ungewöhnlich besetztes Sextett, von dem man annehmen darf, dass es für den umtriebigen Musiker ein Herzensprojekt ist. Gegründet wurde es ursprünglich 2023 für die „Jazzahead!“ als dezidiert deutsch-französisches Ensemble: Paritätisch besetzt deshalb mit drei französischen (Hélène Duret, Klarinette und Bassklarinette; Théo Ceccaldi, Violine; Vincent Courtois, Cello) und drei deutschen (Eva Klesse, Schlagzeug; Robert Lucaciu, Kontrabass; Daniel Erdmann, Saxofon) MusikerInnen, hätte der dortige Auftritt ein singuläres Ereignis bleiben können. Tatsächlich gefiel das Ergebnis aber so gut, dass die Sechs ins Studio gingen, um das im April 2026 veröffentlichte Album „I wanna hold your hand, François“ aufzunehmen, dessen Titel an den historischen Handschlag von Helmut Kohl und François Mitterrand während einer Gedenkfeier für die Toten der beiden Weltkriege im französischen Verdun verweist. Was damals, 1984, ein im Bild rasch zur Ikone geronnenes Symbol für die deutsch-französische Aussöhnung war, ist heute für Daniel Erdmann ein fortdauernder Auftrag, denn das deutsch-französische Verhältnis bedarf immer mal wieder eines ermunternden Antriebs. Oder eben: einer Paartherapie.
Je ne parle pas Français
Daniel Erdmann, den vor rund 20 Jahren ein Stipendium des Deutsch-Französischen Kulturrats nach Frankreich führte, ist auch deshalb genau der richtige Mann für ein solches Projekt, weil von jemandem, der mal ein Album mit dem bezeichnenden Titel(stück) „Won’t Put No Flag Out“ veröffentlicht hat, anzunehmen ist, dass ihm nationale Anwandlungen gleich welcher Art eher fremd sind. Also interessiert es ihn erkennbar mehr, sich in beiden Kulturen und Traditionen frei zu bedienen, um daraus etwas zu formen, das sich weder hier noch dort klar verorten lässt, dafür aber (s)eine individuelle Handschrift offenbart. Was ihm auf dem Album schon mal sehr gut gelingt: Je öfter man die Stücke hört, desto mehr offenbaren sie ihren ganz eigenen Reiz. Doch wie klingt das Ganze nun auf der Bühne?
Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust
Kurze Antwort: besser. Oder etwas ausführlicher: noch besser. Bis auf den für Robert Lucaciu eingesprungenen Kontrabassisten Henning Sieverts steht auf der Bühne der Unterfahrt dasselbe Sextett, das auch das Album eingespielt hat. Im Verlauf des Abends bekommt man immer mehr den Eindruck, die von Daniel Erdmann sehr sorgfältig durchkomponierten, mit verführerischen Melodien lockenden und virtuosen Unisonopartien faszinierenden Stücke würden live als eine Art Sicherheitsnetz dienen, zu dem man jederzeit zurückkehren kann, nachdem man sich auf dem Trapez darüber zu solistischen Höhenflügen aufgeschwungen hat.
Gelegenheit zu solchen Höhenflügen bekommen alle Beteiligten, und jeder für sich weiß sie auch zu nutzen. Vincent Courtois spielt sein Cello vorwiegend mit dem Bogen und gern in so hohen Lagen, dass sich klangliche Überschneidungen mit Théo Ceccaldis ebenfalls ungemein virtuosem, sich in solchen Momenten aber auf perkussiv angedeutete Arpeggios beschränkendem Geigenspiel ergeben.
Hélène Durets Klarinettenspiel schöpft viel aus der reichen, auch folkloristischen Tradition ihres Instruments. Henning Sieverts ist seinerseits ein „mit allen Wassern gewaschener“ Kontrabassist, in den unterschiedlichsten Genres bewandert und mit der beneidenswerten Gabe ausgestattet, immer genau den richtigen Ton zu treffen – ob gruppendienlich zurückhaltend, ins musikalische Gespräch mit einem Duopartner vertieft oder solistisch glänzend. Eine Gabe, über die gleichermaßen auch die in jedem Umfeld beeindruckende Schlagzeugerin Eva Klesse verfügt.
Daniel Erdmann selbst braucht, siehe oben, in diesem Gruppenkontext vergleichsweise weniger solistischen Freiraum. Gern hört man ihm aber auch dabei zu, wie er charmant moderierend durch den vom Publikum mit ausdauerndem Applaus bedachten Abend führt: kleine Anekdoten zum „deutsch-französischen Hintergrund“ der Stücke, die mal an Louis de Funes, mal an Romy Schneider erinnern, aber auch an jene „Eva in Paris“, die zum ersten Mal in der französischen Hauptstadt ist, „natürlich“ auch gleich auf die Champs Élysées spaziert, wo sie einem schmucken Franzosen begegnet, dem sie sehr gerne zuhört, obwohl sie kein Wort versteht.
Als vehement eingeforderte Zugabe gespielt wird dann noch „Swing for Europe“, eine ältere Komposition von Daniel Erdmann und eine stimmige Ergänzung zur gelungenen Paartherapie dieses Abends. Denn: Auch die glücklichsten Paare leben ja nicht ganz allein auf der Welt …
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Daniel Erdmann, Foto: Robert Fischer -
Eva Klesse, Foto: Robert Fischer -
Hélène Duret, Foto: Robert Fischer -
Eva Klesse, Foto: Robert Fischer -
Hélène Duret, Foto: Robert Fischer -
Théo Ceccaldi, Foto: Robert Fischer -
Daniel Erdmann, Foto: Robert Fischer -
Eva Klesse, Foto: Robert Fischer -
Henning Sieverts, Foto: Robert Fischer -
Hélène Duret, Foto: Robert Fischer -
Théo Ceccaldi, Foto: Robert Fischer -
Théo Ceccaldi, Foto: Robert Fischer -
Vincent Courtois, Foto: Robert Fischer -
Vincent Courtois, Foto: Robert Fischer -
Henning Sieverts, Foto: Robert Fischer
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