Szymon Mika: „Ich will meinen inneren Klang in Musik übersetzen“ – ein Gespräch über das neue Album Agma

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Szymon Mika, Foto: Janusz Gawron

Der polnische Gitarrist und Komponist Szymon Mika zählt zu den spannendsten Stimmen der europäischen Jazzszene. In seinem neuen Album "Agma" zeigt er sich als feinsinniger Klangforscher und sensibler Bandleader, der mit seinen Mitmusiker:innen eine musikalische Welt zwischen Intimität, Energie und Mystik erschafft. Im Interview mit jazz-fun.de spricht er über seinen kreativen Prozess, die Herausforderungen der Studioaufnahme und seine Vision von künstlerischer Tiefe jenseits kommerzieller Oberflächen.

jazz-fun.de:
Dein neues Album erscheint gerade – was war die Hauptinspiration für dessen Entstehung?

Szymon Mika:
In erster Linie war es das Bedürfnis, meine eigene musikalische Sprache weiterzuentwickeln – das, was ich durch mein Spiel und meine Kompositionen ausdrücken möchte. Das ist ein Prozess, der wahrscheinlich nie zu Ende geht, aber ich habe das Gefühl, dass mich jede neue Produktion diesem Ziel ein Stück näherbringt. Sie hilft mir, meine innere Welt und meine Ideen in die Realität zu übersetzen – vielleicht eine der größten und wichtigsten Herausforderungen in der Kunst. Neben der Erkundung von Klang, Emotionen und Kompositionen war es mir auch wichtig, die Sensibilität der Musiker, mit denen ich spiele, hörbar zu machen. Das gesamte Material ist mit genau diesen Persönlichkeiten und dem spezifischen Instrumentarium im Kopf entstanden – das macht wirklich einen Unterschied.

jazz-fun.de:
Welche Emotionen und Geschichten wolltest du den Hörer:innen mit diesem Album vermitteln?

Szymon Mika:
Musik hat die wunderbare Fähigkeit, ganz unterschiedliche Emotionen zu transportieren – und dass ein Stück bei verschiedenen Menschen ganz unterschiedliche Reaktionen auslösen kann, finde ich etwas sehr Schönes. Ich möchte niemandem eine bestimmte Interpretation meiner Musik vorschreiben. Auf dem Album lassen sich sicherlich mystische Elemente finden – etwa im Stück „Sacred“, ebenso viel Sanftheit, besonders in der Titelkomposition „Agma“, aber auch viel Energie, wie in „Outline 26“ oder „Easy“.

jazz-fun.de:
Gibt es auf diesem Album neue Elemente in deinem Spiel oder deiner Kompositionsweise?

Szymon Mika:
Definitiv – auf diesem Album gibt es mehr ausgearbeitete Arrangements als auf all meinen bisherigen Veröffentlichungen. Ich wollte das volle Potenzial und die Klangfarben der Musiker, mit denen ich aufgenommen habe, ausschöpfen. Das wunderschöne Timbre von Oskar und die großartigen Möglichkeiten von Song Yi haben mir als Komponist neue Räume eröffnet. Die Trompete und die Stimme (die mit Ausnahme von „Cosmic Sand“ eher instrumental eingesetzt wird) erweitern und ergänzen häufig meine Gitarrenideen. Natürlich gibt es auch Raum für Improvisation. Mit diesem Ensemble – Song Yi, Oskar, Andrzej und Peter – kann man musikalisch in viele Richtungen gehen. Insgesamt ist das Album jedoch weniger der Versuch, etwas völlig Neues zu entdecken, als vielmehr der Ausdruck und die Festigung von etwas, das schon lange in mir gereift ist – sowohl kompositorisch als auch spieltechnisch.

jazz-fun.de:
Wie sieht dein Kompositionsprozess aus? Beginnt er mit einer Melodie, Harmonie oder einem Rhythmus?

Szymon Mika:
Bei Agma hatte jeder Song einen anderen Ausgangspunkt. „Sacred“ entstand aus einer einfachen Melodie, die ich dann weiterentwickelte, harmonisierte und rhythmisch bearbeitete. „Agma“ begann mit einer Akkordfolge. „Outline 26“ basiert auf einer theoretischen Idee – ich wollte ein Stück schreiben, das sich auf Coltranes „26-2“ und mein früheres Werk „Togetherness“ bezieht. „Wire Face“ entstand schon vor einiger Zeit – hier war der Ausgangspunkt ein Bass-Riff. Und „Night Waltz“ basiert im Wesentlichen auf einem wiederholten Arpeggio und einer Gitarrenharmonie.

jazz-fun.de:
Arbeitest du lieber allein oder inspirieren dich eher Kollaborationen mit anderen Musiker:innen?

Szymon Mika:
Ich brauche beides. Ich verbringe viel Zeit allein mit Üben und Komponieren, aber die Zusammenarbeit mit anderen – ihre Sensibilität, Ideen und Energie – ist für mich ebenso wichtig. Sie inspiriert und motiviert mich. Ich liebe es, mit Menschen zu spielen.

jazz-fun.de:
Welche Herausforderungen gab es bei der Aufnahme dieses Albums?

Szymon Mika:
Die größte Herausforderung war, das gesamte Material innerhalb von zwei Tagen aufzunehmen – ohne vorherige Proben. Wir haben uns direkt im Studio getroffen, dort die Stücke kennengelernt und sofort aufgenommen. Das war zwar anspruchsvoll, lief aber sehr gut – wir haben sogar mehr Musik aufgenommen, als letztlich auf die Platte kam. Ich musste mich auch daran erinnern, wie es ist, bei einer Aufnahme als Bandleader zu agieren – das ist emotional wie organisatorisch herausfordernd. Meine bisherigen Projekte waren Solo- oder Kammermusikformate – ein Quintett ist eine ganz andere Dimension. Ich wusste, dass das Material gut vorbereitet und notiert sein muss, weil keine Zeit für Änderungen bleiben würde. Aber genau dieses Vorgehen hat auch Vorteile – jeder bringt frische Energie mit, und die Konzentration in solchen Momenten kann zu überraschenden Ergebnissen führen, die sich vom eingespielten Konzertmaterial unterscheiden.

jazz-fun.de:
Welche Gitarren und Effekte benutzt du bevorzugt? Gibt es auf dem neuen Album neue Klangfarben?

Szymon Mika:
Ich spiele hauptsächlich auf meiner halbakustischen E-Gitarre. In zwei Stücken verwende ich eine akustische Gitarre und in einem – eine kleine Oktavgitarre. Bei den Effekten kommen Overdrive, Delay, Reverb und Bitcrusher zum Einsatz – aber die wichtigste Klangquelle bleibt für mich immer das Spiel selbst und die Artikulation.

jazz-fun.de:
Gibt es Gitarrist:innen, Musiker:innen oder Komponist:innen, die dich aktuell besonders inspirieren?

Szymon Mika:
Auf jeden Fall. Keith Jarrett, Kenny Wheeler, John Taylor, Blake Mills, The Smile, Chris Thile (und Punch Brothers), Adrianne Lenker, Avishai Cohen (Trompete), Guinga, Guillermo Klein, Brad Mehldau. Was Jazzgitarristen betrifft, inspirieren mich seit Jahren Ralph Towner, Wolfgang Muthspiel, Nelson Veras, Scofield, Frisell, Julian Lage, Lionel Loueke… Die Liste ist lang und verändert sich ständig.

jazz-fun.de:
Wie schätzt du den Zustand der polnischen Jazzszene ein? Gibt es etwas, das dich besonders freut oder überrascht?

Szymon Mika:
Wir haben in Polen auf jeden Fall eine beeindruckende Zahl großartiger Musiker:innen – aus allen Generationen – das handwerkliche Niveau ist sehr hoch. Das zeigt sich auch bei sehr jungen Künstler:innen. Leider macht mir der Zustand der Szene selbst in letzter Zeit Sorgen – die Kultur scheint zunehmend unterfinanziert, viele Jazzveranstaltungen sind rein kommerziell ausgerichtet und haben wenig mit künstlerisch eigenständiger Musik zu tun. Aus Jazz seichte Unterhaltung zu machen, interessiert mich persönlich nicht – ich glaube nicht, dass sich auf diesem Weg etwas Nachhaltiges, Tiefgründiges und Wertvolles aufbauen lässt. Ich hoffe, das ändert sich wieder, und Musiker:innen bekommen erneut die Möglichkeit, ihre künstlerischen Visionen auf Festival- und Clubbühnen zu verwirklichen – an solchen Orten mangelt es in Polen ja nicht.

jazz-fun.de:
Was sind deine nächsten Konzertpläne und Projekte?

Szymon Mika:
In diesem Jahr konzentriere ich mich auf Konzerte unter meinem eigenen Namen – Soloauftritte, Trio-Formationen und natürlich Auftritte mit dem Quintett von Agma. Ich bin sehr gespannt, wie sich das Material live weiterentwickeln wird. Außerdem denke ich bereits über ein neues Album nach – erste Ideen gibt es schon, aber ich möchte mir Zeit nehmen, um sie zu reflektieren und ein stimmiges Konzept auszuarbeiten.

jazz-fun.de:
Gibt es einen musikalischen Traum, den du dir noch erfüllen möchtest?

Szymon Mika:
Unbedingt. Einer meiner größten Träume ist es, regelmäßig mit meinen eigenen Projekten aufzutreten – sowohl in Polen als auch international. In der heutigen Zeit ist das eine große Herausforderung, aber ich glaube fest daran, dass sich der Einsatz dafür lohnt.

Aktuelles Album:
Szymon Mika - Agma

Das Gespräch führte Jacek Brun
Foto: Janusz Gawron

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