International Women’s Day 2026: European Jazz Magazines präsentieren 8 aufstrebende Jazzmusikerinnen
Eleanna Pitsikaki - International Women’s Day – Milestones IWD 2026
Artist: Eleanna Pitsikaki
Magazine: jazz-fun.de
Eleanna Pitsikaki – Herkunft, Erinnerung und die Klangwelt ihres Albums „Aroma“
Wenn Musik atmet – Herkunft, Erinnerung und die leise Kraft von Aroma
Manchmal genügt ein einzelner Klang, um eine ganze Landschaft heraufzubeschwören. Ein Nachhall, der nicht endet, sondern weiterzieht – wie ein Duft, der in der Luft bleibt, lange nachdem der Mensch, der ihn getragen hat, verschwunden ist. Die Musik von Eleanna Pitsikaki bewegt sich genau in diesem Zwischenraum: zwischen Nähe und Ferne, Erinnerung und Gegenwart, Herkunft und Freiheit.
Mit ihrem Debütalbum Aroma legt die in Deutschland lebende griechische Musikerin ein Werk vor, das sich jeder schnellen Einordnung entzieht. Jazz, mediterrane Klangtraditionen, transkulturelle Improvisation – all das ist präsent, aber nie als Konzept. Vielmehr wirkt diese Musik wie etwas, das gewachsen ist. Oder, wie Pitsikaki selbst sagt:
„Die Musik auf Aroma war nichts, was ich geplant hätte – sie ist ganz natürlich entstanden, wie der Duft des Meeres, den der Wind trägt.“
Kreta als Ursprung – und als innere Landschaft
Eleanna Pitsikaki wächst auf Kreta auf, einer Insel, auf der Musik nicht nur kulturelle Praxis, sondern Teil des Alltags ist. Landschaft, Mythos, Ritual und Klang greifen ineinander. „Wo Sonne und Meer Legenden gebären“, findet sie früh Zugang zu musikalischen Traditionen, die stark mit Ort und Gemeinschaft verbunden sind.
Bemerkenswert ist, dass ihr zentrales Instrument – das Qanun – nicht zu den typischen Instrumenten der kretischen Volksmusik gehört. Und doch wird es für sie zum eigentlichen Sprachrohr. Schon früh beginnt sie, byzantinische Klangwelten mit dem osmanischen Maqam-System zu verbinden, lange bevor Jazz eine Rolle spielt. Improvisation ist dabei von Beginn an selbstverständlich.
Später, als sie sich intensiver mit Jazz auseinandersetzt, entdeckt sie weniger einen Bruch als vielmehr eine Erweiterung. Jazz wird für sie zu einem Raum der Freiheit, nicht der Abkehr. „Dort, wo der Jazz von Freiheit flüstert, wo mediterrane Melodien von Salz, Sonne und Sehnsucht erzählen“, entstehen ihre musikalischen Koordinaten.
Das Qanun – ein Instrument zwischen Jahrhunderten
Im zeitgenössischen Jazz ist das Qanun eine Ausnahmeerscheinung. Für Pitsikaki ist es jedoch kein exotischer Fremdkörper, sondern ein Instrument mit erstaunlicher Nähe zur Improvisationskultur des Jazz.
„Das Qanun war für mich immer eine Brücke zwischen Welten – zerbrechlich, schimmernd und grenzenlos“, beschreibt sie ihre Beziehung zu diesem Instrument.
Seine Geschichte reicht weit zurück – von antiken Proportionslehren bis zu byzantinischen und osmanischen Musikkulturen. Für Pitsikaki ist genau diese Vielschichtigkeit entscheidend. „Es gehört zu vielen Ländern und Kulturen. In unserer traditionellen Musik gibt es viel Improvisation – wie im Jazz. Beide sind ähnlich und doch ganz verschieden.“
In dieser Spannung findet sie ihre künstlerische Freiheit.
Auf Aroma wird das Qanun nicht als folkloristisches Zeichen eingesetzt, sondern vollständig in eine zeitgenössische Klangsprache integriert. Es improvisiert, reagiert, atmet – lernt, anders zu sprechen.
Aroma – Musik als Duft, Erinnerung und Bewegung
Der Albumtitel ist bewusst gewählt. Aroma steht für etwas Unsichtbares, Flüchtiges, das dennoch eine enorme Wirkung entfalten kann. „Ich wollte zeigen, dass Identität kein fester Ort ist, sondern ein Duft – flüchtig, zart und lebendig“, sagt Pitsikaki. Genau diese Idee zieht sich durch das gesamte Album.
Die Stücke entfalten sich langsam, schichtweise. Nichts drängt, nichts erklärt sich selbst. Pausen sind nicht Leerräume, sondern Bedeutungsträger. „Für mich muss Musik atmen wie ein lebendiges Wesen – mit Stille, mit Puls, mit Raum zum Träumen.“
Diese Haltung prägt sowohl die Arrangements als auch die Improvisationen. Es geht nicht um Virtuosität als Selbstzweck, sondern um Vertrauen – in den Moment, in die Mitmusiker:innen, in das Unausgesprochene.
In der jazz-fun-Rezension wurde diese Musik als „organisch fließend, frei von Künstlichkeit – sie atmet“ beschrieben. Dieses Atmen ist kein Effekt, sondern eine Haltung.
Orte, Erinnerung und das Erzählen ohne Worte
Mehrere Stücke auf Aroma sind eng mit konkreten Orten verbunden. Besonders eindrücklich ist „Faraggi“, inspiriert von den Schluchten Kretas. Entstanden während Spaziergängen im Jahr 2020, übersetzt das Stück die stille Größe dieser Landschaften in Klang. Echoartige Motive, weite Bögen, ein ruhiger, aber kraftvoller Puls – Musik als innere Topografie.
„Ort und Erinnerung sind ein wesentlicher Teil von mir – sie sind Teil meines Aroma“, erklärt Pitsikaki. Ihre Musik gleicht einem Rucksack voller Erfahrungen: Griechenland, Deutschland und all die Wege dazwischen. „Meine Musik ist wie eine Brise, die von den Bergen Kretas bis an die Ufer des Mains weht.“
Auch Abschied ist ein zentrales Motiv. In „Apocheretismos“ interpretiert sie ein traditionelles kretisches Lied des Abschieds, verbunden mit der Stimme des verstorbenen Kostas Mountakis. Es ist ein Stück über Weggehen, über Loslassen – und über das Weitertragen von Erinnerung.
Ein Ensemble als Gespräch
Die Besetzung des Albums ist ebenso ungewöhnlich wie konsequent: Qanun , Kaval, Keyboards, E-Bass und Schlagzeug. Keine Hierarchie, kein klassisches Lead-Instrument. Stattdessen ein gleichberechtigtes Gespräch.
„Ich wollte einen Klang, der sich frei bewegen kann – geerdet und offen zugleich“, sagt Pitsikaki. Der Kaval bringt Atem und Nähe zur Volksmusik Südosteuropas, Bass und Keyboards schaffen harmonische Tiefe, das Schlagzeug verbindet Puls und Gegenwart. Jede Stimme erhält Raum.
„Diese Besetzung schafft Raum fürs Zuhören, Reagieren und spontanes Erzählen.“ Genau darin liegt die Stärke dieses Ensembles: Es begleitet nicht, es erzählt gemeinsam.
Zwischen Bühne, Forschung und transkulturellem Dialog
Parallel zu ihrer musikalischen Arbeit ist Eleanna Pitsikaki auch akademisch und kulturell aktiv. Sie unterrichtet, forscht, promoviert an der Musikhochschule Mainz und engagiert sich in transkulturellen Netzwerken. Diese Arbeit ist kein Gegensatz zur Kunst, sondern Teil ihres Fundaments.
„Forschung eröffnet mir neue Perspektiven, Geschichten und Methoden, die ich kreativ verarbeite.“ Das Denken über Musik vertieft das Spielen – ohne es zu kontrollieren. Austausch, Dialog und Offenheit werden so auch außerhalb der Bühne gelebt.
Eine leise, aber nachhaltige Stimme
Mit ihrem Album Aroma, erschienen bei Timezone Records und mit Hilfe und Beratung von Marita Goga – Music Arts Conception, präsentiert sich Eleanna Pitsikaki als eine der bemerkenswertesten neuen Stimmen der europäischen Jazzlandschaft.
Ihre Musik ist nicht laut, nicht demonstrativ. Sie wirkt nachhaltig – wie ein Duft, der bleibt. Oder, wie sie es selbst formuliert: Sie hofft, dass die Hörer:innen nach dem ersten Hören denken:
„Das war so schön … wir müssen sie live sehen.“
Ein Wunsch, der weniger wie Marketing klingt als wie eine Einladung. Eine Einladung zum Zuhören, zum Erinnern – und zum Atmen.
Aktuelles Album:
Eleanna Pitsikaki - Aroma
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