Esther Kaiser: „Musik kann uns zum freieren Atmen bringen“
Von Jacek Brun
Atmen geschieht meist unbewusst – solange das Leben seinen gewohnten Gang nimmt. Erst wenn etwas ins Wanken gerät, wird der Atem spürbar. Für Esther Kaiser liegt genau darin ein musikalischer Ausgangspunkt: Atem als innerer Puls, als Rhythmus, als körperliche Erfahrung und zugleich als Metapher für Nähe, Freiheit und Verbundenheit.
Auf ihrem neuen Album „Breathing“ verbindet sie Gesang und Spoken Word mit einer transparenten, kammermusikalischen Klangsprache. Gemeinsam mit Alexander Wienand und weiteren Musikerinnen und Musikern entsteht ein offener Raum, in dem jede Stimme hörbar bleibt und die Musik zwischen Intimität, gesellschaftlicher Reflexion und improvisatorischer Freiheit atmen kann.
Im Interview mit jazz-fun.de spricht Esther Kaiser darüber, wie Kompositionen aus Bildern, Empfindungen und musikalischen Ideen entstehen, warum auch gesellschaftliche Spannungen Teil ihrer Kunst sind und weshalb künstlerische Entwicklung für sie vor allem eines braucht: Geduld und einen langen Atem. Gerade in einer Zeit, in der oft das Ergebnis stärker zählt als der Prozess, setzt sie auf Stille, Raum und feine Linien.
jazz-fun.de:
Esther, der Atem ist etwas so Selbstverständliches, dass wir ihn im Alltag kaum bewusst wahrnehmen. Was war für Dich der Moment, in dem Du gespürt hast: Daraus kann ein ganzes Album entstehen?
Esther Kaiser:
Ja, solange alles seinen gewohnten Gang geht, nimmt man den Atem als solchen gar nicht wahr, „es“ atmet sozusagen ganz natürlich in einem… erst in Momenten, wo Bewegung geschieht, wo das Leben einen auch mal schüttelt und man aus der Komfort-Zone heraus treten muss, dann spürt man den Atem und die Notwendigkeit des bewussten Atmens…
Und genau in solchen Situationen entsteht bei mir oft Musik; Musik ist wie ein Raum, in dem ich Dinge die mich bewegen für mich erstmal sortieren und ausdrücken kann. Ausserdem ist der Atem ja auch eng mit dem Herzschlag verbunden - wie ein innerer Puls und Rhythmus. Das und auch das Atmen als musikalische Metapher hat mich als übergreifendes Album-Thema interessiert.
jazz-fun.de:
„Breathing“ versteht den Atem nicht nur körperlich, sondern auch als Bild für Freiheit, Nähe, Leben und Verbundenheit. Welche dieser Ebenen war für Dich beim Schreiben am wichtigsten – oder gehören sie untrennbar zusammen?
Esther Kaiser:
Ja, sie gehören für mich schon zusammen, v.a. Nähe, Leben und Verbundenheit. Die Freiheit steht da vielleicht ein wenig für sich… aber wenn man es näher bedenkt, dann ist ein frei fliessender Atem auch eine Voraussetzung für Nähe, Verbundenheit und natürlich für Lebendigkeit. Politisch und Humanistisch betrachtet ist das freie Atmen ja ohnehin ein grosses und starkes Symbol, was auch die #blacklifesmatter Bewegung nochmal sehr stark ins Bewusstsein der Menschen gebracht hat, man denke an die Worte „I can´t breathe“ von George Floyd in Minneapolis.
jazz-fun.de:
Der Atem ist zugleich etwas höchst Intimes und etwas, das alle Menschen miteinander verbindet. War genau diese Spannung zwischen Individualität und Gemeinsamkeit ein Ausgangspunkt für das Album?
Esther Kaiser:
Ja, und es ist auch eine Klammer für das Album - manche Stücke behandeln ja ganz intime und persönliche Themen wie z.B. „Learning to breathe“ und „The Old House“ und manche schauen mehr auf´s Kollektiv, z.B. „She Said“ oder auch „The Girl who is still standing“. Und in manchen Stücke spiegelt sich das Atmen einfach nur im Klang, sozusagen im gemeinsamen Atmen der Band.
jazz-fun.de:
Gemeinsam mit Alexander Wienand entwickelst Du auf dem Album eine sehr offene, transparente Klangsprache. Wie hat sich Eure Zusammenarbeit entwickelt, und was macht ihn für Dich zu einem so wichtigen musikalischen Partner?
Esther Kaiser:
Alexander und ich haben viele Überschneidungspunkte in der Art wie wir Musik auffassen - wir gehen beide erstmal sehr offen und wertungsfrei an Stücke heran und sind neugierig darauf, was wir darin entdecken können… Ich würde sagen, eine positive Grundhaltung und eine grosse musikalische Gestaltungslust verbindet uns… wir sind beide neben dem Jazz auch von klassischer und neuer Musik geprägt und schätzen eine gewissermassen genreübergreifende Herangehensweise. Ausserdem liebe ich Alex´ Klangsprache, er ist für mich einer der spannendsten Jazzpianisten auf der deutschen Szene momentan, der aber nicht durch äusseren „Budenzauber“ überzeugt sondern durch Tiefgang und auch durch seine leisen feinen Töne und Ideen.
jazz-fun.de:
Mit Flöte, Kontrabass und Klavier entsteht ein kammermusikalischer Raum, in dem jede Stimme sehr deutlich hörbar bleibt. Wie bewusst hast Du diese Instrumentierung gewählt – gerade auch im Hinblick auf die Flöte, deren Klang selbst unmittelbar aus dem Atem entsteht?
Esther Kaiser:
Ich liebe einfach kammermusikalische Besetzungen wo alles transparent miteinander in Wechselwirkung ist… und die Flöte ist natürlich prädestiniert für das Thema „Atem“!
Als wir uns für diese Besetzung entschieden haben, war es aber noch nicht klar, dass unser Albumtitel „BREATHING“ sein würde - der Titel hat sich dann mehr aus der Musik und der Besetzung und auch aus den Stücken heraus ergeben… das ist oft so in meinem künstlerischen Prozess - zuerst kommt die Musik, dann entwickelt sich der Rest von selbst… Und das ganze Bild lüftet sich dann sozusagen im Prozess!
jazz-fun.de:
Deine Stimme bewegt sich auf dem Album zwischen Gesang und Spoken Word. Was kann das gesprochene Wort ausdrücken, was im Gesang vielleicht nicht auf dieselbe Weise möglich wäre?
Esther Kaiser:
Das gesprochene Wort wirkt im Zusammenhang mit gesungenen Lyrics manchmal eindringlicher, gerade auch im Kontrast zum Singen… meist wähle ich „Spoken Words“ wenn ich einen lyrischen Text oder ein Gedicht in ein Stück integriere, weil ich dadurch inhaltlich noch etwas mir Wichtiges aussagen möchte… Das Sprechen kann kraftvoll aber auch zart, zerbrechlich sein. Teils können die Wörter auch geloopt und übereinander geschichtet werden, aber sie bleiben trotzdem verständlich, auch wenn sie Wort-Sound-Textur sind… klar ist, dass es beim Spoken Word immer mehr um den Inhalt, die Message geht… beim gesungenen Text können die Zuhörer manchmal auch abschalten und nur auf den Klang und die Melodie hören… Da haben sie sozusagen die Wahl…
jazz-fun.de:
Stücke wie „Strong Winds“, „The Old House“ oder „Gnome Scene“ scheinen ganz unterschiedliche Formen von Atem und Bewegung zu verkörpern. Entstehen solche Kompositionen zuerst aus einem Bild, einem Text, einer musikalischen Idee – oder aus einem körperlichen Empfinden?
Esther Kaiser:
Das ist eine sehr schöne und spannende Frage… Und das kann je nach Komposition ganz unterschiedlich sein… „The Old House“ ist nach einem Bild, einem Traumbild sozusagen entstanden; das Stück protokolliert im Grunde einen Traum, der sich sehr real angefühlt hat.
„Strong Winds“ ist mehr aus einer Empfindung heraus entstanden, ich hab mich ans Klavier gesetzt und bin den Klängen und einer inneren Melodie gefolgt und dann hat sich Stück für Stück der Song ergeben. Das war also mehr eine musikalische Idee, die da raus wollte. Und „Gnome Scene“ ist eine Komposition von Alexander, für die ich den Text geschrieben habe; dabei hat mich so eine Mischung aus Bild und körperlicher Empfindung geleitet. Eine Szene wie von der Wallstreet, ein bisschen auch wie im Dave Frishberg Song „Wheelers and Dealers“: Erfolgs- und geldorientierte Männer in Anzügen fühlen sich wichtig und sind gleichzeitig ganz unsichere, verlorene Wesen, die ein Spiel mitspielen müssen was Ihnen die Gesellschaft diktiert .. auch ein wenig „Kafkaesk“ vielleicht.
jazz-fun.de:
Gerade „Gnome Scene“ wird als gesellschaftskritischer Moment beschrieben, in dem der Atem gewissermaßen stockt. Wie wichtig ist Dir, dass Musik nicht nur Schönheit und Offenheit vermittelt, sondern auch auf gesellschaftliche Spannungen reagieren kann?
Esther Kaiser:
Ja, ich finde, Musik darf die ganze Palette des Lebens spiegeln und dazu gehören nun mal auch Zustände die nicht so schön oder friedlich sind; Da kann man wieder das Bild vom Atem nehmen - Tension-Release, oder Einatmen - Ausatmen… Musik hatte ja zu allen Zeiten immer schon die Funktion, auch Protest und Rebellion oder Schmerz und Verzweiflung zu reflektieren… wie ein Katalysator für Dinge in der äusseren Welt. Denn Musik gehört für mich zum grossen Teil zur inneren Welt, da entsteht sie zumindest. Und mit Musik kann man Intensitäten ausdrücken, wo Sprache niemals hinkommt … ähnlich auch wie in der Malerei, in Skulpturen oder in der Photographie.
jazz-fun.de:
Deine Diskografie zeigt immer wieder gesellschaftliches Engagement – von Songs of Courage über WATER bis zu Breathing. Hat sich Dein Verständnis davon verändert, welche Verantwortung eine Künstlerin mit ihrer Musik übernehmen kann oder sollte?
Esther Kaiser:
Naja, es fängt eigentlich für mich damit an, dass ich nur über das singen möchte, was mich auch bewegt und interessiert. Und das sind - neben den inneren Dingen, den eigenen Gefühlen usw. eben auch die Geschehnisse in der Welt, von der wir ja alle ein Teil sind.
Nina Simone hat das in ihrem Text „An Artist´s duty“ gut formuliert, das resoniert sehr mit mir; sie sagt u.a.: „An artist's duty, as far as I'm concerned, is to reflect the times. I think that is true of painters, sculptors, poets, musicians. As far as I'm concerned, it's their choice, but I CHOOSE to reflect the times and situations in which I find myself. That, to me, is my duty.“
Für mich ist es aber vor allem wichtig, dass die Dinge die ich in meiner Musik verarbeite authentisch empfunden werden müssen, dass man also nur das reflektiert, was einen wirklich bewegt. Und das ist natürlich in dem Moment dann immer auch eine freie Wahl.
jazz-fun.de:
Du arbeitest seit vielen Jahren auch als Professorin für Jazzgesang. Hat die intensive Beschäftigung mit jungen Sängerinnen und Sängern Deinen eigenen Blick auf Stimme, Atem und musikalischen Ausdruck verändert?
Esther Kaiser:
Ja, auf jeden Fall. Auch die Erkenntnis dass man - wie auch beim Atmen - nichts erzwingen kann sondern in vielen stimmlichen und auch künstlerischen Prozessen viel Geduld haben muss. Dies ist in der heutigen Zeit von Social Media nicht immer leicht, gerade für die jungen Sänger und Sängerinnen. Oft wird vom Ergebnis und nicht vom Prozess her gedacht. Kunst und Musik sind für mich aber v.a. ein Prozess. Und da braucht man oft einen „langen Atem“.
jazz-fun.de:
„Breathing“ lebt stark von Raum und Zurückhaltung. Ist es heute schwieriger geworden, Musik zu machen, die nicht ständig Aufmerksamkeit fordert, sondern dem Publikum Zeit und Stille zumutet?
Esther Kaiser:
Absolut. Da beziehe ich mich auch nochmal auf meine Antwort auf die vorige Frage - Stille, Zeit, Raum … das erfordert Geduld und auch ein Sich-Einlassen, eine gewisse Unaufgeregtheit - und v.a. Geduld… das Gegenteil von Sensation und die Jagt nach der schnell erhältlichen Virtuosität… Das heisst aber nicht, dass Zurückhaltung nicht auch manchmal viel Virtuosität erfordert…Leise Töne, feine Linien - da muss man lange für arbeiten, damit das dann am Ende leicht und locker rauskommt… Im Endeffekt glaube ich aber, dass viele Leute heute auch wieder diesen Raum suchen, eine Authentizität in der sie sich wiederfinden können.
jazz-fun.de:
Wenn jemand dieses Album hört und danach für einen Moment bewusster atmet – wäre das bereits eine Form von Wirkung, die Du Dir für Breathing wünschst? Oder hoffst Du auf etwas, das noch darüber hinausgeht?
Esther Kaiser:
Oh, das wäre schon sehr schön, wenn meinen Musik jemanden zum freieren, bewussten Atmen bringen könnte… ich denke, meine Musik - und Musik generell - kann bei den Menschen ganz viel Unterschiedliches bewirken und was auch immer da kommt, ist in Ordnung… es kann auch jeden Tag anders sein wie ein Song auf einen wirkt… Wie gesagt, da ist Musik ja auch oft Spiegel des eigenen inneren Zustands. Und ich denke, auf unserem neuen Album sind so viele verschiedene Dynamiken und Atmosphären und „Arten des Atmens“ zu finden, da kann man es sich dann aussuchen, was gerade für einen passt und was einen in dem Moment abholt …
jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Album von Esther Kaiser & Alexander Wienand "Breathing" finden Sie hier.
Weitere Informationen zu Esther Kaiser finden Sie in der Biografie.
Über den Autor
Jacek Brun ist Gründer und Herausgeber von jazz-fun.de sowie seit vielen Jahren als Journalist, Fotograf und Jazzförderer aktiv. Sein Netzwerk reicht von Künstlern und Festivals bis zu Medienpartnern in ganz Europa.
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