Klanglandschaften und lyrische Entfaltung: Fabienne Ambuehl im Interview

Fabienne Ambuehl,
Fabienne Ambuehl, Foto: Kirill Kuletski

Fabienne Ambuehl, die in London lebende Pianistin, Sängerin und Komponistin, verbindet in ihrer Musik die Ruhe des Waldes mit der Energie der Großstadt. Ihre lyrischen Kompositionen, die von Jazz, Folkmusik und Dichtkunst inspiriert sind, zeichnen sich durch melodische Raffinesse und rhythmische Tiefe aus.

Anlässlich der Veröffentlichung ihres neuen Albums "Thrive" haben wir die vielseitige Künstlerin getroffen und ihr einige spannende Fragen zu ihrer Musik, ihren Einflüssen und ihrem kreativen Schaffensprozess gestellt.

jazz-fun.de:
"Thrive" ist sehr atmosphärisch und vielschichtig. Was hat Dich zu diesem Album inspiriert?

Fabienne Ambuehl:
Grundsätzlich sind alle Stücke auf die eine oder andere Weise von der Natur inspiriert. Seit meiner Kindheit ist sie für mich eine Quelle der Ruhe und Kraft, auch jetzt, wo ich in der Großstadt lebe. Das Titelstück “Thrive” entstand, als ich mich in Geduld übte und versuchte, das Öffnen einer Blüte mit bloßem Auge zu erfassen. Danach habe ich mich lustiger Weise, ganz im Sinne unserer Zeit, würde ich sagen, hingesetzt und verschiedene solcher Videos im Zeitraffer, also in einer schnelleren Version, angeschaut, um dann bewusst zu versuchen, die langsame, reale Version in Musik umzusetzen. Erst später kam das Gedicht “Self-pity” von DH Lawrence dazu, das einen kleinen Vogel beschreibt, der erfroren von einem Ast fällt, ohne sich vorher selbst bemitleidet zu haben.
Obwohl die Dankbarkeit für die Natur, aber auch die Sorge um sie viele Stücke auf Thrive beeinflusst hat, beschäftige ich mich in den Liedern auch mit Fragen des menschlichen Zusammenhalts und Zugehörigkeitsgefühlen.

jazz-fun.de:
Wie hat sich der Kompositionsprozess für dieses Album im Vergleich zu Deinen früheren Werken verändert?

Fabienne Ambuehl:
Mein Kompositionsprozess hat sich im Vergleich zum Vorgänger nicht wesentlich verändert, aber es sind mehr Stücke mit mehr Gesang und Text hinzugekommen, und ich denke, dass es auf dem nächsten Album noch mehr sein werden. Anders als bei Glitterwoods habe ich vor allem in den letzten Wochen vor den Aufnahmen in Co-Produktion mit meinem Bassisten Matt Ridley gearbeitet. Gemeinsam haben wir sozusagen an den Stücken gefeilt, an der Dramaturgie gearbeitet und auch hier und da umarrangiert, um ein möglichst rundes Album zu erhalten. Die Arbeit war sehr spannend und es war schön zu sehen, mit welcher Hingabe sich Matt der Musik gewidmet hat. Auf jeden Fall war es ein spannender Lernprozess, auch in Bezug auf die Erkenntnis, dass man manchmal vielleicht eine klarere Vorstellung davon hat, welchen Ausdruck und Klang man in der eigenen Musik anstrebt, als man selbst bisher angenommen hat.

jazz-fun.de:
Gibt es ein Stück auf dem Album, das Dir besonders am Herzen liegt? Warum?

Fabienne Ambuehl:
Ja, in der Tat “Thrive”. Ich glaube, das Schreiben und auch das Spielen dieses Stückes ist für mich wie ein Beruhigungsmittel, eine Art Entschleunigung in der Hektik der heutigen Zeit. Sehr am Herzen liegt mir auch das Stück “Mountain”, das es zwar nicht auf diese Aufnahme geschafft hat, aber vielleicht auf der nächsten seinen Platz finden wird. Inspiriert wurde diese Komposition durch den Text des "California Poem" von Johnny Cash.

jazz-fun.de:
Welche Künstler:innen oder musikalischen Strömungen haben Dich in letzter Zeit besonders inspiriert?

Fabienne Ambuehl:
Ich bin fasziniert von der unglaublichen Fülle und Tiefe in Becca Stevens' Songwriting und finde es spannend, ihre Entwicklung und Offenheit im Umgang mit ihrer eigenen "Stimme in der Welt des Jazz und der Singer/Songwriter" über die Jahre zu beobachten. Im Moment höre ich viel Geri Allen, Craig Taborn und die Sängerin Cecile McLorin Salvant und immer wieder Fred Hersch. Ich finde auch die Sängerin Lauren Kinsella und den unglaublichen Pianisten Kit Downes faszinierende Musikerpersönlichkeiten.

jazz-fun.de:
Wie gehst Du beim Songwriting vor? Entwickelst du zuerst eine Melodie, eine Harmonie oder ein bestimmtes Gefühl?

Fabienne Ambuehl:
Meine Herangehensweise ist eigentlich von Stück zu Stück sehr unterschiedlich und sehr intuitiv. Manchmal ist es ein Gefühl, eine Erinnerung, ein Ort, der mich zum Schreiben inspiriert, manchmal ist es aber auch das Gefühl “ok, ich muss ein neues Stück schreiben”. Ich komponiere fast ausnahmslos auf dem Instrument und meistens ganz ohne Computer. Mein Auge für Details ist auch beim Komponieren ein Teil von mir (nicht immer positiv) und so lege ich Wert auf die Differenzierung von Melodien und Formen.

jazz-fun.de:
In Deiner Musik vermischen sich oft verschiedene Genres. Gibt es einen musikalischen Bereich, den Du in Zukunft noch mehr erforschen möchtest?

Fabienne Ambuehl:
Das mit den Genres ist mir vielleicht selbst nicht so bewusst, aber ich denke, es ist manchmal ein Hauch von der Vielfalt der Musik, die mich berührt, wenn ich meine Kompositionen höre. Viele haben gesagt, dass es vor allem mein Gesang ist, den man nicht wirklich einem Genre zuordnen kann. Das finde ich gar nicht so schlecht, denn gerade stimmlich mag ich es, mich ausprobieren zu können, und dass der Jazz genau das ermöglicht. Ich habe viele neue Stücke hier, einige gehen immer mehr in Richtung Vocal-Jazz oder soll ich sagen Song-Jazz. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt, ich kann mich jetzt noch nicht festlegen.

jazz-fun.de:
Du arbeitest mit großartigen Musiker:innen zusammen. Wie wählst du Deine Kollaborationspartner aus?

Fabienne Ambuehl:
Mit Matt und Jon arbeite ich schon lange im Trio zusammen und bin immer wieder von Jon Scotts unglaublicher Dynamik und Kreativität beeindruckt. Ich habe Matts eigene Band oft gehört und auch dort Ähnlichkeiten zu meiner Musik entdeckt. In seinem Bassspiel habe ich die dunkle, groovende Basis gefunden, die ich gesucht habe, und sein Engagement für die Musik und die Band ist wirklich wertvoll. Tom Ollendorffs Sound und sein musikalischer Ansatz haben mich so berührt, dass ich ihn einfach gefragt habe, ob er als Gast auf dem Album mitspielen möchte, und Ant Laws hochvirtuoses und gleichzeitig sehr sensibles, wandlungsfähiges Spiel fasziniert mich schon lange, so dass ich auch ihn gefragt habe, weil ich genau diesen Sound für “New Ones” gesucht habe. Es macht sehr viel Spaß, mit diesen hervorragenden Musikern live zu spielen, so dass wir jetzt meistens im Quartett spielen und ich freue mich auf alles, was mit dieser Band noch kommt.

jazz-fun.de:
Welche Rolle spielt Improvisation in Deiner Musik – im Studio und auf der Bühne?

Fabienne Ambuehl:
Im Gegensatz zum Studio wird der Improvisation im Live-Kontext definitiv mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Die meisten Kompositionen sind durchdacht, und doch gibt es Raum und es ist immer wieder spannend, wo die Stimmung, auch abhängig vom Ort und der Vielfalt des Publikums, uns innerhalb der Stücke hinführt. Live hat auch der Gesang mehr Raum, sowohl in freien Improvisationen als auch als solistisches Instrument.

jazz-fun.de:
Gibt es eine besondere Live-Performance, die Dir unvergesslich geblieben ist?

Fabienne Ambuehl:
Die ausverkaufte Album Launch Show im Vortex Jazz Club in London, die wir Anfang Februar mit der Band gefeiert haben. Es war so eine tolle Atmosphäre und es hat wirklich Spaß gemacht, die Musik mit den Leuten im Raum zu teilen. Ein ganz anderes Live-Highlight war, als ich damals mit dem Jazzchor Freiburg als improvisierende Solistin beim Eurovision Song Contest für Chöre auftreten durfte - definitiv unvergesslich.

jazz-fun.de:
Wie hat sich Dein künstlerischer Ausdruck im Laufe der Jahre verändert?

Fabienne Ambuehl:
Zunehmend drücke ich mich auch stimmlich aus und habe Freude am Erforschen der menschlichen Stimme im Allgemeinen. Was mit quasi instrumentalen Gesangslinien begann, findet nun mehr und mehr Platz im gesungenen Wort, ja in der Songstruktur. Ich möchte noch mehr den Rhythmus, das “Packende” in meine Musik einbauen und gebe auch gerne der Einfachheit und Freude eines ansteckenden Grooves zum Beispiel Raum. Jazz soll schließlich auch Freude und Bewegung ausdrücken und auslösen.

jazz-fun.de:
Gibt es ein Projekt oder eine Idee, die Du in Zukunft unbedingt umsetzen möchtest?

Fabienne Ambuehl:
Im Moment ist es schon toll, mit dieser Band viel live zu spielen, zu sehen, wo und wie sich diese Musik bewegt und entwickelt. Parallel dazu bin ich dabei, Solostücke zu erarbeiten, nur mit Stimme und Klavier. Wer weiß, wohin das führt.

Aktuelles Album:
Fabienne Ambuehl - Thrive

Das Gespräch führte Jacek Brun

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