Friedemann Vogel und die Frage, was Kunst eigentlich will
Die wichtigsten Fragen der menschlichen Existenz wurden alle schon gestellt, sie müssen aber offenbar immer wieder neu verhandelt werden. Aktuell ist es die Künstliche Intelligenz oder genauer die Furcht vor einer möglicherweise die gesamte Menschheit auslöschenden »Superintelligenz«, die die Gemüter bewegt. Im Kern geht es dabei um eine Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine, zwischen bewusster (Selbst-)Reflexion und unbewusster (mechanischer, digitaler) Perfektion, die Heinrich von Kleist schon vor über 200 Jahren zum Thema seines in den Berliner Abendblättern veröffentlichten Essays »Über das Marionettentheater« machte. Dieser Essay war auch die Inspiration für »Die Seele am Faden«, eine beeindruckende Tanzperformance von und mit dem Ballettstar Friedemann Vogel, die am 5. und 6. September 2026 zum Auftakt der aktuellen Ballettsaison am Salzburger Landestheater gezeigt wurde.
Von Robert Fischer
»Die Seele am Faden« …
… wurde in Salzburg als erster Teil eines zweiteiligen Tanzabends aufgeführt. Über den zweiten Teil, eine Wiederaufnahme von Yonggeol Kims vom hiesigen Ensemble exzellent getanzter »Boléro« - Choreografie, haben wir bereits bei ihrer Uraufführung im letzten Jahr berichtet
Sind wir alle (nur) Marionetten?
In Kleists Text geht es formal um einen Dialog zwischen dem Erzähler und einem Tänzer, der die erstaunliche These vertritt, dass man nicht nur viel von den Puppen lernen könne, die er schon mehrfach in einem Marionettentheater gesehen habe – nein, Marionetten seien sogar allen menschlichen Tänzern überlegen. Warum? Weil sie, an Fäden hängend, eine »natürliche Grazie« hätten. Dabei geht Kleist offenbar von einem Verlust der natürlichen Anmut als Folge der Selbstreflexion aus, den er in seinem Text an drei Beispielen illustriert: Neben dem menschlichen Tänzer, der ständig über seine Wirkung nachdenkt, wodurch seine Bewegungen unnatürlich und schwerfällig würden (anders als die über kein Bewusstsein verfügenden, sich nicht eitel zierenden, sondern in ihren Gliedern allein passiv den Gesetzen der Schwerkraft folgenden Marionetten), zeigt er uns einen jungen Mann von außergewöhnlicher natürlicher Anmut. Dieser sieht sich beim Abtrocknen im Spiegel und fühlt sich bei seinem eigenen Anblick an eine berühmte antike Statue (»Der Dornauszieher«) erinnert. Als er daraufhin versucht, die zufällig – im Zustand reiner, nämlich sich seiner selbst unbewusster »Unschuld« – eingenommene Pose noch einmal genauso schön, aber nun bewusst einzunehmen, scheitert er, denn der Zauber des natürlichen Moments ist nicht wiederherzustellen. Im dritten Beispiel geht es um einen Fechtkampf mit einem Bären, den der Bär gewinnt, weil er anders als der Mensch weder denkt noch zweifelt oder taktiert, sondern sich auf seinen reinen Instinkt verlässt und somit jeden echten Stoß mühelos mit der Tatze parieren kann, während er sich bei Scheinangriffen (Finten) nicht vom Fleck rührt.
Friedemann Vogel und Thomas Lempertz
Was Friedemann Vogel und Thomas Lempertz mit diesem für ein heutiges Publikum durchaus sperrig zu lesenden, gleichwohl im Tanz wie im Schauspiel und in der Literatur immer wieder neu diskutierten Text verbinden, haben sie Adrian Robanus von der Stiftung Kleist-Museum in einem ausführlichen Interview erzählt, das als Ganzes auf der Website der Schwetzinger SWR Festspiele nachzulesen ist (https://www.swr.de/schwetzinger-swr-festspiele/programmheft-seele-am-faden-02-060525-100.html). Darin berichtet Thomas Lempertz, dass er sich als Tänzer oft selbst wie eine Marionette gefühlt habe: »Man führt vorgegebene Bewegungen aus, man wird gesteuert wie die Marionette vom ›Maschinisten‹. Ist diese Marionette frei? Hat sie Verstand? Hat sie ein Bewusstsein? Hat sie eine Seele? Wie lässt sich das auf einen Tänzer übertragen?«
Diese Fragen wurden zum Ausgangspunkt der Performance. Bei Kleist sagt der Erzähler, er wisse wohl, welche Unordnungen in der natürlichen Grazie das Bewusstsein anrichte. Für Friedemann Vogel scheint dagegen eine andere Antwort eindeutig zu sein: »Tanzen ist meine Art der Kommunikation. Mein Körper ist das Instrument meiner Seele. Ich will mit meinen Bewegungen etwas ausdrücken, will Menschen emotional erreichen, und das hat natürlich etwas mit meinem Verstand zu tun. Eine Marionette kann das nicht: Sie kann Schönheit darstellen, reine Ästhetik – aber das ist technisch und hat nichts mit Kunst zu tun. Denn das, was Kunst eigentlich will, nämlich Empathie wecken und Grenzen überschreiten, ist einfach nur mit einer Seele bzw. mit einem Verstand möglich.«
Jazz im Zeitalter KI-generierter Musik
Gerne überträgt man diese Erkenntnis auch auf die Musik: Kann ein vorprogrammiertes Instrument – vom aus heutiger Sicht vorsintflutlich anmutenden, mit perforierten Papierrollen selbstspielenden Klavier (Pianola) über das aktuell modernste Selbstspielsystem, den Steinway-Spirio, jemals die gleiche beseelte Qualität erreichen wie eine im Moment des (Zu-)Hörens entstehende menschliche Interpretation? Und was berührt uns, zumal im Jazz, mehr: die möglichst notengetreue interpretatorische Ausführung des kompositorischen Willens oder die individuelle Lesart des Interpreten? Kann es überhaupt eine »perfekte« Umsetzung einer Komposition geben, oder ist nicht deren unterschiedliche Lesart durch ein empathisches (seelenvolles) Individuum das eigentlich »Beseelende«? Ist, anderes Beispiel, das Erlebnis eines Livekonzerts nicht immer intensiver als jede Form der Konservierung (ob Vinyl oder Stream)? Walter Benjamins Frage nach dem Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit wird durch die Künstliche Intelligenz nicht anders gestellt, nur neu: Kann KI-generierte Musik jemals mehr sein als eine technisch womöglich staunenswerte, künstlerisch aber wertlose, weil seelenlose Imitation?
Alisa Scetina (Gaisma)
Da erscheint es nur folgerichtig, dass Friedemann Vogel und Thomas Lempertz sich dazu entschieden haben, für ihr Stück eine Musikerin mit auf die Bühne zu holen. Live zaubert Alisa Scetina, die auch unter dem Künstlernamen Gaisma bekannt ist, den stimmungsvollen Soundtrack zur Performance – wobei es sicher hilfreich ist, dass sie selbst auch über viel Erfahrung als professionell ausgebildete Tänzerin verfügt. In Kontakt kam man über eine Ausstellung von Thomas Lempertz: »Ich hatte seine Installation mit Ballettstangen in der Galerie Sindelfingen gesehen«, erzählte sie Andrea Kachelrieß in einem Interview für die Stuttgarter Zeitung, »und war fasziniert davon, wie jemand aus Ballett auf neue Weise Kunst macht.« Über Friedemann Vogel, den sie bei den Auftritten von ihrem im Hintergrund der Bühne positionierten Pult ständig im Blick hat, sagte sie im selben Interview: »Einen Tänzer wie ihn gibt es nur einmal.«
Mensch oder Maschine: Was am Ende bleibt?
Mit technischer Brillanz hat das nur zum Teil zu tun. Er habe sein ganzes Leben lang hart trainiert, um Anmut und Leichtigkeit ausführen zu können. Training und Disziplin seien die Voraussetzung dafür, sich während der Vorstellung auf die Magie des Augenblicks einlassen zu können. Aber letztlich gehe es nicht um Brillanz, sondern um die energetische Ebene – die Emotion sei es, die haften bleibe. Für erstrebenswert hält er nicht »das Schöne«, sondern das Wahrhaftige. Dementsprechend gebannt folgt man seiner Performance, in der er zunächst tatsächlich wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden hängt. Wie er sich nach und nach, inspiriert von Klängen, Tönen, aus diesem Korsett befreit, wie seine Bewegungen, seine ganze Erscheinung immer anmutiger werden, bis er schließlich seine Seele zum Fliegen bringen kann – das alles lässt sich kaum beschreiben, das sollte man im Idealfall selbst einmal in einer seiner Aufführungen erleben.
In zentralen Szenen ragt ein riesiger digitaler Avatar Friedemann Vogels über die Bühne, bewegt sich gemeinsam mit dem Live-Tänzer, evoziert künstliche Intelligenz und wirft die Frage auf: Wer ist der vollkommenere Tänzer, Mensch oder Maschine? Wenn reale und digitale Körper einander gegenübertreten, stellt »Die Seele am Faden« makellose Technik jener emotionalen Tiefe gegenüber, die allein der Mensch einbringen kann. Eine Kritikerin – Silvia Fichtner in der MOZ – erinnerte in diesem Zusammenhang an Alfred Grossers Formulierung vom »Menschwerden inmitten der Verzweiflung am Weltgeschehen«, um die es gehe. Tröstlich auch die Worte Friedemann Vogels selbst: »In diesem Stück gewinnt die Seele über die Marionette. Natürlich. Die Seele gewinnt immer. Daran müssen wir uns gerade jetzt erinnern, wo sich alles in Richtung Digitalisierung und KI bewegt. Letztlich ist es die Kunst, die zählt und die bleibt und unsere Gesellschaft immer verändern wird …«
FRIEDEMANN VOGEL
Friedemann Vogel wurde in Stuttgart geboren und erhielt seine Ausbildung an der Princesse Grace Academie in Monte Carlo als Stipendiat von Prinzessin Antoinette von Monaco. Bereits früh gewann er bedeutende internationale Wettbewerbe, darunter den Prix de Lausanne sowie Goldmedaillen beim Prix de Luxembourg und weiteren renommierten Wettbewerben in Europa und den USA. 1998 trat er dem Stuttgarter Ballett bei und wurde 2002 zum Ersten Solisten ernannt. Im selben Jahr gewann er den Erik-Bruhn-Preis in Toronto. Vogel wurde zweimal vom Fachmagazin TANZ zum »Tänzer des Jahres« gewählt (2010, 2019) und 2011 von Danza&Danza als »Bester männlicher Tänzer« ausgezeichnet. Sein breit gefächertes Repertoire reicht von Hauptrollen des klassischen und neoklassischen Balletts bis zu Werken bedeutender Choreografen wie John Cranko, George Balanchine, William Forsythe und Wayne McGregor. Als international gefragter Gast tanzte er bei führenden Compagnien weltweit, darunter das Mariinsky und Bolschoi-Ballett, Teatro alla Scala, English National Ballet sowie zahlreiche weitere renommierte Ensembles in Europa, Asien und Amerika. 2015 erhielt er den Titel »Kammertänzer«, die höchste Auszeichnung für Tänzer in Deutschland, gefolgt vom Deutschen Tanzpreis (2020). 2021 verfasste er als Botschafter des Internationalen Tanztages die offizielle UNESCO-Botschaft. Neben seiner tänzerischen Karriere widmet er sich der Choreografie und Lehre, unter anderem an der Universität Tübingen.
Anlässlich seines 25-jährigen Bühnenjubiläums beim Stuttgarter Ballett wurde er 2024 mit dem John-Cranko-Preis geehrt und gab im selben Jahr sein Spielfilmdebüt im Film Cranko. 2026 erhielt Friedemann Vogel den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg für sein künstlerisches Wirken sowie sein gesellschaftliches Engagement als internationaler Botschafter des Tanzes.
THOMAS LEMPERTZ
Thomas Lempertz ist ein bildender Künstler, der fest im Tanz verwurzelt ist. Er wurde in Pforzheim geboren und gab sein Bühnendebüt noch während seiner Ausbildung an der John-Cranko-Schule als Wunderkind mit dem Stuttgarter Ballett in dem Musical »On Your Toes«. Nach einer erfolgreichen Karriere als Solist in Stuttgart gab Thomas Lempertz 2003 das Tanzen auf und eröffnete sein eigenes Modeatelier mit Boutique in der Stuttgarter Innenstadt. Für seine Kreationen, die von alten Modehäusern, zeitgenössischer Haute Couture und Tanzkostümen inspiriert sind, wurde er 2011 für den »New Faces Award Fashion« nominiert. Seit 2013 arbeitet er mit international renommierten Choreografen zusammen und entwirft Kostüme für Ballett und Tanz. 2015 kehrte Thomas Lempertz mit »Greyhounds« auf die Bühne zurück, einem energiegeladenen Solo, das Marco Goecke im Rahmen eines Projekts für ehemalige Tänzer am Theaterhaus Stuttgart eigens für ihn kreierte. Von 2015 bis 2017 studierte Thomas Lempertz an der Kunstakademie Stuttgart Intermediale Kunst und schuf dabei Arbeiten mit dem Schwerpunkt Performance-Installationen. Außerdem unterrichtete er dort als Gastdozent Kunst- und Bewegungsworkshops im Labor für Tanz, Choreografie und Bewegung sowie an der Filmakademie Ludwigsburg.Zu den jüngsten Highlights zählen seine erste Einzelausstellung »Liquid Skin« in der Galerie Kernweine 2019, die Gruppenausstellung »Inszenierung I Inspiration Tanz und Fotografie« im Deutschen Tanzmuseum Köln 2021, die Einzelausstellung »Motion is Solution« 2021 und die Gruppenausstellung »What I like« 2022, beide in der Galerie der Stadt Sindelfingen.
ALISA SCETININA
Geboren in Lettland, hat sich Alisa Scetinina seit ihrer Kindheit mit Musik und lettischem Tanz beschäftigt. Während ihres ersten Theaterbesuchs verliebte sie sich in das Ballett und entschied sich dazu, Tänzerin zu werden. 2005 wurde sie an der Choreografischen Schule in Riga angenommen. Mit 15 Jahren folgte der Umzug nach Deutschland, um an der Hochschule für Musik und Theater München Ballett zu studieren. Sie tanzte an der Bayerischen Staatsoper München und der Staatsoper Stuttgart. Nach fünf Jahren im Ballett fasste sie den Entschluss, neue Wege zu gehen und sich an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart zu bewerben; die restliche Zeit investierte sie in Musik. Schnell entwickelte sie eine Leidenschaft für analoge Geräte, die bei ihren Live-Sets zum Einsatz kommen. Ihre Musik entzieht sich den üblichen Genrekategorien; stetig erneuert und erweitert sie ihr Repertoire. Neben ihrem musikalischen Wirken beschäftigt sie sich ebenfalls mit visuellen Projekten. Hierzu gehören analoge Fotografie, größtenteils hinter, manchmal auch vor der Kamera, außerdem Collagen und Videoarbeiten, welche sie häufig mit ihrer Musik in Kontext setzt. Es entstehen Symbiosen aus auditivem und visuellem Material, in welchen sie sich in einer zunehmend zeitgenössischeren Form der Be-wegung präsentiert. Alisa Scetinina wirkt als Komponistin, Cinematografin und Performerin in ihren Arbeiten, welche sich zwischen Choreografie und Improvisation wiederfinden.
TIMO KREITZ
Timo Kreitz ist Digital Artist mit Hintergrund in visueller Kommunikation (Universität der Künste) und der Spezialisierung in Motion Design (Filmakademie Baden-Württemberg). Er entwirft immersive Räume und interaktive Installationen, die die Betrachtenden dazu einladen, die Sinne herauszufordern und ihren persönlichen Erfahrungshorizont zu erweitern. Dabei spielen der Einsatz neuster Technologie und die Anwendung verschiedenster Soft- und Hardware eine wesentliche Rolle. Um neue Wege zu gehen, arbeitet Timo Kreitz in interdisziplinärem Austausch und experimentiert mit Fashion Designer:innen, Musiker:innen und Tänzer:innen. Er erforscht die Überschneidung zwischen der physischen und virtuellen Welt und kombiniert in seinen Arbeiten unterschiedliche Techniken, um die Möglichkeiten der Bildgestaltung radikal zu erweitern und eine progressive Ästhetik zu entwickeln. Timo Kreitz lebt und arbeitet in Berlin. Neben seiner Arbeit als Kreativdirektor bei einer renommierten Medienagentur entwickelt und realisiert er Arbeiten für Mode-, Kunst- und Kulturprojekte.
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Friedemann Vogel, Foto: Robert Fischer -
Friedemann Vogel, Foto: Robert Fischer -
Friedemann Vogel, Foto: Robert Fischer -
Friedemann Vogel, Foto: Robert Fischer -
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Friedemann Vogel, Gaisma (Alisa Ščetinina), Foto: Robert Fischer -
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Friedemann Vogel, Gaisma (Alisa Ščetinina), Foto: Robert Fischer -
Friedemann Vogel, Foto: Robert Fischer
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Friedemann Vogel, Foto: Robert Fischer -
Friedemann Vogel, Foto: Robert Fischer -
Friedemann Vogel, Foto: Robert Fischer
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Friedemann Vogel, Foto: Robert Fischer -
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Über den Autor
Robert Fischer ist freier Autor, Fotograf und Musikjournalist aus München. Für jazz-fun.de berichtet er von Konzerten, Festivals und anderen kulturellen Veranstaltungen. Seine Fotografie wurde bereits mehrfach international ausgezeichnet.
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